Literarisches Übersetzen unter digitalen Vorzeichen - „Ein hirnversengter Clown“ - Goethe-Institut Indien
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SPIEGEL-Gespräch mit Thomas Melle „Ein hirnversengter Clown“

Thomas Melle
Foto: Gene Glover

Thomas Melle, 41, war mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2011 stand er mit „Sickster“ auf der Longlist, 2014 mit „3000 Euro“ auf der Shortlist. In seinem neuen Buch berichtet er erstmals unverfälscht von seiner psychischen Erkrankung.

Herr Melle, Ihr Buch hat mich berührt wie lange keines: Ich habe es im Café gelesen, unter Menschen, weil ich es abends und allein zu Hause schwer lesen konnte. Es hat mich ängstlich gemacht, traurig, dann wieder laut lachen lassen. Manche Anekdote ist so skurril, dass ich mich ganz bekifft fühlte danach.

Da sage noch mal einer, Literatur habe keine Wirkung! Im Ernst, das gefällt mir und passt. Tatsächlich befördert das Kiffen ja die Paranoia und ist für Menschen wie mich besonders gefährlich.

Hat das Aufschreiben Sie berauscht?

Das Schreiben hat mich in irre Räume zurückgeführt, die mir bekannt waren, die ich aber mit einem Schutzanzug betreten habe: dem Erzählmodus. Es war alles wieder da, wie eine vergessene Kulisse. Aber es hat mich in meinem Schutzanzug nicht gefährdet.

Sie schreiben über Ihre bipolare Störung.

Den Begriff mag ich nicht, er ist so lasch. Seine Funktion ist es, alle Formen der Krankheit miteinzubeziehen, auch die leichteren, und niemanden zu diskriminieren. „Bipolar“ verstehen die Leute aber nicht, und fast kommt es mir so vor, als seien sie froh darüber. „Manisch-depressiv“ ist ehrlicher. Erst bin ich manisch, dann depressiv.

Thomas MelleFoto: Gene Glover
An welcher Form der Störung leiden Sie?

An Bipolar I. Das ist die stärkste Form, und ich habe sie noch einmal in einer besonders heftigen Variante, sodass meine Manien und Depressionen besonders lange dauern, bis zu eineinhalb Jahren, und besonders intensiv sind. Zudem treten bei mir Wahnvorstellungen auf. Ich habe die Form, bei der man sprichwörtlich verrückt ist, sich selbst und sein Leben ruiniert.

Was haben Sie während Ihrer manischen Phasen getan?

Ich war wie wild unterwegs, soff schon morgens, machte Schulden: für Reisen, Restaurant-Besuche, Bar-Abstürze. Ich habe auch gern Bücher gekauft, um sie gleich am nächsten Tag wieder billig zu verscherbeln. Manchmal hatte ich so wenig Geld, dass ich mir Maggi in den Rachen schüttete, einfach um den Geschmack von Nahrung im Mund zu haben.

Wie haben Sie Geld aufgetrieben?

Man hat als Maniker eine wahnsinnige Energie und Überzeugungskraft, aber keine Hemmungen. Da kann man einen Banker schon mal davon überzeugen, dass man nach Harvard geht in einem halben Jahr. Man ist Schauspieler seiner selbst.

Waren Sie aggressiv?

Manchmal. Meine damalige Verlegerin etwa bin ich einmal körperlich angegangen. Sie kam mit Gipsarm zu einem Empfang, ich hielt den Gips für Fake.

Und?

Der Gips war echt. Der Verlag war nicht mehr meiner.

Sie wechselten von Suhrkamp zu Rowohlt Berlin. Darf ich als Leser über solche Anekdoten lachen?

Dürfen Sie, sollen Sie, müssen Sie. Trotz aller Scham und Tragik auf meiner Seite. Denn sonst ist damit ja gar nicht umzugehen. Da ist ein hirnversengter Clown, der durch die Stadt rast und Katastrophe auf Katastrophe anhäuft. Existenzieller Slapstick.

Erliegen Sie als Schriftsteller der Versuchung, manche Ihrer Erlebnisse origineller zu schildern, als sie waren?

Ich finde nichts daran originell. Meinen Sie vielleicht verrückt? Nein, ich habe nichts verrückter dargestellt, als es gewesen ist. Es ist alles wahr.

Sie dachten wirklich, Sie begegneten Picasso im Berliner Berghain?

Nicht dem alten Picasso. Picasso als jungem Mann. Der Typ, den ich für ihn hielt, saß auf der Toilette und plauderte mit Hipstern, auf seinem Gürtel die goldenen Lettern „F.U.C.K“. Ich hab ihm Rotwein in den Schoß gekippt, ich konnte Picasso und seine Bilder noch nie ausstehen.

In Wuppertal glaubten Sie, Thomas Bernhard zu treffen.

In einem McDonald's am Bahnhof, ja. Bernhard aß einen Big Mac. Es schmeckte ihm nicht.

Echt wahr, dass Sie Sex mit Madonna hatten?

Damals war ich überzeugt davon.

Und wie war Madonna?

Ich weiß noch, dass ich anfangs staunte, wie gut sie in Schuss war, fast so wie auf den Aktbildern aus den späten Siebzigern.

Können Sie heute selbst darüber lachen?

Das Wichtigste ist mir, im Leben, im Schreiben nicht bitter oder zynisch zu werden, trotz allem. Ich finde manches witzig, aber immer auch wahnwitzig. Ich erschrecke.

Welches Weltbild lag all diesen Vorstellungen zugrunde?

Das war die klischierte paranoide Messias-Vorstellung: Alles lief auf mich zu, die gesamte Menschheitsgeschichte. Ich konnte in allen Texten, Liedern, Dokumenten Hinweise finden, dass da einer käme, und zwar um die Jahrtausendwende, an dem sich die Welt in ihrem Wesen zeigen werde. Und dieser jemand war ich. 1999, in der Millenniumshysterie, hatte ich meine erste manische Episode, zwei weitere folgten, 2006 und 2010.

Popsongs haben Ihre Schübe besonders getriggert. Was prädestiniert sie als Einfallstor in Wahnvorstellungen?

Für einen akuten Maniker ist es eher schwierig, einen Tolstoi am Stück zu lesen. Die Gedanken sind zu flüchtig. Die Kürze von Popsongs dagegen haut sofort rein, die Eingängigkeit, dazu die Andeutungslogik der Lyrics, dazu die Form der Ansprache: Da wird ja meistens ein Du besungen. Jedes Du konnte ein Ich sein. Das war schon sehr geeignet, der Paranoia weitere Minischübe zu versetzen.

Wieso waren Sie so fixiert auf prominente Künstler?

Da bin ich Kind meiner Zeit. Die begleiten uns alle, die twittern ihr Mittagessen. Wir projizieren uns hinein und wollen Neuigkeiten.

Bernhard twittert nicht. Er ist tot.

Man muss das in diesem messianischen Kontext sehen: Ich war der heimliche Prominent. Diese Leute, deren Werke alle von mir handelten, kamen mir zu Hilfe. Sie erschienen kurz auf der Straße, blickten sich um, gaben mir Zeichen. Auch Tote, die anscheinend gar nicht tot waren. Irgendwo in den Alpen, so dachte ich, gäbe es ein Resort, in dem Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett sitzen.

Das klingt wie die Ausgangsidee für einen fantastischen Roman.

Aber es war mein Leben. Wie man sich vorstellen kann, ist die Rolle eines solchen Messias keine leichte, plötzlich dreht sich alles dunkel um einen selbst.

Sie stellen die Frage im Buch selbst: „Wie erzählt man von sich als einem Idioten?“

Ich betrachte die Figur, die ich war, wie die Hauptfigur in einer abgedrehten TV-Serie - so weit, dass ich denke: Diese Serie, die ist ja mein Leben! Und da ist Ironie immer möglich. Es wäre aber falsch, fast obszön, sie nur als Tragikomödie mit viel Humor zu erzählen. Es geht schon um ein bitteres Drama.

Sie haben zweimal versucht, sich umzubringen.

Wenn eines sicher ist im Leben eines Manikers, dann die Depression, die der Manie folgt. Je stärker und länger die Ma­nie, desto stärker und länger die Depression. Sie ist besonders ausgeprägt wegen der Scham und des Schreckens, nicht man selbst gewesen zu sein, seinen Ruf, sein Leben ruiniert zu haben.

Wie oft waren Sie in der Psychiatrie?

Sicher zehnmal. Manchmal monatelang, während der Depressionen, manchmal nur wenige Tage. In manischen Phasen hat man keine Krankheitseinsicht, da haben mich Freunde eingewiesen, auch schon mal mithilfe der Polizei. Aus heutiger Sicht war das richtig, aus damaliger Sicht furchtbar.

Wie war der Umgang mit den anderen Patienten?

Als Verrückter erkennt man oft die Verrücktheit der anderen, nur die eigene ist einem völlig unersichtlich: Ein Mädchen, das Osama Bin Laden für seinen Vater hielt, habe ich auf den Kopf zugesagt, dass das nicht stimme. Dabei vermutete ich zu dem Zeitpunkt selbst, der Sohn des Popstars Sting zu sein.

Die Psychiatrie ist ein mythenumrankter Ort.

Die Psychiatrie ist, wenn man sie schon kennt, der langweiligste Ort der Welt. Ein großer Ort der Anspannung und doch der Leere: manchmal schlimmste Ausraster und Feindseligkeiten, meistens Leerlauf und sinnlose Struktur. Warten auf nichts. Ein bisschen wie ein Theaterabend von Christoph Marthaler, nur über Wochen, Monate.

Wer depressiv ist, wird schräg angesehen. Es gibt wieder die Tendenz, psychisch Kranke zu kriminalisieren.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass keiner genau versteht, was im Kopf eines Manisch-Depressiven falsch läuft?

Wenn die Wirkung der Medikamente stimmt, braucht es keine Beweise, es geht ja wirklich um Leben und Tod. Wobei es tatsächlich die Unreinlichkeit verstärkt, dass selbst die Ärzte bei manchen Fragen ratlos sind. Diese Unheimlichkeit will ich der Krankheit mit meinem Buch ein wenig nehmen, ein Licht der Aufklärung in den Grusel bringen, ein Erzählmodul liefern für etwas, das eigentlich völlig unverständlich ist.

Waren Sie zufrieden mit der Versorgung in der Psychiatrie?

Was dort geschieht, ist zum Teil unmenschlich. Man wird mental ausgeschaltet, körperlich fixiert, und dann gibt's eine schnelle Visite. Wie im schlimmsten Klischee. Es brauchte mehr Geld, mehr Platz, mehr Personal. Ähnlich wichtig wäre es für unsere Gesellschaft, den Umgang mit ehemaligen Patienten zu überdenken, den sogenannten Psychiatrie-Erfahrenen. Zurzeit sind sie gebrandmarkt. Viele Menschen denken: einmal krank, immer krank. Theoretisch sind die Menschen ach so offen, praktisch aber total vernagelt. Das wird zurzeit wieder schlimmer.

Woran machen Sie das fest?

Auch Krankheiten unterliegen Moden und Hypes. Als in den Nullerjahren die Depressionen einiger Sportler öffentlich wurden, Sebastian Deisler, Robert Enke, gab es eine Welle der Empathie. Das ist vorbei. Jetzt wird, wer depressiv ist, schräg angesehen. Ja, es gibt sogar wieder die Tendenz, psychisch Kranke zu kriminalisieren. Dabei sind die meisten dieser Menschen einfach nur zerstörte Gestalten, die sich langsam wieder aufrichten möchten. Da ist eine Erklärungshysterie im Gange, die selbst völlig manisch ist.

Sie spielen auf die Diskussion nach dem Amoklauf in München an.

Nicht nur. Ich habe genau beobachtet, wie schon die Diskussionen um den Germanwings-Piloten 2015 verliefen. Die Depression hält plötzlich, ganz gegen ihr Wesen, als Erklärungstool für Verbrechen her. Das geht einen als Betroffenen direkt an. Im gegenwärtigen Klima würde sich wohl kein Sportler mehr als depressiv outen.

Wie erklären Sie sich die neue Mode?

Bei den Amokläufern wären vermutlich eher narzisstische Persönlichkeitsstörungen zu diagnostizieren. Nur sind solche Störungen nicht selten, sind in unseren Selfie-Zeiten gar ein gesamtgesellschaftliches Problem. Indem man die Depressionen der Täter betont, hält man das Problem von der Gesellschaft fern. Das Problem gehört dann ins Krankenhaus, wird klinisch distanziert, gleichzeitig setzt sich im Diskurs eine noch tiefere Stigmatisierung fest.

Welche Ursachen hat Ihre Krankheit?

Manche Forscher sagen, dass Bipolare ein Drittel mehr Nervenzellen im vorderen Hirnstamm und im Thalamus haben als Gesunde, gleichzeitig besitzen sie in bestimmten Regionen angeblich weniger graue und weiße Hirnmasse, zum Beispiel in der Hirnrinde. Dort, wo die Sinneseindrücke gebündelt und die Hirnaktivitäten geregelt werden, ist also zu viel los, es wimmelt. Gleichzeitig ist dieser Zirkus nach außen hin viel zu porös und offen, nicht gut geschützt, die Rinde zu dünn.

Ich meinte eher: Wieso hat diese Krankheit gerade Sie ereilt?

Da müsste ich Ihnen jetzt das ganze Buch vorlesen. Es ist ja gerade eine Suche nach Gründen, aber im vollen Bewusstsein, dieser Gründe nie ganz habhaft werden zu können. Ein romantisches Projekt, letztendlich.

Viele Bipolare, schreiben Sie, hätten eine Drogenvorgeschichte. Sie auch?

Eine Tendenz zum Alkohol habe ich, bisweilen auch zum Exzess. Ansonsten nichts dergleichen.

Sie nennen sich einen Informationsjunkie. Was machen Mails, Twitter, Facebook mit einem Maniker?

Ständiger Input, Zerfaserung. Vor allem aber bieten sie verheerende Ventile: Es ist zu einfach, den Impulsen zu folgen und eine wirre Beobachtung in die Welt zu schicken. Ein Schub mit Internetzugang, und du hast bei manchen Leuten für den Rest deines Lebens verschissen.

Haben Sie Gründe für Ihre Krankheit in Ihrer Biografie gefunden?

Ich halte nichts von monokausalen Einbahnstraßen, die alles auf die Kindheit reduzieren. Sonst würde es mehr Bipolare aus schwierigen als aus sogenannten guten Verhältnissen geben. Das ist nicht der Fall. Die, je nach Quelle, drei bis fünf Prozent der Bevölkerung, die im Laufe ihres Lebens an einer der bipolaren Formen leiden, sind über alle Schichten verteilt.

Aber es gibt Gründe in Ihrer Biografie.

Natürlich, Monokausalität ist dumm, Antikausalität aber genauso. Ich komme aus schwierigen, kleinbürgerlichen Verhältnissen, hatte einen alkoholkranken Stiefvater, bin dann auf ein Bonner Jesuitenkolleg gegangen.

Das Aloisiuskolleg, eine Eliteschule, auf die auch Thomas de Maizière gegangen ist, Florian Henckel von Donnersmarck, Johannes B. Kerner.

Ja, das Prollkind unter Reichen und Adligen . Ich wurde Klassenbester, ging studieren, wollte früh Schriftsteller werden. Es gibt eine These, nach der hängt Bipolarität mit einer sonstigen Tendenz zur Überanpassung zusammen: Man will es den Mitmenschen allzu recht machen, bis man erschlagen wird von allen Ansprüchen. Zwischen diesen Polen, Überanpassung und lndividualitätstrotz, knallt es hin und her.

Das Internat hat Ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit verstärkt.

Oha, jetzt wird's therapeutisch, ich schrecke zurück. Dazu in wenigen Sätzen etwas zu sagen, wäre gut für Sie und den SPIEGEL, aber schlecht für mich. Da müsste ich Literatur drüber schreiben, um präzise genug sein zu können.

Vor einigen Jahren machte ein Missbrauchsskandal am Aloisiuskolleg Schlagzeilen. Waren Sie selbst betroffen?

Nein, nicht direkt. Aber bei den Jesuiten begann mein persönlicher Bildungsroman. Der Skandal hat nun auch die Basis der Erzählung, die mein Leben ist, ins Wanken gebracht. Er hat sie angeschreddert.

Ihre zweite manische Episode kam während eines Ihrer Theaterprojekte. Ein Zufall?

Das Theater ist natürlich ein einziger Säuferverein, vor allem in der Provinz, und es ist auch sonst ein fruchtbarer Boden für psychische Störungen. Auf Proben sind Psychodynamiken am Werk, die denen einer dysfunktionalen Familie ähneln, nur in Hyperspeed. Ich erinnere mich an eine Probe, bei der tickten alle aus und schrien sich an, eine bekannte Schauspielerin entblößte ihre Brüste. Bis ich, der eigentlich Verrückte, um Ruhe bat.

Wie hat Ihre Krankheit Ihre Romane geprägt?

Doppel- und Wiedergänger meiner selbst durchziehen alle meine Werke, auch meine Theaterstücke. Der Journalist Magnus im Roman „Sickster“ ist manisch und psychotisch; der obdachlose, verschuldete Exjurastudent Anton in „3000 Euro“ ist während einer Manie abgestürzt. Wobei ich das bei Anton nicht so direkt benenne. Ich wollte ihm seine Würde lassen.

Haben Sie in den manischen oder den depressiven Phasen geschrieben?

In den Jahren dazwischen. In den depressiven Phasen macht man gar nichts, in den manischen nur Schwachsinn.

Ich hätte gewettet, dass viele Passagen in „Sickster“ das Werk eines Manikers sind: Sie jonglieren mit Wortbedeutungen, Sprachbildern, Handlungsebenen, ein hochtouriger Roman.

Natürlich sind meine Erfahrungen in die Form eingeflossen. Aber ich muss Sie enttäuschen: Die Texte, die in den manischen Phasen selbst entstehen, sind bestenfalls wirrer Dadaismus.

Literatur verwischt oft die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Ähnliches geschieht im Kopf des psychisch Kranken. Ist es gefährlich für einen Bipolaren, als Schriftsteller zu arbeiten?

Es gibt Ähnlichkeiten, tatsächlich. Zumal auch Literatur immer versucht, Zeichen vielfältig zu deuten und sie mit Ambivalenzen anzureichern. Wenn ein Bipolarer solche Literatur schreibt, kann das schon seltsame Effekte auf seine poröse Psyche haben. Die Fiktion infiltriert die Wirklichkeit und marodiert dort. Zeichenüberschüsse, semantischer Krebs.

Sie sollten aufhören zu schreiben.

Bitte? Für mich war immer das Leben das Schwierige, nicht das Schreiben. Das Schreiben war eher eine Technik, um Ordnung in die Dinge zu bringen. Oder um eine Unordnung nachzubauen, damit sie ihren Schrecken verliert.

Es heißt, unter Schriftstellern und Künstlern gebe es viele Bipolare.

Das stimmt vermutlich, die amerikanische Psychiaterin Kay Redfield Jamison, die selbst bipolar ist, hat darüber geschrieben. Herman Melville soll manisch-depressiv gewesen sein, Heinrich von Kleist, Virginia Woolf, unter den Jüngeren Sarah Kane.

In einem SPIEGEL-Essay der Schriftstellerin Sibylle Mulot war vor einigen Jahren von den „Manisch-Kreativen“ die Rede. Was verbindet Bipolare und Künstler?

Beide neigen vielleicht zum Denken in großen Dimensionen, machen alles „larger than life“. Sie sind empfänglich für ekstatische Momente, große Gesten, ausufernde Konzepte. Die meisten erfolgreichen Künstler, die die Krankheit haben, sind jedoch bipolar II, haben also abgeschwächte Manien. Sie sind „nur“ hypomanisch, schädigen sich nicht besinnungslos, können sich teilweise in ihre Arbeit vertiefen.
Thomas MelleFoto: Gene Glover
 

Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern. Ich muss mich stigmatisieren, um mich zu entstigmatisieren.

Das heißt: Zu viel Verrücktheit schadet, ein wenig Verrücktheit hilft.

Ich wehre mich gegen das Klischee von Genie und Wahnsinn. Es glorifiziert und dämonisiert die Erkrankten zugleich. Das ist so wie bei den „mad scientists“ in Comics und Filmen. Es rückt sie noch weiter von den normalen, gesunden, funktionierenden Menschen weg.

Zum Künstlermythos gehört eine Portion Wahnsinn.

Das kann in der Außenwahrnehmung schon stimmen. Der Mythos bedient die Sehnsucht der Leute nach Intensität, Aufregung, Exzess. Aber sie vergessen, dass der Preis hoch ist. Ich würde meine Mitgliedschaft in diesem illustren Klub gern mit sofortiger Wirkung kündigen.

Wie verhält sich Ihr neues Buch zu den bisherigen?

Es ist Literatur, doch alles ist wahr, nichts erfunden. Es geht nicht um Effekt und Drastik, es geht um mein Leben, um meine Krankheit in Reinform. Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern, sie erzählbar machen und somit enttabuisieren. Ich muss mich stigmatisieren um mich zu entstigmatisieren.

Wussten denn bisher so viele von Ihrer Krankheit?

Der Punkt ist: Ich wusste nie, wer es weiß. Ich spürte vermehrt ein gewisses Tuscheln. Die Krankheit ist ja ein Tabu, die Leute sind hilflos, wissen nicht, welche Fragen sie stellen dürfen, oder sie urteilen einen einfach hinten rum ab. Wer etwas wissen will, kann es jetzt nachlesen.

Und wie geht es Ihnen heute?

Ich atme durch.

Sind Sie wieder ganz der Alte?

Den gab es nie. Aber es gibt einen Glutkern, einen Rest vom Ich, das vor allen Krankheiten da war und an dem ich festhalte. Es hört sich wie ein Schlager an, Peter Maffay: Irgendwo tief in mir bin ich der Student von 1999 geblieben. Der vor dem Ausbruch der Krankheit. Ich finde das gar nicht so unangenehm. Ich muss nicht auf die Weise erwachsen werden wie die anderen.

Wer oder was hat Sie gerettet?

Es gab einen Freund, der mir immer zur Seite stand. Es gab meinen Agenten. Es gab, bei allen Komplikationen, meine Mutter. Und es gab das Glück einer Liebe in finstersten Zeiten. Dazu das Indie­Argument, wie ich es nenne: Ein Oberarzt wies mich darauf hin, dass Lithium in der Natur vorkomme, sodass kein Pharmakonzern viel daran verdiene. Da dachte ich, okay, dann muss es helfen.

Welche Folgen haben die Medikamente?

Sie retten mein Leben, aber gleichzeitig arbeiten sie gegen mich. Das Lithium löste eine starke Akne aus, weshalb ich es durch Valproinsäure ersetzt habe. Auch da gibt es zig Nebenwirkungen: Gewichtszunahme, Haarausfall, Trägheit, eine Gedämpftheit der Gefühle und des Denkens. Mein Sexualtrieb ging zwischenzeitlich gegen null.

Was bedeuten die Medikamente fürs Schreiben?

Ich weiß es nicht, aber ich frage mich manchmal, inwieweit mein Stil heruntergepegelt, „klassischer“ ist. Ist es nur das Alter, das Ende von „Sturm und Drang“, das mich weniger auffahrend erzählen lässt, weniger grell und expressiv? Oder ist es die Valproinsäure, die ja die Spitzen im Gefühlsleben kappen soll, nach oben und unten? Ich habe den Verdacht, dass die Medikamente in meine Sätze einsickern, bis in ihre Struktur hinunter. Aber es geht mir besser, immer besser. Und der mögliche Tausch wäre, hochzufliegen und womöglich ganz zu verbrennen.

Haben Sie Angst vor einem Rückfall?

Ich hoffe und, ja, ich bete, verschont zu bleiben. Sollte ich doch mal wieder manisch werden, möge mir jemand mein Buch in die Hand drücken. Es könnte eine Rettung sein.

Herr Melle, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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