May Ayim

3. Mai 1960 in Hamburg – 9. August 1996 in Berlin

May Ayim wurde als Sylvia Andler 1960 in Hamburg geboren. Ihre Eltern, die Deutsche Ursula Andler und der ghanaische Medizinstudent Emmanuel Ayim waren unverheiratet. In dieser Lage entschied sich Mays Mutter, das Kind zur Adoption freizugeben.

Nach achtzehn Monaten fand sich eine weiße Familie namens Opitz zur Adoption, die dem Kind den Namen May gab. Die Familie hatte bereits eigene Kinder, mit denen May aufwuchs. Sie lebte mit den Opitz von 1962 bis 1979 in Nordrhein-Westfalen. Sie besuchte verschiedene Schulen in Münster, bevor sie an die Universität nach Regensburg ging, wo sie 1986 in Psychologie und Erziehung ihren Abschluss machte.

Ihre Abschlussarbeit trug den Titel Afro-Deutsche, Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und wurde später als Buch veröffentlicht (Farbe bekennen: Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte). 1992 erschien es in Übersetzung in England und den USA als Showing our colours: Afro-German Women speak out.

Während ihres Studiums in Regensburg reiste sie nach Israel, Kenia und Ghana und nahm den Kontakt zu ihrem biologischen Vater auf. Danach begann sie den väterlichen Nachnamen als Autorinnennamen zu benutzen.
1986 wurde sie Mitbegründerin der Initiative Schwarze Deutsche.

Ihre Erfahrungen nach dem November 1989 beschrieb sie lebhaft in dem Gedicht Deutschland im Herbst und in einem Interview in der Dokumentation Hoffnung in Herz. Sie war auch Mitherausgeberin und Autorin des Buches Entfernte Verbindungen.

1995 publizierte sie die Gedichtsammlung blues in schwarz weiss. Das Werk beschreibt den Prozess der Marginalisierung aufgrund von Hauptfarbe sowie die deutsche Einigung, in der diese sich unter anderem unmittelbar zeige. Um die uralte Dynamik zwischen Schwarz und Weiß zu deuten, verweist sie auf die afro-amerikanische Tradition des Blues: Während der Feierlichkeiten zur deutschen Einheit frohlockten die einen in Weiß, während die anderen an den Rändern in Schwarz trauerten – gemeinsamen tanzten sie zum Rhythmus des Blues.  

Ayim schrieb in der Tradition der mündlichen Rede und fühlte sich den schwarzen Dichtern der Diaspora sehr verbunden. Dichtung gab ihr die Möglichkeit, die weiße deutsche Gesellschaft mit ihren eigenen Vorurteilen zu konfrontieren.

In ihren letzten Lebensjahren war sie Dozentin an Universitäten in Berlin, arbeitete als Sprachtherapeutin und als Studienberaterin an der Alice Salomon School für Sozialarbeit und schrieb an einer Doktorarbeit über Ethnozentrismus und Sexismus in der Sprachtherapie. Ayim kämpfte ihr Leben lang mit der Depression und beging am 9. August 1996 Suizid. 

Ayims Schriften überschreiten Dank ihrer Sensibilität, ihres Humors und ihrer politischen Scharfsinnigkeit viele Grenzen. Ihre Gedichte sind leidenschaftlich und voller Ironie, wirken anziehend, wobei nicht einmal ihr Humor, ihr Spiel mit den Worten und Pointen die Vehemenz ihres Protests gegen Rassismus, Sexismus und alle anderen Formen von Ismen, die Traurigkeit in unsere Gesellschaft tragen, verdecken können.

Die Schriften von Autorinnen wie Ayim, die außerhalb der Gesellschaft stehen, tragen zu reichhaltigen und neuen Perspektiven in der deutschen Literatur und der deutschen Diskussion über Race bei. Sie besitzen einen ganz eigenen Standpunkt gegenüber der Gesellschaft und dies macht diese Arbeiten so unverzichtbar.