Biodiversität Vom Ödland zum Regenwald

Pamela und Anil Malhotra
Pamela und Anil Malhotra | Foto: privat

Im indischen Landstrich Kodagu erschuf ein Ehepaar eine Oase der Biodiversität. Seit zwei Jahrzehnten kaufen Pamela und Anil Malhotra brachliegendes Ackerland und haben es in einen Regenwald und einladenden Zufluchtsort für eine vielfältige Tierwelt verwandelt.

Das beseelte Zwitschern von Nashornvögeln, Eisfischer und Paradiesschnäppern erfüllt die Luft oberhalb der Baumkrone. Zibetkatzen, Plumploris, Leoparden und Königstiger sowie eine Vielzahl weiterer Tiere – darunter auch seltene, bedrohte Arten – bewegen sich durch den Dschungel. Regengeruch erfüllt die Luft, während der Sprühregen des frühen Monsuns die Blätter benetzt. Versteckt in der Brahmagiri-Bergkette in den Western Ghats des Kodagu-Bezirk von Karnataka liegt ein 75 Hektar großes privates Naturschutzgebiet, das aus einer prächtigen Zahl von einheimischen Bäumen besteht. Vor zwei Jahrzehnten war der Großteil der Fläche noch reines Ödland.

Der einmaligen und alleinigen Kraftanstrengung zweier Menschen ist es zu verdanken, dass dieser riesige, der Biodiversität in Kodagu Schutz bietende Regenwald entstehen konnte – zweier Menschen, die eigentlich die Überzeugung teilen, der Mensch solle sich so wenig wie nur möglich in die Natur einmischen. Pamela Malhotra und ihr Ehemann Dr. Anil Malhotra erwarben dieses Stück Land, um es der Natur zu überlassen und schufen so das Save-Animals-Initiative-Naturschutzgebiet. Um ihr konservatorisches Anliegen durch Bildungsprogramme und Vorträge noch besser fördern zu können, gründeten die beiden zusätzlich noch eine Non-Profit-Organisation: den Save Animals Initiative Sanctuary Trust.

Liebe, Wertschätzung und ein Traum

Pamela wuchs in New Jersey in den USA auf – beziehungsweise, wie sie selbst es sagt, zu einer Zeit, als jenes „ländliche New Jersey” noch existierte, nämlich inmitten von bewaldeten Anwesen und bei einer Mutter, die sie als indianische Ureinwohnerin zur Liebe zur Natur erzog. Auch Dr. Anil Malhotras Begeisterung für die Schönheit der Natur geht auf seine Kindheit zurück, die er in einem Tal im indischen Dehradoon an der Doon School verbrachte. „Die Natur ist sehr ausdrucksstark mit ihren so vielfältigen Arten”, beschreibt er seine Überzeugung. 1986 starb Anils Vater. Auf dem Weg nach Haridwar, wo sie seine Asche verstreuen wollten, verliebten die Eheleute sich in die Schönheit der mächtigen Himalayas. Die frische Bergluft der Uttar Kashi-Region lockte sie an, und also zog das Paar aus Hawaii hierher, um die nächsten zehn Jahre hier zu leben. Schließlich trafen sie den Entschluss, ein Naturschutzgebiet zu schaffen, um die Schönheit der Natur vor der Zerstörung zu retten, und sie versuchten, dafür Land zu erwerben. Allerdings zunächst erfolglos. Denn der indische Land Ceiling Act erlaubt jeder Familie nur den Besitz von nicht mehr als als drei Hektar Land.
 
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1991 suchte Anil auf einer Reise durch die indischen Bundesstaaten Kerala, Tamil Nadu, Andhra Pradesh und sogar Goa nach einem Gelände, um ihren Traum zu verwirklichen, und fand das Ersehnte schließlich in Karnataka. „Wenn ein Landstück als Anbaufläche ausgewiesen ist und ein Zertifikat zum Anbau von Kaffee oder Kardamon besitzt, dann fällt es nicht unter den Land Ceiling Act", erklärt Pamela.

Keine finanzielle Frucht, aber eine Oase der Biodiversität

In Kodagu trafen sie auf einen Mann namens Subaya, der knapp 14 Hektar besaß, die zwangsversteigert werden sollten. Anhaltende starke Regenfälle machten den Anbau von Nutzpflanzen zum Verlustgeschäft, und das Land trug keine finanziellen Früchte, so dass der Besitzer die Bankkredite nicht mehr bedienen konnte. Anil handelte einen Vertrag aus und kaufte die gesamte Fläche. Mit dem Erlös konnte Subaya seine Schulden tilgen. Im Laufe des folgenden Jahrzehnts kauften Pamela und Anil eine Reihe von weiteren Anbauflächen, deren Bewirtschaftung sich wegen der Regenfälle nicht mehr lohnte und die von den Bauern verlassen worden waren. Den ersten Landkauf hatte das Paar noch aus eigener Tasche finanziert, die folgenden Ankäufe wurden dann durch Mittel aus dem Sanctuary Trust ermöglicht, der in den USA notariell eingetragen ist und Spenden sammeln darf, um die wunderschöne und üppige Naturlandschaft am Leben zu halten.

Von entwaldeten Lichtungen über mit leichtem Buschwerk überzogene Landstücke, in denen es nur so von Vögeln und Kleinsäugern wimmelt, bis zu Kardamon-Anbauflächen mit hohem Wasserbedarf kauften sie die unterschiedlichsten Flächen auf, die für ihre vormaligen Besitzer alle nur „Ödland” waren, um sie nach und nach in eine üppige Oase der Biodiversität zu verwandeln. Und ein Leben in solch einer Oase hat seine Höhepunkte.

„Sie sind stark vom Aussterben bedroht,” zeigt Pamela auf einen Kurzkrallenotter. Als Anil und sie eines Tages auf zwei Steinen mitten in dem Fluss saßen, der durch das Schutzgebiet fließt, ragte plötzlich ein kleiner Otterkopf aus dem Wasser. Diese Otterart findet man eigentlich nur in größeren Wasserläufen, zudem handelt es sich um äußerst misstrauische Tiere, da sie wegen ihres Pelzes gern gejagt werden und sich auch leicht in Fischernetzen verfangen. Pamela und Anil wussten dies und erfreuten sich daher besonders über die seltene Begegnung.

Einige Sekunden später verschwand der Kopf schon wieder unter Wasser, und das Paar lächelte über diesen wunderbaren Anblick. Plötzlich dann tauchte der Kopf wieder auf, diesmal nicht allein. Jetzt starrten zwei Tiere die Malhotras einige Momente lang an, kletterten dann aus dem Wasser und verschwanden im Dickicht des Ufers. Pamela lacht und erinnert sich, es habe ausgesehen, als ob die Otter sich ganz eindringlich miteinander unterhalten hätten, bevor sie wieder unter Wasser verschwanden.

Da das Schutzgebiet möglichst unberührt erhalten bleiben soll, sind Pamela und Anil fast die einzigen, die solche Geschenke der Natur immer wieder erleben können – nicht ohne die Hilfe von Ortsansässigen mit ihrem breiten Wissen über die Eigenheiten der Naturkreisläufe. Besuchern auf Zeit bietet das Paar die Möglichkeit, in Eco-Hütten im Naturschutzgebiet zu übernachten.

Geduldig von der Natur lernen

So großartig die Vogelbeobachtung, die Begegnungen mit Tigern und das Herumhängen mit Ottern auch sind, ein 75 Hektar großes Areal entstehen zu lassen, war keine einfache Aufgabe und kostete Jahrzehnte geduldiger Arbeit. Eine der größten Herausforderungen, die sie zu meistern hatten, bestand nach Pamelas Worten in der schwierigen Erreichbarkeit und Unwegsamkeit des Geländes. „Es gab keine geteerten Wege oder Straßen aus Metallplatten. Während des Monsuns verwandeln sich die Straßen in Schlammflüsse. Wir halfen der örtlichen Bevölkerung sogar, neue Straßen anzulegen.” Die überaus schwierigen Behördenwege, die sie nehmen mussten, um die Feuchtgebiete und Anbauflächen überhaupt erwerben zu können, waren eine weitere Hürde. Denn für die Transaktionen wurden Zustimmungserklärungen aller Angehörigen der jeweiligen Verkäufer benötigt, was in einigen Fällen mehr als 50 Leute waren.

Dank des von der örtlichen Bevölkerung weitergegebenen Wissens, der Ratschläge von NGOs und Experten und durch viel eigene Lektüre und Recherchen eigneten sich die beiden Naturliebhaber Kenntnisse an, wie man unter den gegebenen Bedingungen umpflanzt, entwurzelt, neu anpflanzt, Setzlinge und junge Bäume ausbringt. So schufen sie Stück für Stück das SAI. „Der beste Lehrmeister ist die Natur selbst,” lernten die beiden.

Pamela illustriert es an einem Beispiel aus dem Dezember 2013, an das sie sich gut erinnert. „Es war wie ein Weihnachtsgeschenk.” Pamela und Anil saßen vor ihrem Anwesen inmitten des Schutzgebiets, als plötzlich eine Herde indischer Elefanten mit ihren Kälbern auftauchten. Die wunderschönen, majestätischen Tiere verbrachten den Abend mit dem Paar, blieben etwa eine Stunde. „Sie hatten keinerlei Scheu vor unserer Nähe”, fügt Pamela noch heute begeistert hinzu. „Sie sprechen unsere Sprache nicht, aber sie konnten empfinden, was wir ausstrahlten. Sie fühlten Liebe, Frieden und Ruhe von uns ausgehen, und gaben uns ebensolche Gefühle zurück. Es war ein besonderes Geschenk.”

Die Entscheidung des Paares, keine eigenen Kinder zu haben, macht das ganze Schutzgebiet zu ihrem Vermächtnis. Da es keine Erben für die 75 Hektar gibt, richteten die beiden 2002 eine gemeinnützige Stiftung ein, um das langfristige Überleben des Schutzgebiets sicherzustellen. „Wir haben zwar keine menschlichen Kinder, aber viele, viele tierische Nachkommen!” lacht Pamela.