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Demografischer Wandel
Nicht nur zum Lachyoga

Priti Salian im  Seniorenhaus Sankt Anna in Arnsberg.
Priti Salian im Seniorenhaus Sankt Anna in Arnsberg. | © Marita Gerwin

In Indien leben die Alten geborgen im Schutz der Großfamilien, in Deutschland sind sie einsam und vereinzelt? Von wegen! Vom deutschen Umgang mit dem Altwerden könnte sich Indien so einiges abschauen, glaubt die indische Autorin Priti Salian.

Von Martin Jahrfeld

Alt zu werden ist ein biologischer Vorgang, doch die Bedingungen, unter denen Menschen diesen Prozess erleben, sind auch eine Frage von Kultur, Tradition und sozialen Strukturen. Die Unterschiede zwischen Indien und Deutschland könnten bei diesem Thema zunächst kaum größer sein. Auf dem Subkontinent ist die Bevölkerung jung, fast jeder Zweite nicht älter als 25. Indiens Alte sind traditionell Teil des Familienverbundes und verbringen ihren Lebensabend oft in häuslicher Gemeinschaft mit Kindern und Enkeln. Das wohlhabende Deutschland hingegen hat eine stark individualisierte Bevölkerung mit einem rapide wachsenden Anteil älterer Menschen, die oft allein und unabhängig von ihren Kindern leben. Doch solche Kontraste erzählen nur die halbe Geschichte. Bei näherer Betrachtung sind die Strukturen in beiden Ländern nicht ganz so verschieden wie sie erscheinen.

„Als ich anfing mich für das Thema zu interessieren, fiel mir auf, dass der Mangel an Altenpflegern in Deutschland ein großes Problem darstellt. In Indien ist das nicht anders. Auch hier gibt es einen Mangel an Pflegern und auch hier gibt es immer mehr alte Menschen. Bereits heute sind 104 Millionen Inder über sechzig. Der Unterschied zu Deutschland ist allein, dass bei uns niemand über die Probleme spricht“, beobachtet die indische Journalistin Priti Salian.

Bei einem Deutschland-Aufenthalt im Rahmen eines Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung hat die in Bangalore lebende Journalistin die Lage in Deutschland unter die Lupe genommen. „Ich wusste, dass die Gesellschaft bereits stark gealtert ist und das Land heute eine der ältesten Bevölkerungen der Welt hat. Ich wollte wissen, wie man mit diesen Herausforderungen umgeht“, erläutert Salian die Motivation für ihr Recherche-Projekt.

Während ihrer Zeit beim Kölner Stadtanzeiger erkundete sie altengerechte Projekte in Nordrhein-Westfalen, wobei sie nicht nur mit Forschern, Pflegekräften und Fachärzten, sondern auch mit vielen Senioren ins Gespräch kam. Die Ergebnisse ihrer sechswöchigen Recherche haben die Journalistin begeistert. „Was den Umgang mit alten Menschen angeht, kann Indien eine Menge von Deutschland lernen“, glaubt Salian, die in ihrer Heimat vor allem über Gesellschaftsthemen schreibt und für internationale Medien wie den britischen Guardian und die BBC berichtet.

Bei ihrer Deutschland-Recherche zeigt sich die Journalistin vor allem von Projekten der Stadt Arnsberg beeindruckt. Die Sauerland-Kommune, die mittlerweile als Modellgemeinde für eine altengerechte Umgebung gilt, setzt auf vielfältiges Bürgerengagement, finanziert Mehrgenerationenhäuser und sorgt für Barriere-Freiheit im öffentlichen Raum. „Besonders fasziniert hat mich ein Kindergarten, in dem Senioren ehrenamtlich mitarbeiten. Die Alten dort hatten ein erfülltes Leben und blickten zuversichtlich in die Zukunft“, berichtet Salian. Doch auch in Remscheid, Köln und Berlin fand die Journalistin viel Überzeugendes: „Hier gibt es wirklich viele erstaunliche Projekte, etwa eine Theatergruppe für Demenzkranke oder Mehrgenerationenhäuser, die sich speziell an Senioren mit LGBTQ-Hintergrund richten.“

Deutschland ein Paradies zum Älterwerden? Nicht ganz. Die Schattenseiten des demographischen Wandels sind der Journalistin während ihres Aufenthaltes nicht verborgen geblieben: „Viele jüngere Deutsche fürchten sich vor Altersarmut. Die Angst ist ja nicht unbegründet. Etliche Studien sagen, dass in den kommenden zwanzig Jahren jeder fünfte deutsche Rentner prekär leben wird“, so Salian.

Die Journalistin ist überzeugt, dass die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft auch in Indien stärker in den Blickpunkt genommen werden müssen. Denn dass die Älteren automatisch im Familienverbund mit den nachfolgenden Generationen leben und dort von Kindern und Enkeln umsorgt werden, ist auch auf dem Subkontinent nicht mehr so selbstverständlich wie noch vor einigen Jahrzehnten: „Der Respekt vor alten Menschen ist in der indischen Kultur tief verwurzelt, was sich etwa darin ausdrückt, dass Menschen selbst im reifen Alter noch den Wünschen ihrer Eltern folgen. Die beruflichen Herausforderungen der neuen indischen Mittelschicht führen jedoch dazu, dass sich viele Menschen nur noch wenig um die Alten kümmern können. Auch wenn das in der indischen Kultur eigentlich ein Tabu ist, leben deshalb auch bei uns zunehmend mehr Alte in Heimen.“

In Indien, so glaubt die Journalistin, müsse es deshalb darum gehen, für Senioren und Seniorinnen aktivere Rollen in der Gesellschaft zu finden. „In Deutschland werden Rentner als produktive Menschen betrachtet, die auch in reifem Alter noch neue Fähigkeiten erwerben und neue Ziele erreichen können. In Indien erwartet man von den Senioren allenfalls, dass sie ihren religiösen Aktivitäten nachgehen, Lachyoga praktizieren oder spazieren gehen. Das aber unterfordert viele, das  Leben erscheint ihnen dann sinnlos und langweilig. Die Projekte, die ich in Deutschland gesehen habe, bieten interessante Alternativen, für die auch in Indien Bedarf besteht.“
 

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