Marie Luise Kaschnitz

31. Januar 1901 in Karlsruhe – 10. Oktober 1974 in Rom

Als Kind der Adelsfamilie von Baden wuchs Marie Luise von Holzing-Berslett in Potsdam und Berlin auf. Ihr Vater war ein preußischer General. Da junge Frauen aus konservativen Familien zu dieser Zeit nicht studierten, machte Kaschnitz eine Buchhandelslehre. Sie arbeitete in einem Verlag in München und später in einer Buchhandlung in Berlin.

Während einem Arbeitsaufenthalt in Rom lernte sie 1925 ihren späteren Ehemann Guido von Kaschnitz-Weinberg kennen. Er war Archäologe, den sie auf seinen Exkursionen nach Italien, Jugoslawien, Griechenland, Ungarn, in die Türkei und nach Nordafrika begleiten sollte.  Während dieser Reisen sammelte sie Eindrücke und Ideen für ihr Schreiben.

Ihre beiden Romane Liebe beginnt und Elissa wurden 1933 beziehungsweise 1936 veröffentlicht, fanden aber bis zur Wiederveröffentlichung fünfzig Jahre später kaum Leser. In beiden Geschichten geht es um junge Frauen und den Schwierigkeiten, denen sie begegnen. 

Kurz nach dem 2. Weltkrieg begann Kaschnitz, Gedichte zu schreiben. 1947 veröffentlichte sie die Sammlung Gedichte, in der sich außerordentlich originelle Gedichte finden. Im gleichen Jahr erschienen Totentanz und Gedichte zur Zeit. Im zweiten findet sich die erschütterte und traurige Welt der Nachkriegszeit beschrieben, nicht allerdings ohne eine vielversprechende Zukunft anzudeuten.

Nach den Bänden mit Gedichten erschien die Erzählsammlungen Das dicke Kind und andere Erzӓhlungen (1952). In Das dicke Kind werden Geschichten aus ihrer eigenen Jugend erzählt, was die Erzählungen mehr oder weniger autobiographisch macht. Drei Jahre später erhielt Kaschnitz den Georg Büchner Preis, die höchste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur.

1962 wurde Dein Schweigen, meine Stimme veröffentlicht, worin sie ihre Trauer und Niedergeschlagenheit nach dem Tod des Ehemanns verarbeitete. In den Folgejahren erschienen eine weitere autobiographische Erzählung, Wohin denn ich (1963), und eine Sammlung ausgewählter Gedichte, Überallnie (1965), außerdem Radiohörspiele, Essays und Literaturkritik.
Mit über siebzig Jahren weiterhin schriftstellerisch tätig, erhielt sie 1973 den Roswitha Preis. Sie starb am 10. Oktober 1974 in Rom.

Kaschnitz Geschichten sind wie Quellen, sie speisen die Brunnen der Erzählkunst und seelischer Wahrheit. Ihre Essays zur griechischen Mythologie und ihre Literaturkritik zeigen sie als eine aufmerksame Beobachterin der Probleme von Frauen in der Gesellschaft. Ihre Erzählungen sind oft voller Mehrdeutigkeiten.

Ihre Poesie reicht von höchst skeptischen Ansichten bis hin zu beinahe offenbarender Spiritualität. Sie verfasste selten eine klare und genaue Prosa, stattdessen erscheint ihr Schreiben als undeutlich, da es ihre Absicht war, Dinge nicht einfach zu beschreiben, sondern Verstehen und Gefühle durch Rückschlüsse, Bilder und Anspielungen zu ermöglichen.