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„Rural Archive of India“
Geschichten aus der Provinz

Palagummi Sainath
Palagummi Sainath | © Martin Jahrfeld

Mit seinem Netzprojekt „Rural Archive of India“ versucht der Journalist Palagummi Sainath der indischen Landbevölkerung Gesicht und Stimme geben. Die Bilder und Texte seiner Website erzählen von kultureller Vielfalt und der Vitalität der indischen Provinz, aber auch von Armut und Bedrohung.

Der Leopard sitzt nicht weit entfernt. Zwischen der Raubkatze und dem Kameraobjektiv liegen kaum mehr als fünf Meter. „Ein fantastisches Foto, doch aus Sicht des Tieres natürlich auch eine gute Gelegenheit für ein Mittagessen“ scherzt Palagummi Sainath. Die Entstehungsgeschichte des Bildes, die der erzählt, ist nicht weniger spektakulär als der Schnappschuss selbst. Denn aufgenommen hat das gefährliche Motiv nicht etwa ein professioneller Wildlife-Fotograf, sondern eine einfache indische Bäuerin aus dem Bundesstaat Karnataka, der Sainath eine kleine Digitalkamera überlassen hat, damit sie auf diese Weise ihr Leben und ihre Umgebung dokumentieren kann. Das Leoparden-Foto und der dazugehörige Bericht der Bäuerin finden sich auf der Website „Peoples archive of Rural India“ (PARI), mit der der renommierte Journalist seit vielen Jahren das Leben der einfachen Leute jenseits der großen Städte dokumentiert.

Die Geschichten und Fotos auf der Seite entstehen meist in der indischen Provinz - Orte, die in der Berichterstattung der großen indischen Medien kaum noch vorkommen: Sie handeln von Leuten, die Wasser schleppen, Reis pflanzen, Gräben schaufeln, Straßen bauen, Latrinen reinigen, Müll sammeln, Körbe flechten, Tiere hüten oder Felle gerben. Mit Unterstützung einer kleinen Redaktion in Mumbai und einem Netzwerk freiwilliger Helfer lässt der Journalist vor allem jene Inder und Inderinnen zu Wort kommen, die oft Analphabeten sind, ihre eigene Situation und Umgebung aber häufig besser beschreiben können als so mancher Journalist. Viele von ihnen sind Dalit oder Adivasi - Kastenlose und Angehörige indigener Stämme, die seit jeher zu den Benachteiligten der indischen Gesellschaft gehören. „Wir wollen die Leute sprechen lassen, ihnen Namen, Gesicht und Stimme geben. Ich glaube nicht an die Experten, die in den Medien soviel Raum bekommen. Experten sind den Themen, über die sie berichten, meist völlig entfremdet“, betont der in seiner Heimat vielfach ausgezeichnete Journalist.

Die redaktionellen Standards von „People’s Archive of Rural India“ sind gleichwohl streng. Alle Geschichten werden vor Ort und zum Teil in sehr entlegenen Winkeln des Subkontinents recherchiert. Darüber hinaus legt der 61jährige Wert auf journalistische Unabhängigkeit.  Sein Projekt ist frei von Werbung und kommerziellen Geldgebern und finanziert sich ausschließlich aus privaten Spenden. Das hat seinen Grund: Denn dass Indiens große Medien ihre journalistische Unabhängigkeit zugunsten kommerzieller Interessen weitgehend aufgegeben haben, steht für Sainath außer Zweifel: „In meinen Anfangsjahren gab es in jeder Redaktion einen Kollegen, der nur über die Arbeitswelt, die Betriebe und die Landwirtschaft geschrieben hat. Das ist lange her. Heute berichtet man lieber über die Reichen, die Inneneinrichtung ihrer Häuser, ihre Lieblingsrestaurants. Indiens Zeitungen verdienen prächtig, weil sie ihren journalistischen Anspruch komplett an ihre Anzeigenkunden verkauft haben.“

Dabei gäbe es in Indien auch außerhalb der großen Städte viel zu berichten: Mit 833 Millionen Einwohnern, 780 zum Teil Jahrtausende alten Sprachen, 86 unterschiedlichen Schriften, unzähligen Ethnien, Traditionen, Riten, Berufen, Künsten und Techniken ist Indiens ländlicher Raum so etwas wie das größte lebende Kulturarchiv der Welt. Sainath will so viel wie möglich davon, wenn schon nicht retten, so doch zumindest für die Nachwelt dokumentieren. Aktuell arbeitet die Redaktion an einer Sammlung von Liedern, die bei der Landarbeit gesungen und als Audio-Files auf die Website gestellt werden sollen. „Es ist ein Mammutprojekt. In jedem Bundesstaat gibt es Tausende von Liedern, die Vielfalt ist erstaunlich“, sagt Sainath, den noch viele weitere Ideen umtreiben. Um die Website bekannter zu machen, sollen die bisher zumeist englischen Texte Stück für Stück in die wichtigsten indischen Landessprachen übersetzt werden – ein weiteres Großprojekt, für das der Journalist jedoch auf die Hilfe zahlreicher, ehrenamtlich arbeitender Übersetzer rechnen kann.

Dass die große kulturelle Vielfalt des ländlichen Raums In Indien dem Druck von Globalisierung und Marktöffnung standhalten kann, glaubt Sainath bei allem Enthusiasmus dennoch nicht: „Man muss sich darüber klar sein, dass vieles von dem, was wir heute dokumentieren, in 15 oder zwanzig Jahren nicht mehr existieren wird“. Den Schattenseiten der indischen Modernisierung begegnet er bei seiner Arbeit hingegen umso häufiger: Seit seinen ersten Recherchen zum Thema Armut im Jahr 1993 hat er mehr als 100 000 Kilometer auf dem Subkontinent zurücklegt – ein erheblicher Teil davon zu Fuß. Berühmt sind seine Reportagen über die, von Bauernselbstmorden zerstörte Familien, von denen er über 900 besucht und interviewt hat. „Ich wünsche niemandem solche Gespräche führen zu müssen. Die Verzweiflung in diesen Häusern ist unbeschreiblich“, berichtet er. Der Tod des Familienoberhaupts bedeute für den Rest der Familie oft den Beginn eines langen Leidensweges. In der patriarchalischen, durch Kastendenken geprägten Ordnung des indischen Dorfes seien vor allem die weiblichen Hinterbliebenen der Willkür ihrer Umgebung meist schutzlos ausgesetzt.

Überhaupt die Frauen: „Mehr als 80 Prozent aller Arbeit auf dem Land wird von Frauen verrichtet, meist ohne dass diese Frauen hinreichende Rechte besitzen oder angemessene Bezahlung enthalten. Das war eine der ersten Sachen, die ich dort gelernt habe“, sagt Sainath. Auch das Foto von dem Leoparden ist Teil einer Geschichte, die davon erzählt, dass Indiens Landfrauen zwar tapfer und furchtlos sein können, aber am Ende dennoch benachteiligt bleiben. Die Bäuerin, die das Foto geschossen hat, erzählt in ihrem Bericht auch von zwei Nichten, deren kilometerlanger Schulweg an der Nähe des Leopardenreservates vorbei führt. Weil der Weg zu gefährlich sei, habe die Dorfgemeinschaft bei den örtlichen Behörden um die Einrichtung einer Schulbusverbindung gebeten, doch der Wunsch sei abgelehnt worden. Die beiden Mädchen werden ihren Schulbesuch deshalb wohl aufgeben müssen.

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