Die Sicht der Enkel Über Muster in den Erinnerungen an die Teilung

Gesprächsteilnehmerin Tunazzina Sharmin mit ihrer Großmutter Ahmadi Begum, deren Erinnerungen und Lebenserfahrungen sie in dem Projekt verarbeitete
Gesprächsteilnehmerin Tunazzina Sharmin mit ihrer Großmutter Ahmadi Begum, deren Erinnerungen und Lebenserfahrungen sie in dem Projekt verarbeitete | Foto (Ausschnitt): © Nazes Afroz

Die Gesprächspartner gaben die von ihren Großeltern geerbten Erinnerungen an die Teilung Bengalens so lebendig wieder, als seien sie selbst Zeitzeugen.

Erinnerungen – fortgeführt und fragmentiert

Die Feldaufnahmen haben uns viel sehr vielversprechendes Material geliefert. In einigen Fällen überraschten uns die jungen Interviewten mit der Lebendigkeit ihrer Erzählungen, die sie von ihren Großeltern oder Eltern überliefert bekamen. Ihre Erzählungen klangen, als hätten sie die damalige Zeit selbst erlebt. Diese Interviews hinterließen den Eindruck, als werde die Familiengeschichte gepflegt und als würden die wertgeschätzten Erzählungen besonders bewahrt.In einigen Interviews hingegen schienen die Erinnerungen lückenhaft zu sein. Obwohl nur noch Fragmente und verblasst, ergaben doch auch sie ein interessantes Mosaik von Erzählungen, die bislang nicht bekannt oder gar aufgezeichnet worden waren.

Hört man die Interviews oder liest ihre Abschriften, so lassen sich deutlich wiederkehrende Muster erkennen, die in den Geschichten aus West-Bengalen wie in denen aus Bangladesh auftauchen. Ganz offensichtlich haben die Gesprächspartnerinnen mehr zu erzählen und ihre Erzählungen sind zudem auch detailreicher. Das war zu erwarten. In südasiatischen Gesellschaften verbringen die Mädchen und Frauen mehr Zeit zu Hause mit den Großmüttern, den Müttern und anderen weiblichen Mitgliedern des Haushalts. So tauschen sie mehr Geschichten aus und werden zu Bewahrerinnen der Familientraditionen. 
 
Deutlich wurde auch, dass die weitergegebenen Erinnerungen in Bangladesh stärker waren. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die meisten Muslime, die während der Teilung 1947 von Indien nach Ost-Pakistan kamen, nicht mit ihren gesamten Familien flohen. Einige Familienmitglieder wurden zurückgelassen, andere verblieben aus eigenen Stücken in Indien. In solchen Familien gab es dann später viele Familientreffen und immer wieder Besuche von Verwandten aus Indien. In diesen Familien ergaben sich viele gegenseitige Begegnungen. Das mag zu Folge gehabt haben, dass sie neben den Erinnerungen, die sie von vorherigen Generationen übernahmen, ihre eigenen Geschichten schufen.
 
Einig sind sich die Gesprächpartner/innen auf beiden Seiten, dass die Teilung Bengalens eine historische Tatsache ist und sie im Gegensatz zu ihren Eltern und Großeltern keinerlei nostalgische Gefühle mehr gegenüber der anderen Seite oder Vergangenheit haben. Sie sind bereit, die andere Seite und die dort lebenden Verwandte zu besuchen, wenn sie dies nicht längst getan haben, und betrachten den jeweiligen Ort, an dem sie heute leben, als ihre wirkliche Heimat und verstehen sich als entweder Indien oder Bangladesh zugehörig.
 
Alle sind sie auch der Meinung, es sollte auf beiden Seiten Erleichterungen beim Grenzübergang geben, damit sich auseinandergerissene Familien gegenseitig häufiger besuchen könnten.
 
Uns interessierten auch die Spuren der Kulturen in Form von Sprache, Essgewohnheiten oder sozialen oder religiösen Ritualen, die die Migranten mitbrachten, als sie sich in der neuen Umgebung niederließen. Es wurde deutlich, dass sich trotz weitgehend verschwundener Sprachunterschiede bestimmte Rituale – religiöse oder soziale wie Hochzeitbräuche oder ähnliche Zeremonien – erhalten haben.

Andere Gemeinschaften, die von der Teilung Bengalens betroffen waren

Einige wenige faszinierende Erzählungen wurden von den nicht-bengalischen Muslimen in Bangladesh aufgezeichnet, die allgemein als Bihari-Muslime bekannt sind. Diese Urdu oder Hindi sprechenden Muslime kamen 1947 aus dem nahe gelegenen Kolkata, Bihar oder dem östlichen Uttar Pradesh nach Ost-Pakistan. Viele von ihnen waren Opfer der gewalttätigen Aufstände vor der Teilung Indiens geworden, bevor sie dann nach Ost-Pakistan auswandern mussten.

Während des Unabhängigkeitskriegs in Bangladesh 1971 unterstützte ein Teil von ihnen die pakistanische Seite und beteiligte sich sogar an den Gräueltaten an den nach Unabhängigkeit strebenden Bengalis. Als der Krieg endete, erfuhr die Gemeinschaft der ‘Biharis’ von Seiten der Einheimischen dann Vergeltungsmaßnahmen. Hunderttausende von ihnen wurden obdachlos und leben seitdem in verschiedenen Flüchtlingslagern, die das Rote Kreuz und andere internationale Hilfsorganisationen errichteten.  Das berühmteste dieser Lager ist das so genannte “Geneva Camp”. Ausnahmslos alle von ihnen sprachen während der Interviews, in denen es eigentlich um die ererbten Erinnerungen an die Teilung Bengalens von 1947 ging, auch von den Erinnerungen an 1971, die ihnen von ihren Eltern weitergegeben wurden. Diese Darstellungen sind so faszinierend, weil es sich um Zeugnisse eine Gemeinschaft handelt, die seit 1947 bis heute einen Flüchtlingsstatus besitzt. 
 
Einer der besonderen Erfolge des Projekts war das immense Engagement der beteiligten Forscher/innen, die alle als Freiwillige am Projekt beteiligt sind. Die beiden Forscherteams in Kolkata/West-Bengalen/Indien und in Dhaka/Bangaldesh sind zu jeweils verschworenen Gruppen geworden, die beide miteinander regen Austausch pflegen, sich über ihre Feldforschungen austauschen und gewillt sind, das Thema weiter zu durchdringen.