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SZ-Gespräch mit Saša Stanišić
“Manche Dinge würde ich lieber vergessen”

Saša Stanišić
Foto: Katja Sämann

Am Vorabend des Interviews liest Saša Stanišić im Münchner Literaturhaus aus seinem neuen Buch "Herkunft". Seine Lesungen, reich an Pointen, bringen das Publikum regelmäßig zum Lachen. Diesmal aber muss Stanisic einmal Tränen runterschlucken, die seine Stimme brüchig machen. "So ist es, wenn man mit Erinnerung arbeitet", sagt er, "irgendwann erwischt sie dich."

SZ: Herr Stanisic, gestern Abend auf der Bühne mussten Sie sich kurz sammeln. Sie sagten, die Erinnerung habe Sie "erwischt". Wie schützt man sich beim Schreiben davor, dass einen die Vergangenheit immer wieder einholt?

Saša Stanišić: "Herkunft" ist voller Erinnerungen, steht als Text aber gleichzeitig in gesunder Distanz zu ihnen. Gestern Abend, im Vortrag, war es anders: Im Publikum saß ein alter Freund aus Heidelberg, und als ich gerade eine Stelle über

unsere gemeinsame Zeit dort vorlesen wollte - noch nicht mal eine besonders rührende -, da schaute ich ihn an, und er schaute mich an. Ich las, aber der Text war plötzlich mehr als bloß Text, die Erinnerung saß mit im Raum, und die Bilder von damals strömten einfach so. Also musste ich kurz Pause machen, damit sie sich beruhigen können.

Sie sind im bosnischen Visegrad geboren und 1992 vor dem Krieg mit Ihrer Mutter nach Heidelberg geflohen, der Vater kam später nach. Was war schwieriger zu erzählen, die Herkunft oder die Ankunft?

Bei der Geschichte meiner Familie tat ich mich leichter, weil sie weniger mit mir direkt zu tun hat. Die Ankunft in Deutschland hingegen ging mich sehr an: Man will nicht Leiden um des Leidens willen erzählen und damit kokettieren, aber dennoch die Erfahrung des Leides vermitteln für Leser, die so etwas nie erlebt haben. Also erlebt man alles irgendwie wieder: im Recherchieren, im Erinnern, im Formulieren.

In Max Frischs "Stiller" heißt es: "Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben." Ist es so?

Es war tatsächlich einfacher, jene Szenen zu erzählen, in denen ich Zuschauer war und keine handelnde Person. Die Szenen in Oskorusa, dem Dorf meiner Urgroßeltern, das ich mit meiner Großmutter besuchte, schrieb ich gelassener als jene, die in einem kleinen Bungalow in Heidelberg-Emmertsgrund spielen. Da gab es auch Dinge, für die ich mich geschämt habe.

Was denn für Dinge?

Am schlimmsten war für mich, dass meine Eltern sich Möbel vom Sperrmüll holten. Ich hasste das, und ich habe sie spüren lassen, dass ich es hasste. Niemand sollte zu uns kommen und sehen, wie wir leben.

Sie haben für das Buch Gespräche mit Ihrer Familie geführt. Gab es Konflikte darüber, was Sie erzählen und was etwa Ihre Eltern lieber privat halten wollten?

Anfangs hatte ich eine falsche Vorstellung von den Themen, die meine Eltern nach unserer Flucht bewegten. Ich habe meine Mutter gefragt, ob sie als Migrantin in der Wäscherei, in der sie arbeiten musste, schlecht behandelt worden sei, ob sie mit Sexismus und Ausgrenzung konfrontiert war. Aber sie wollte lieber über andere Dinge sprechen: die harte körperliche Arbeit, die Stunden in der Hitze der Wäscherei. Also habe ich davon erzählt und nicht von den Dingen, die ich zuerst im Kopf hatte.

Dann ging es Ihnen um Authentizität?

Zunächst wollte ich erkunden, was da alles schlummert. Die Narbe am Oberschenkel meines Vaters etwa, groß wie eine Schussverletzung, nach der ich nie gefragt hatte. Die Leitfrage bei all dem war für mich: Welche Geschichten aus dem Heidelberg der 90er-Jahre haben bis heute Aktualität, sind es wert, erzählt zu werden? Natürlich wollte ich das dann auch authentisch erzählen. Man geht einen Deal mit dem Leser ein, sobald man als Autor "Ich" sagt und sich selbst meint. Auf meinem Buch steht eben nicht "Roman".

Im Unterschied zu Ihrem Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert": Hier erzählt ein Icherzähler namens Aleksandar vom Zerfall Jugoslawiens und der Flucht nach Deutschland. Der Roman war autobiografisch, aber weit weg von Sasa, der in "Herkunft" erzählt.

Als ich den "Soldaten" schrieb, war ich noch nicht reif für ein echtes Buch über mich selbst. In dem Roman gibt es viele Schutzschilde, die mich von meinem Protagonisten trennen, sodass ich beinahe meine Geschichte erzählte, aber eben nicht ganz: Es ist nicht Heidelberg, sondern Essen. Aleksandar ist im Umgang mit Erinnerung erfinderischer und autonomer. Die Belastung seines Vaters durch die Arbeit - ausgeklammert. Nur Mutter in der Wäscherei ist geblieben. Statt zu erzählen, wie mir Menschen halfen, hier anzukommen, lasse ich Aleksandar Briefe nach Visegrad schreiben. Alles Übersprungshandlungen, um nicht wirklich von mir selbst erzählen zu müssen. In "Herkunft" konnte ich das: "Ich" sagen und - größtenteils – mich meinen. Damit schließt sich ein Kreis, es fühlt sich an, als hätte ich etwas erledigt.

Autobiografisches Schreiben kann auch eine Falle sein. Wie wichtig ist es, sich als Autor von der Erinnerung, aber auch von der Herkunft zu emanzipieren?

Der Wechsel tut gut: Nach dem "Soldaten" schrieb ich "Vor dem Fest", das gar nichts Autobiografisches hat, dann Erzählungen, eine gemischte Kiste. Und jetzt wieder über mich. Letztlich war es so, dass ich gemerkt habe, da sind noch Geschichten, die ich erzählen will. Das nächste Projekt führt jetzt wieder weit weg von mir: Erfindung, Spiel, null Ich.

Der Schriftsteller Maxim Biller mokierte sich, dass in "Vor dem Fest" ein "Neudeutscher über Urdeutsche" schreibe. Ist eine solche Kritik verletzend?

Verletzt war ich nicht, aber verwundert. Maxim Biller müsste es eigentlich besser wissen. Dass Herkunft kein ästhetisches Merkmal ist und man nicht, nur weil man irgendwo geboren ist, ausschließlich darüber oder auf eine bestimmte Weise schreiben muss. Einem Schriftsteller das Recht abzusprechen, dass er sich auf andere Themen konzentriert als jene, die ihm seine Identität vorgibt, ist ziemlich schwach.

Üblicherweise werden Sie als "bosnisch-deutscher Schriftsteller" vorgestellt. Sehen Sie sich selbst so?

Ginge man nach Pass und Sprache, müsste es "deutscher Schriftsteller" heißen. Dann wären bei "deutsch" die unterschiedlichen Herkünfte schon mitgedacht.

Stören Sie solche Zuschreibungen?

Nur, wenn mein Geburtsort als Argument für irgendetwas genommen wird. Zum Beispiel: Er erzählt so ausufernd, weil er vom Balkan stammt. Oder: Er spielt mit Sprache, weil er Deutsch erst mit 14 Jahren gelernt hat. Das ist, als würde man sagen, die Bücher von glatzköpfigen Männern handeln eigentlich alle von Haaren. Plötzlich geht es nicht mehr um das Werk, sondern nur noch darum, wer es geschrieben hat. Das entwertet die Arbeit - die Recherchen, das Nachdenken über Form und Sprache.

In Ihren ersten Monaten in Heidelberg teilte Ihr Deutschlehrer Zeitungsartikel aus über die Anschläge in Rostock-Lichtenhagen. In "Herkunft" macht der Erzähler eine Vokabelliste: "Vorgang", "Krawall", "Sprengsatz", "ersticken"…

Ich erzähle von dieser Erfahrung, weil sie mich emotional geprägt hat. Und natürlich müssen wir über den Spracherwerb und seine Bedeutung in dieser bewegten Gesellschaft sprechen. Sprache ist für einen Neuankömmling erst einmal pragmatischer Schlüssel zur Akzeptanz in Deutschland. Und zur Akzeptanz von Deutschland.

Apropos Akzeptanz: Auf Wohnungssuche wurde aus "Sasa" manchmal "Sascha". Erst der Preis der Leipziger Buchmesse brachte die Befreiung - plötzlich waren weder Name noch Beruf ein Problem für Vermieter. Wie wichtig war Anerkennung fürs Ankommen?

Beim Literaturpreis ging es weniger um die Auszeichnung als um die Buchverkäufe. Auf einmal sah es aus, als würde ich richtig viel verdienen. Aber gerade als Teenager habe ich nach Anerkennung und Anschluss gegiert. Ich hatte drei Freundeskreise: die deutschen Mitschüler, mit denen ich lernte, dann ein paar Nerds, mit denen ich Rollenspiele spielte…

und die Aral-Tankstelle.

Dort trafen wir Ausländer uns fast täglich und erzählten uns unsere Abenteuer. Ich war ein Grenzgänger und hatte bald eine besondere Rolle: Während die anderen Jungs Fleisch grillten, saß ich abseits auf einem Baumstamm und las in meinem Reclam-Heft. Irgendwie dachte ich damals, das sei cool.

An der Tankstelle überboten sich die Freunde mit ihren Geschichten: "Aral-Literatur" heißt es im Buch. Dem gegenüber steht Ihre Faszination für Eichendorffs romantische Lyrik. Eigenwillige Kombination.

Aral-Literatur ist, wenn meine Fantasie mich fortträgt. Das hatte ich schon als Kind, und ich merke an meinem kleinen Sohn, dass auch er eine unfassbare Lust am Erfinden hat. Eichendorff habe ich an der Uni kennengelernt: Eigentlich staubtrockener Beamter, aber dann steckt in seinen Gedichten so viel Wehmut und Zuneigung zu den Dingen. Die Enge seiner Amtsstube stand in totalem Kontrast zu der Weite in seinen Gedichten. Er sehnte sich nach einem Ort, an den er gehört. Das entsprach mir damals, mit Anfang 20, sehr. Beim Schreiben von "Herkunft", kam er mir wieder in den Sinn, ich habe eine Woche lang Eichendorff gelesen.

Die Lektüre haben Sie wie so oft auf Twitter kommentiert, 24 000 Tweets haben Sie dort schon abgesetzt.

Manchmal entstehen große Textteile auf Twitter. Ich kommentiere dort, woran ich gerade arbeite, und probiere aus. Aber ich würde nie versuchen, Twitter in meinen Texten zu imitieren.

Die Pointendichte wäre wohl zu hoch.

Ja, Twitter ist zum Spaßhaben und Sachen Mitkriegen.

In sozialen Medien setzt man sich stark dem Urteil anderer aus, noch stärker, als wenn man ein neues Buch vorlegt. Wie sehr betrifft Sie das?

Inzwischen lasse ich es zu, dass Menschen sich ein Bild machen von meinem Leben, bei "Herkunft" so sehr wie nie zuvor. Das hat mich Überwindung gekostet, auch die Überwindung von Vorurteilen: Früher dachte ich, alle Deutschen kämen aus einer halbwegs heilen Welt und könnten deshalb niemals verstehen, wie es mir geht. Aus dem Grund habe ich damals manche Leute nicht in mein Leben gelassen.

Sie haben über Wolf Haas Ihre Magisterarbeit geschrieben. 2006 standen Sie beide auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, er mit "Das Wetter vor 15 Jahren", Sie mit dem "Soldaten". Auf die Shortlist haben es nur Sie geschafft.

Und er machte mir ein wunderschönes Kompliment: Nun habe der Schüler den Meister überholt. Ich bin ein großer Bewunderer von Wolf Haas und seinem Humor. Einmal kam er in Wien zu meiner Lesung aus "Vor dem Fest". Ich sagte zu den Leuten: "Sie ahnen es vielleicht nicht, aber der Erfinder des Humors, den Sie gerade hören, sitzt unter Ihnen."

Über Ihre Bücher sagen Leser oft, sie seien "schön", Kritikern fehlt mitunter das Widerspenstige.

Ein guter Freund hat mal gesagt, ihm seien meine Texte zu harmlos, weil es darin nichts Böses gibt. In "Vor dem Fest" schlafen die Nazis, die Vergewaltigung im "Soldaten" findet hinter der verschlossenen Tür statt. Ich vertraue den Lesern, dass sie diese Leerstellen schließen. Es reicht, den Moment davor und danach zu zeigen, um zu ergänzen, was dazwischen passiert. Ich will im Erzählen kein Voyeur sein. Aber ich verstehe auch, was der Freund meinte. Mich interessieren Barmherzigkeit und Warmherzigkeit mehr als ihre Gegenteile.

Das Versöhnliche zeigt sich in "Herkunft" insbesondere an einer Figur: Sie erzählen von der fortschreitenden Demenz Ihrer Großmutter, die in Visegrad lebt, vergebens darauf wartend, dass ihr verstorbener Mann durch die Tür tritt.

Meine Großmutter ist voriges Jahr gestorben, kurz bevor das Buch fertig war. Vorher verlor sie nach und nach ihre Erinnerung. Sie wurde wütend und aggressiv, wenn ihr etwas nicht einfiel oder sie sich nicht mehr auskannte. Das Einzige, was dann half, war, ihr auf die Sprünge zu helfen und von früher zu erzählen. Wenn ich aber selbst nicht wusste, was ihr gerade entfallen war, begann ich, mir etwas auszudenken.

Während die Großmutter ihre Erinnerung verliert, spinnt der Enkel Erfindungen.

Mein Buch ist in die Krankheit meiner Großmutter hineingeschrieben: das Füllen ihrer Erinnerungslücken mit meinen Fiktionen. Es gibt ja in jeder Herkunftsgeschichte Lücken. Etwa die Sache, ob mein Urgroßvater, der Flößer auf der Drina war, tatsächlich nicht schwimmen konnte. Es lebt niemand mehr, der mir sagen kann, ob das stimmt. Ich habe diese Lücke genutzt, um mir auszudenken, wie meine Urgroßeltern sich kennengelernt haben. Das war nämlich das einzige Mal, dass mein Urgroßvater in den Fluss gesprungen ist und zu meiner Urgroßmutter geschwommen ist.

Dann kann das Vergessen auch eine Chance sein.

Das Vergessen war immer mein Gegner, weil ich aus der Erinnerung viel Text hole. Zum Glück hatte ich die Vokabelhefte und Tagebücher von damals noch. Viele kleine Geschichten aus Heidelberg hätte ich ohne diese Notizen nicht schreiben können. Aber es gibt Dinge, die würde ich tatsächlich lieber vergessen. Während des Krieges habe ich zum Beispiel gesehen, wie ein Pferd umgebracht wurde. Schrecklich. Aber seit ich diese Szene im "Soldaten" erzählt habe, hat sich die erfundene Szene über die Erinnerung gelegt: Ich weiß noch, dass dieses Pferd getötet wurde, aber ich habe kein Bild mehr davon, nur noch die Bilder, die ich im Buch erfunden habe. Sie überdecken die schmerzhafte Erinnerung. Manchmal kann Fiktion die Realität erträglicher machen.

Im Gegensatz zu anderen Fluchtgeschichten sind in "Herkunft" Fragmente miteinander verknüpft, Abgründe höchstens angedeutet. Ist Fiktion ein Heilmittel?

Zu schreiben und mir Geschichten auszudenken hat mir mein Leben lang geholfen, klarer zu sehen, was um mich herum geschieht. Dieses Mal war es noch stärker: Das Verhältnis meiner Familie hat sich entspannt. Als hätte es nicht nur mir, sondern auch ihnen geholfen, die Geschichten zu erzählen.

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