This side that side Von Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen

„This Side That Side“ ist eine im Jahr 2013 veröffentlichte Anthologie, die auf Initiative des Goethe-Instituts / Max Mueller Bhavan New Delhi und Yoda Press entstanden ist. In rund 30 graphischen Erzählungen wird die Teilung des indischen Subkontinents in Indien, Pakistan und Bangladesch sowie die daraus resultierenden Auswirkungen thematisiert.

Sonya Fatah lebt seit sieben Jahren in Delhi, hat aber noch kein eigenes Bankkonto. Sie ist keine Fremde hier, und doch fühlt sie sich manchmal wie eine Aussätzige. „Diese ganzen Beschränkungen, die mir auferlegt werden, das ist doch Bullshit“, flucht die Journalistin. Sie ist Pakistani und damit in einer Sonderrolle. „Viele meiner Landsleute legen sich falsche Identitäten zu, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen“, berichtet die 36-jährige. Ihr selbst ist es möglich, relativ offen zu leben, da sie mit einem Inder verheiratet ist, den sie beim Studium in New York kennengelernt hat. Ihre Verwandten in Pakistan zu besuchen, ist dagegen äußerst schwierig. Visa zwischen den beiden Ländern werden nur unter strengen Bedingungen erteilt. Oft bekommen Antragssteller einfach keine Antwort. „Es ist einfacher, seine Verwandten in einem Drittland zu treffen, als sie Zuhause zu besuchen“, berichtet Sonya. Vor kurzem erlitt der Vater einer Freundin, der im Nachbarland lebt, einen Herzinfarkt. Selbst in diesem Fall bekam die Freundin keine Reiseerlaubnis.

Um die schwierige Situation von Familien wie der von Sonya Fatah zu verstehen, muss man die Geschichte Indiens kennen. 1947 endete die britische Kolonialherrschaft auf dem Subkontinent. Das ehemalige Kolonialgebiet wurde aufgeteilt in Indien, Westpakistan (dem heutigen Pakistan) und Ostpakistan (dem heutigen Bangladesch).

Die Teilung wurde mit den unterschiedlichen Religionen in der Region begründet, namentlich Muslime und Hindus. Als die Unabhängigkeit von England absehbar war, forderten führende Muslime die Einrichtung eines eigenen muslimischen Staates. Auch auf Seiten der Hindus gab es Forderungen nach einem getrennten Staat. „Große Teile der Bevölkerung teilten diesen Wunsch jedoch nicht“, so die Einschätzung von Sonya Fatah. Kein Wunder, schließlich gab es viele persönliche Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und die Religionen lebten stark vermischt neben- und miteinander. Trotzdem konnten sich die politischen Führer der 40er Jahre, der muslimische Mohammed Ali Jinnah und der Hindu Jawaharlal Nehru, nicht auf einen gemeinsamen Staat einigen. Und so einigten sie sich auf die Teilung des Landes, nach einem Plan, den der letzte britische Vizekönig, Lord Mountbatten, ausgearbeitet hatte. Im Verlauf des Teilungsprozesses kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, Hunderttausende kamen ums Leben. Etwa 20 Millionen Menschen wurden im Zuge der Teilung deportiert, vertrieben oder umgesiedelt.

Auch die Eltern von Sonya Fatah mussten damals ihre Heimat im heutigen Indien verlassen. Da sie Muslime waren und in Grenznähe wohnten, mussten sie ins pakistanische Karatschi umsiedeln. „Sie hatten Angst vor der aufkommenden Gewalt und flüchteten aus Selbstschutz nach Pakistan“, erzählt Sonya. Die Teilung Indiens habe so auch ihre Familie gespalten. „Teile meiner Familie und damit meiner eigenen Vergangenheit sind für mich einfach nicht mehr erreichbar.“
Die Folgen der Teilung sind bis heute spürbar und werden noch Generationen nachwirken. „Welch eine Tragödie das für Millionen war und immer noch ist, habe ich erst während meines Studiums begriffen“, so Sonya.

Viele Künstler und Autoren beschäftigen sich fortwährend mit dem Thema. Die Anthologie „This Side That Side“, die auf Initiative des Goethe-Instituts / Max Mueller Bhavan New Delhi und Yoda Press entstanden ist und Ende 2013 veröffentlicht wurde, reflektiert in rund 30 graphischen Erzählungen die Teilung Indiens.

Die Idee zu dem Buch entstand aus einer Veranstaltungsreihe zur Teilung Indiens im Jahr 2007. Das Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan New Delhi, Yoda Press und Kurator Vishwajyoti Ghosh riefen viele Autoren, Grafiker, Filmemacher und Illustratoren dazu auf, an dem geplanten Buch mitzuwirken. „Wir wollten erfahren, welche Folgen die Teilung bis heute hat, was aus den alten Feindseligkeiten und Verwerfungen geworden ist, ob alte Verletzungen noch nachwirken und wie sich die Dinge in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben“, berichtet Farah Batool vom Goethe-Institut, die das Projekt koordiniert hat. Entstanden sind rund 30 Bildergeschichten, die meisten davon im Tandem, das heißt als Kooperation zwischen einem Autor für den Text und einem Künstler für die Grafik. „In vielen Fällen kamen die beiden aus unterschiedlichen Ländern“, berichtet Farah.

Die Künstler reflektieren in den Erzählungen auch ihre eigenen Erfahrungen und die Geschichte ihrer eigenen Familien. Sonya Fatah gibt in ihrer Bildergeschichte „Karachi-Delhi Katha“ einen doppelten Einblick in ihr Umfeld. Die Geschichte spielt zum Teil in Karatschi, wo ihre Eltern wohnen, und zum Teil in Delhi. In Karatschi lässt sie die Haushaltshilfe ihrer Eltern und deren Ehemann auftreten. Die beiden tauschen sich darüber aus, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, als Hindu in Pakistan zu leben, zum Beispiel über den Druck, muslimische Gepflogenheiten anzunehmen. Sie diskutieren darüber, ob es nicht besser sei, nach Indien auszuwandern, sind aber hin- und hergerissen, da sie dort illegal im Untergrund leben müssten.

Die zweite Geschichte erzählt das Schicksal einer Haushaltshilfe, die Sonya Fatah in Delhi kennengelernt hat. Sie ist Muslimin aus Bangladesch, wurde von ihrer Familie enttäuscht und zog illegal nach Delhi. Sie erzählt Sonya in der Bildergeschichte zunächst, wie sie sich versteckt halten muss. Dann bekommt sie durch dunkle Kanäle eine Aufenthaltsgenehmigung und ihr vorher unkenntlich gemachtes Gesicht wird sichtbar.

Beide Geschichten enden offen. Im letzten Bild steht Sonya auf ihrem Balkon und macht sich Gedanken, wie sie zu den Wanderungsbestrebungen zwischen den Ländern - gespiegelt in den Geschichten der Haushaltshilfen - stehen soll. Sie sympathisiert eher mit der Haushaltshilfe, die ihren Traum vom Umzug wahr gemacht hat, und endet schließlich mit folgendem Gedanken: „Menschen haben immer Grenzen überschritten, entweder um eine furchtbare Vergangenheit hinter sich zu lassen oder ihrer Sehnsucht nach Heimat, ihrem Glauben oder einer besseren Zukunft nachzugehen. Warum sollte man sie jetzt davon abhalten?“ Sonyas Haltung in der Geschichte entspricht ihrer Meinung im echten Leben: „Millionen Menschen leben hier mit gefälschten Dokumenten. Aber für mich ist das kein Gewaltverbrechen. Denn das System unterdrückt die Mobilität auf der anderen Seite auch zu stark“.

Eine andere Bildergeschichte, und zwar die erste in „This Side That Side“, stellt den Ursprung der Probleme als Parabel dar. Es gibt darin ein Baby, von dem nicht klar ist, zu welcher Mutter es gehört. Als Lösung wird das Baby einfach in Stücke zerteilt, denn schließlich könnten zwei Mütter kein gemeinsames Baby haben – so, wie zwei oder mehr Religionen in Indien 1947 auch kein gemeinsames Land haben durften.

Kuratiert wurde das Buchprojekt „This Side That Side“ von Vishwajyoti Ghosh, Cartoonist, Filmemacher und erfolgreicher Buchautor aus Neu Delhi. Vishwa, wie er sich kurz nennt, ist selbst mit zwei Geschichten in dem Buch vertreten.
Die eine heißt „Cabaret Weimar“, welche in Zusammenarbeit mit Rabbi Shergill entstanden ist. Darin entwirft er eine Zukunftsvision, die im Jahre 2047 spielt, 100 Jahre nach der Teilung. Die Figuren in seiner Geschichte kommen aus allen drei Ländern und haben im Laufe der Jahre einen großen Nationalstolz, bis hin zum Nationalismus, entwickelt. In teilweise skurrilen Bildern stellt Vishwa dar, wie dieser Nationalismus in Form von Shows, Performances und Cabaret zelebriert wird. Wie im Titel schon angedeutet, stellt er dabei Parallelen zur Weimarer Republik und zum Berlin der 20er Jahre her.

In der zweiten Geschichte reflektiert Vishwa seine eigene Vergangenheit. Seine Familie stammt aus Ostpakistan, dem Land, das im Zuge blutiger Auseinandersetzungen und dem sogenannten Bangladesch-Krieg Anfang der 70er Jahre zum unabhängigen Bangladesch wurde. Seine Großeltern sahen sich damals als Hindus gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie zogen zunächst nach Kalkutta und ließen sich später in Delhi nieder. Dort konnten sie sich als legale Flüchtlinge aufhalten. Eine Rückkehr war aber nicht mehr möglich und so war auch Vishwas Familie von ihrer Vergangenheit abgeschnitten. Vishwa erinnert sich an eine Geschichte seiner Oma, die das Dilemma widerspiegelt. „Sie hat mir immer von ihrem großen, schönen Haus in Bangladesch erzählt. Für mich war das wie im Märchen, unwirklich und unerreichbar. Aber doch auch wahr, denn das Haus existierte ja wirklich.“

Seine Großeltern übernahmen in Delhi große Teile seiner Erziehung, da beide Eltern arbeiten mussten. Er verlebte eine relativ unbeschwerte Kindheit, denn er und seine Familie waren als Flüchtlinge anerkannt. Außerdem redeten seine Angehörigen wenig über die Probleme der Teilung und des Umzugs. „‚Vergesse die Vergangenheit, das Leben muss weitergehen‘ – diese Einstellung war unter den Flüchtlingen weit verbreitet“, berichtet Vishwa.

Mit der Flüchtlingsthematik kam er erst in Kontakt, als seine Großmutter dabei half, Kinder aus Flüchtlingscamps zur Schulbildung nach Delhi zu holen. „Doch auch zu diesem Zeitpunkt habe ich ‚Flüchtling‘ immer nur als Fremdzuschreibung erlebt, obwohl wir ja eigentlich selbst dazugehörten.“ Seine Erinnerungen an die Zeit im Flüchtlingshaus im Delhier Stadtteil Lajpat Nagar hat er in der Bildergeschichte „A Good Education“ festgehalten.
 
Bei dem Buchprojekt hat Vishwa durch die Zusammenarbeit mit Künstlern aus allen drei Ländern noch viel dazugelernt. „Ich war überrascht, wie wenig wir doch voneinander wissen.“ Nach der Arbeit am Buch fühlt er eine stärkere Verbundenheit mit den Menschen in den Nachbarländern. „Wir müssen die Grenzen und die Politik beiseitelegen und unser Augenmerk auf die Menschen richten. Es gibt ein enormes Interesse am Austausch und eine große Gastfreundschaft. Wir fühlen uns verbunden, über die Religionen hinweg. Kultur, Essen, Literatur, Film und Kunst – das macht die Verbundenheit aus.“

Von dieser Verbundenheit zeugt nicht zuletzt auch das grenzüberschreitende, jetzt erfolgreich abgeschlossene Buchprojekt „This Side That Side“.