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Gesellschaft
Ein lange ersehntes Urteil

Hinduistische Götter
Hinduistische Götter | © piqsels.com

Im Brennpunkt zweier Religionen: Die zerstörte Moschee von Ayodhya soll ausgelagert werden.

Von Martin Kämpchen

Der 6. Dezember 1992 war ein schwarzer Tag für das unabhängige Indien. In dem hinduistischen Wallfahrtsort Ayodhya im nordindischen Uttar Pradesh attackierten fanatische Hindus die Babri-Moschee und machten sie innerhalb weniger Stunden dem Erdboden gleich. Ein Aufschrei ging durch die Nation. Tagelang danach blieb sie wie erstarrt. Aus Protest und Hilflosigkeit riefen die Parteien einen Generalstreiktag nach dem anderen aus. Dadurch wurden größere Unruhen zwischen Hindus und Muslimen verhindert. Dennoch starben Hunderte, und die Polarisierung der Bevölkerung zwischen Hindus und Muslime war noch stärker als bisher.

Aufgrund der Animosität zwischen den beiden Religionen war der Subkontinent 1948 in Indien und Pakistan aufgespalten worden - mit dem Ergebnis, dass sich bis heute zwei verfeindete Länder gegenüberstehen. Ayodhya ist einer der Brennpunkte dieses Konflikts. Immer wieder muss jedoch betont werden, dass die muslimische Minderheit insgesamt friedfertig in Indien integriert ist. Kulturell übt der Islam dort enormen Einfluss aus, vor allem in der Musik und der Architektur, andererseits nahm der indische Islam zum Beispiel im Sufismus zahlreiche Hinduelemente auf.

Was ist Besonderes an der Kleinstadt Ayodhya mitten in der nordindischen Ebene, dass sich dort die Konflikte und Verwundungen der zwei religiösen Gemeinschaften kristallisieren? Einer der am meisten verehrten Götter im Hindu-Pantheon ist Ramachandra - abgekürzt Rama oder Ram -, eine Inkarnation des höchsten Gottes Vishnu; sein Leben wird in den populärsten Epen, dem Mahabharata und vor allem im Ramayana, beschrieben. Zwar nennen diese beiden Schriften nicht seinen Geburtsort, doch über Jahrhunderte hat sich der Glaube verfestigt, dass Rama in Ayodhya geboren wurde.

Haben Götter einen irdischen Geburtsort? In Indien schon. Denn Gottheiten sind dort einerseits heroisch lebende Menschen, andererseits Götter und Göttinnen, die ewig existieren - die Übergänge sind fließend. Fürs indische Verständnis sind Zeit und Zeitlosigkeit, Mensch und Gott untrennbare ineinanderfließende Einheiten. Entsprechend sind die Gläubigen nicht auf Ayodhya als Geburtsort festgelegt, oder anders: gesagt: Ayodhya ist überall. Schwierig wird es jedoch, wenn es um Macht, Besitzverhältnisse, Riten, Rangordnungen und Gerichtbarkeit geht. Dann müssen sich die Menschen festlegen.

Beide Glaubensrichtungen wollen auf denselben Platz

Deshalb ist schon seit der britischen Kolonialzeit Ayodhya ein Fall für die Gerichte. Zwei Religionsgemeinschaften wollen einen bestimmten Ort dominieren. An der Geschichte des Konflikts kann man die komplexen Haltungen zwischen Hindus und Muslimen, aber auch die Bemühungen der beiden Religionen um ein gegenseitiges Sich-Arrangieren und um praktikable Lösungen des Zusammenlebens ablesen. Ebenso sind die Einmischungen der britischen Kolonialregierung und später sukzessiver indischer Regierungen stets Befriedungsbemühungen gewesen, wiewohl sie nicht immer unparteiisch waren.

In den letzten Jahrzehnten haben indische Archäologen offenbar zweifelsfrei nachweisen können, dass zunächst ein Tempel an der fraglichen Stelle stand. Der Mughal-Herrscher Babar erbaute dort dann Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine Moschee. Nicht nachweisen konnte man jedoch, dass der Tempel in der Absicht zerstört wurde, die Babri-Moschee zu errichten. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts gab es blutige Auseinandersetzungen mit zahlreichen Toten.

Vom Jahr 1949 an köchelte der Zwist ununterbrochen bis heute. Damals wurde in der Moschee heimlich eine Statue von Rama installiert - in der Gestalt eines Kindes - und auf diese Weise das Gotteshaus entweiht. Auf die Proteste der Muslime hin wurde es geschlossen. Als die Hindu-Nationalisten erstarkten und sich kulturell und politisch organisierten, kam es in den achtziger Jahren zu Initiativen, den Ort - geheißen "Ram Janmabhumi" (Geburtsort von Rama) - zu "befreien" und dort einen neuen Tempel zu bauen. Sie wurden auch politisch unterstützt, was und führten zu dem tragischen Ereignis im Jahr 1992 führte, der Zerstörung der Babri-Moschee. Das gesamte Terrain wurde danach abgeriegelt. Doch es gelang den Hindus, eine Statue Rams in einem improvisierten Schrein zu inthronisieren.

Seitdem steht die indische Politik im Schatten dieses Vorfalls. Er wurde weltweit verdammt, aber die rechtsradikalen Kräfte im Land bekamen neuen Zulauf. Nun forderten Hindu-Organisationen die Errichtung eines repräsentativen Rama-Tempels an jenem Ort, an dem die Moschee gestanden hatte. Regionale und gesamtindische Regierungen erneuerten routinemäßig das Versprechen, diesen Tempel zu bauen: Der Erfolg von Wahlen hing von diesem Versprechen ab.

Ganze Züge voller Pilger, die Ziegel mitbrachten, auf die "Ram" eingebrannt war, fuhren nach Ayodhya, wo die Steine für den zukünftigen Tempelbau gelagert wurden. Einer dieser Züge wurde angegriffen und ein Abteil in Brand gesteckt; viele Pilger kamen dabei um. Am nächsten Tag rächte sich in Ahmedabad und anderen Städten in Gujarat ein Riesenmob an den Muslimen. Das war im Jahr 2002; rund zweitausend Menschen starben bei diesen Massakern.

Wie weise ist der Oberste Gerichtshof?

Nach langem Prozessieren bestimmte schließlich im Jahr 2010 der Oberste Gerichtshof in Allahabad, dass der Ram Janmabhumi unter den drei prozessführenden Parteien aufgeteilt werde: zwei Teile an die Hindu-Parteien, ein Teil an die muslimische. Dieser Kompromiss wurde jedoch angefochten, und der Fall ging vor den Supreme Court, das höchste Gericht des Landes. Weitere neun Jahre vergingen, bis vor wenigen Tagen das lang erwartete und hoffentlich abschließende Urteil gesprochen wurde (F.A.Z. vom 11. November). Es lautet, abgekürzt: Den prozessführenden Hindu-Parteien wird das gesamte Terrain zugesprochen, die Muslime erhalten ein Grundstück "an prominenter Stelle" außerhalb des Ram Janmabhumi, um ihre Moschee neu aufzubauen. Grund dafür, die vorherige Aufteilung rückgängig zu machen, sei, dass sie nicht zu Frieden und Ruhe beitrage. Mit anderen Worten: Das etwa zwei Fußballplätze umfassende Gebiet sei zu klein für Tempel und Moschee.

Der Jubel vieler Hindu-Gläubiger war groß. Die Regierung hatte Tausende von Polizisten in und rund um Ayodhya stationiert, um einem Aufruhr vorzubeugen. Offizielle muslimische Organisationen hatten schon im Vorhinein verlauten lassen, dass sie das Urteil, was immer es verkünden werde, anerkennten. Offensichtlich waren sie erschöpft und rechneten sich in einem Land, das von einer radikalkonservativen Hindu-Partei regiert wird, nicht mehr Gerechtigkeit aus, als dieses Urteil bringen würde.

Dennoch war die Enttäuschung unter den Muslimen unverkennbar. Die Kardinalfrage war: Wie steht es mit der Bestrafung jener, die den gewaltsamen Abriss der Babri-Moschee zu verantworten hatten? Der Menschenrechtsaktivist und Journalist Harsh Mander übte in der Zeitschrift "The Wire" unverblümte Kritik am Urteil: Der Hindu-Gemeinde werde der Geburtsort von Rama zugeteilt aufgrund ihres Glaubens an den Gott und seine Geburt in Ayodhya. Könne dies aber ein juristischer Grund für die Überschreibung einer Immobilie sein?

Und: Die beiden kriminellen Akte der Jahre 1949 und 1992 sowie die unerlaubte Errichtung einer Rama-Statue unmittelbar nach der Zerstörung der Babri-Moschee werde nun "belohnt" durch die Aussiedlung des muslimischen Gotteshauses.

Muslimische Juristen erkennen allerdings auch die positiven Seiten des jüngsten Urteils an. Es soll verhindern, dass es weitere ähnliche Gerichtsfälle auslöst. Eine Hindu-Organisation zählte dreitausend Moscheen auf, die vor Jahrhunderten Tempel - sei es mit oder ohne Gewalt - ersetzt haben. Bekannte Beispiele sind Varanasi und Mathura. Ansprüchen auf Restitution dafür will das Urteil einen Riegel vorschieben. In diesem Zusammenhang bestätigte das höchste Gericht auch, dass die Babri-Moschee in Ayodhya nicht als Folge der Zerstörung des Ram-Tempels gebaut worden sei - wie es von den radikalen Hindus behauptet wird.

Obwohl das Urteil also der Hindu-Mehrheit in Indien entgegenzukommen scheint, ist es dem Gericht gelungen, das jahrzehntelange Ringen um "Mandir oder Masjid" (Tempel oder Moschee) zu einem erträglichen Abschluss zu bringen. Der Urteilsspruch betont die Gleichwertigkeit der Religionen und die "säkulare" Natur des indischen Staates. Nun hängt die Wirksamkeit der Entscheidung davon ab, ob sich die beiden religiösen Gemeinden bereitfinden, einen Schlussstrich zu ziehen, oder ob sie sich zu gewaltsamen Emotionsausbrüchen hinreißen lassen.

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