Bei uns zu Gast ... Ernst Surberg

Ernst Surberg
© privat

Ernst Surberg ist Gründungsmitglied des ensemble mosaik. Er trat im April mit anderen Musikern auf der Offenen Bühne im Goethe Institut New Delhi auf. Das ensemble mosaik wurde 1997 auf Initiative junger Berliner Instrumentalisten und Komponisten ins Leben gerufen und hat sich als besonders vielseitige und experimentierfreudige Formation zu einem der renommiertesten Ensembles für zeitgenössische Musik in Deutschland entwickelt.

 

Mein erster Eindruck von Indien war...
...einzutauchen in einen Nebel, den wörtlichen, denn es war smog oder haze, und den sprichwörtlichen, der die Nase vernebelt und sich aus nicht erkennbaren Einzelgerüchen zusammensetzt, den Nebel des Gewusels, den Stimmennebel der mir fremden Sprache, den Nebel der Unsicherheit über die Anzahl der Sprachen, deren Laute ich nicht auseinanderhalten kann. Und die Hitze, das Drückende der Luft, ihre Stofflichkeit, der Zweifel, ob man das atmen kann und gleichzeitig die Klarheit über die Unentrinnbarkeit des Atmenmüssens, das ich jetzt mit den Millionen von Menschen in Delhi teile.

An meinen (Wahl-) Heimatort Berlin erinnert mich in Neu Delhi...
... spontan nichts! Außer, dass man sowohl bei Delhi als auch Berlin nicht als Erstes auf die Idee käme, die Stadt als eine schöne zu bezeichnen.

Eine Sache, die mir in Indien aufgefallen ist (und die in Deutschland eher untypisch ist)… ...Menschen offen zu trennen nach: Glauben, sozialem Status, Herkunft, Touristen vs Einheimische. In Deutschland gibt es auch diese Gruppen, aber mir kommt die Durchlässigkeit zwischen ihnen viel größer vor. Anschaulich ist mir das geworden, als ich in der Hindustan-Times, die wirklich überall ausliegt und ca. jeden zweiten Tag ihre komplette Titelseite mitsamt Rückseite als Anzeige verkauft, auch das etwas mir undenkbar Scheinendes für eine seriöse Tageszeitung, die Kontaktanzeigen studiert habe. Ich habe sie jetzt nicht vor mir liegen, aber es spricht Bände, dass sie nicht nur nach WM MW WW MM sortiert sind sondern zunächst nach Volksgruppe ("Panjabi"), Religion, Akademiker, soweit mir das jetzt aus dem Kopf erinnerlich ist, aber ich habe sehr gestaunt, das weiß ich. Und in den Anzeigen steht dann manchmal auch "keine Kastenvorurteile", weil das eben erwähnenswert ist. Wenn es ums Heiraten geht, stehen die Vorbehalte wie Knochen hervor, ein X-Ray durch die Klassengrenzen.

Frauen sehen immer aus, als würden sie jemandem gehören.

Im täglichen öffentlichen Leben sehr stark auffallend ist der Respekt vor Tieren, vor dem Leben in ihnen, was sie mit den Menschen gemein macht. Diese selbstverständliche Achtung liegt mir als in Deutschland Aufgewachsenem fern, aber gerade darum beeindruckt mich die Schönheit dieser Haltung zutiefst. In Deutschland kommt Leistung, Zweck, Ratio vor dem Sein, es wird durch die Brille des Wozu gesehen.

Eine bleibende Erinnerung an Indien…
Die Straßen Delhis und erst recht die Landstraßen sind eine Knochenmühle, und die Tuk-Tuk Fahrer gehen daran auf erhabene Weise, nämlich bejahend zugrunde. Wie ja alle, aber ich habe den Eindruck, dass sie, die Tuk-Tuk-Piloten, es wissen. Gegenwärtig das Bild wie der ca. 55-jährige Pilot an einem Kreuzungsstop seine Handgelenke zur Entspannung von den Lenkergriffen nimmt und in die Halterung der Rückspiegel hängt; die geduldige Haltung eines Gekreuzigten.

Es ging mir auf den Straßen und in den Cafés in Delhi oft so, als ginge ich durch einen Wald von unsichtbaren Blicken, die immer schon auf mir ruhten, bevor ich sie bemerkte. Wach, aber ruhig und ohne Angst, wahrnehmend waren diese Blicke. Länger und gleichzeitg schneller, immer mir voraus, der ich mich zuerst wohl an Dingen orientiere und mich an die Menschen später herantaste - wenn die mit mir eigentlich schon fertig sind.


 

Ernst Surberg (geb. 1966 in Münster) ist Gründungsmitglied des ensemble mosaik. Er studierte Klavier an der Hochschule der Künste und der Akademie für Musik Hanns Eisler in Berlin. Im Anschluss an das Studium gab ein Meisterkurs für zeitgenössische Klaviermusik bei Jeffrey Burns die Initialzündung für Surbergs intensive Beschäftigung mit der Neuen Musik.