Ilse Aichinger

1. November 1921, in Wien – 11. November 2016, in Wien
 
“Mag es immerhin den Kopf kosten, wenn es nur nicht das Herz kostet” – Ilse Aichinger
 
Die jüdisch-österreichische Schriftstellerin, Lyrikerin und Hörspielautorin Ilse Aichinger wurde 1921 in Wien geboren und verlebt ihre Kindheit in Linz. Ihre Mutter war eine assimilierte Jüdin, ihr Vater Katholik. Die Familie wurde von den Nazis auf Grund ihrer Herkunft verfolgt und die Großmutter starb 1942 in einem Konzentrationslager. Aichingers Mutter, eine Ärztin, wurde zur Arbeit in einer Fabrik gezwungen.

Aichingers Ausbildung wurde durch den 2. Weltkrieg unterbrochen, als ihr als so genannter Halbjüdin das Medizinstudium verweigert wurde. Obschon sie dann 1947 ihr Medizinstudium aufnahm, war sie so zunächst gezwungen, sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Ihr einziger Roman, Die größere Hoffnung, erschien 1948. In dem Roman geht es um die Angst und das Leiden sowohl der Juden wie ihrer Verfolger während des so genannten Dritten Reiches. Im Text spiegelt sich Aichingers Engagement für die Schwachen wie auch ihre Skepsis gegenüber der deutschen Sprache.

Neben dem Roman verfasste Aichinger Werke wie Rede unter dem Galgen, Knöpf, ein Hörspiel, in dem die Arbeiter sich nach und nach in ihre Produkte verwandeln, Plätze und Straßen, eine Reihe von Überlegungen zu Orten in Wien, Zu keiner Stunde, eine Sammlung surrealer Dialoge, sowie die Kurzgeschichtensammlung Schlechte Wörter, in denen die Sprache manchmal wie eine Barriere für die Verständigung erscheint.

1953 heiratete sie den deutschen Dichter Günther Eich, den sie durch ihre Mitgliedschaft in der Gruppe 47 kennengelernt hatte, einem losen Verbund von Schriftstellern in der Nachkriegszeit. Sie hatten eine Tochter, Mirjam, und einen Sohn, Clemens. Aichinger führte ihr Schreiben fort und erhielt wichtige Auszeichnungen wie den Österreichischen Staatspreis (1952), den Literaturpreis der Stadt Bremen (1955), den Bayrischen Literaturpreis (1961) und den Nelly-Sachs-Preis (1971).

Während dieser Jahre lebte sie mit ihrer Familie in der Nähe von Salzburg – bis zu Günther Eichs Tod 1972. Danach zog sie in ein abgeschiedenes Dorf an der bayrisch-österreichischen Grenze, um sich dann nach dem Tod ihres Sohnes 1988 ganz aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. 

Ihre Erzählungen werden mit denen Franz Kafkas verglichen, denn sie erscheinen traumhaft, halluzinatorisch und unterschwellig allegorisch. Wie Kafka entwirft Aichinger eine fiktive Welt, die so real wie visionär zugleich ist. Diese zeigt auch deutliche Züge eines christlichen Mystizismus. Ihre Hörspiele illustrieren existentielle Grenzerfahrungen zwischen Anpassung und Widerstand.

In den Erzählungen untersucht sie eine Vielfalt menschlicher Gefühle, darunter Angst, Entfremdung, Paradoxien und Uneindeutigkeiten. Ihre Poetik geht davon aus, dass zu viel Licht, zu viel blindmachende Klarheit nicht der Wirklichkeit entsprechen. Der Schatten, die Nuancen, das Reich des Dazwischen hingegen ermöglichen den Zugang zum Wirklichen. Ihre Freude am Experimentellen und der von ihr unternommene Versuch, ihre Texte bewusst offen für unterschiedliche Deutungen zu halten, stellen eine faszinierende Herausforderung für die Leser und Leserinnen dar. 

 

In unserer Bibliothek finden sich die folgenden Bücher von Ilse Aichinger:

Aichinger, Ilse: The greater hope / Translator: Geoff Wilkes. Königshausen & Neumann, 2016. 252 Seiten.
ISBN: 9783826059216 ; 3826059212
      
Aichinger, Ilse: Selected poetry & prose. Logbridge-Rhodes, 1983. 141 S.
ISBN: 0937406244
 

In unser eLibrary finden sich die folgenden eBooks und Audiobooks von Ilse Aichinger:

Schmid-Bortenschlager, Sigrid: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000: Eine Literaturgeschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2009.
ISBN: 9783534704538
http://www.onleihe.de/goethe-institut/frontend/mediaInfo,0-0-355008806-100-0-0-0-0-0-0-0.html
 
"Wir waren voller Hoffnung": Zeitzeuginnen des 20. Jahrhunderts im Gespräch (Audiobook) / Editor: Lerke von Saalfeld. Speaker: Ilse Aichinger, Wibke Bruhns and others. Hörverlag, 2016.
ISBN: 9783844524338
http://www.onleihe.de/goethe-institut/frontend/mediaInfo,51-0-483532267-100-0-0-0-0-0-0-0.html