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FAZ-Rezension von Sandra Kegel
In dieser Welt sprechen die Flüsse

Saša Stanišić
Foto: Katja Sämann

Drachen zähmen: In "Herkunft" sucht Saša Stanišić bei Lebenden und Toten nach Antworten auf die Frage, wer er ist.

Was schreibt man der Ausländerbehörde auf die Frage nach der eigenen Herkunft? Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, ist der Schriftsteller Saša Stanišić im März 2008 aufgefordert, unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf einzureichen. Er legt eine Tabelle mit den Daten seines Lebens an, dem Besuch der Grundschule in Visegrad, der Stadt im einstigen Jugoslawien, in der er 1978 geboren wurde, dem Studium der Slawistik in Heidelberg. Aber die Stichpunkte, stellt er schnell fest, haben nichts mit seinem Leben zu tun. "Ich wusste, die Angaben waren korrekt, konnte sie aber unmöglich stehen lassen", notiert der Erzähler und setzt aufs Neue an. Wieder nennt er das Datum seiner Geburt und schildert dann, wie es in diesen Tagen unablässig geregnet hat, dass der Blitz einschlug, als er auf die Welt kam und seine Großmutter Kristina, die sich in den ersten Jahren um ihn kümmerte, bei der Mafia war.

Saša Stanišićs Antwort auf die Frage, wer er ist und woher er kommt, wird am Ende mehr als dreihundertfünfzig Buchseiten füllen. Und "Herkunft", so der Titel dieser autofiktionalen Erzählung, ist keine Seite zu lang. Weil Herkunft komplex ist und schon die Frage, worauf sich das Woher bezieht, für den Autor unklar bleibt: "Auf die geografische Lage des Hügels, auf dem sich der Kreissaal befand? Auf die Landesgrenzen des Staates zum Zeitpunkt der letzten Wehe? Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt?" Das alles ergebe doch nur eine Art Kostüm, das man, einmal übergestülpt, "ewig tragen soll". In diesem Sinn ließe sich "Herkunft" als eine Kostümprobe beschreiben. Immer wieder probiert der Erzähler neue Gewänder an, die er in der Fundgrube seiner Erinnerung findet, um sich darin als sein früheres Ich zu betrachten, als Sohn, als Flüchtling, als Reisender, Enkel oder Drachenjäger.

Saša Stanišić: „Herkunft“ © Random House Saša Stanišić zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellern. Schon mit seinem Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" aus dem Jahr 2006, in dem er den in Visegrad hereinbrechenden Jugoslawien-Krieg literarisch bearbeitete, stieß er auf so viel Begeisterung, dass sein Erstling in dreißig Sprachen übersetzt wurde. 2014 erhielt er für seine Erzählung aus der Uckermark "Vor dem Fest" den Preis der Leipziger Buchmesse. Wie schicksalhaft die politischen Umwälzungen Mitteleuropas auf sein Leben und das seiner Familie einwirkten, davon handelt auch "Herkunft" zentral. Zwischen den dürren tabellarischen Einträgen "Geburt" und "Studium" hat Saša Stanišić bereits Krieg und Flucht kennengelernt, einen Neuanfang in der Fremde erlebt und den Aufbruch als Künstler.

Als der Bürgerkrieg im zerfallenden Jugoslawien 1992 auf Bosnien übergreift, ist der Erzähler vierzehn Jahre alt. Es kommt zu ethnischen Säuberungen und Vertreibungen in der Stadt, und auch die Stanisics, der Vater Serbe, die Mutter muslimische Bosnierin, eigentlich die klassischen Vertreter des ehemaligen Vielvölkerstaats, sind nicht mehr sicher und müssen fliehen. Ihre Odyssee endet in Heidelberg, wo sie bei einem Onkel unterkommen. Die Eltern müssen hart arbeiten und jenseits ihrer akademischen Qualifikation, um sich das neue Leben in der Fremde inmitten von Sperrmüllmöbeln aufzubauen. Heidelberg, das ist für den Erzähler Flucht und Neubeginn, das Prekäre, die Pubertät, Nachmittage an der Aral-Tankstelle und erste Gedichte, und irgendwann ein "trotziges Selbstbewusstsein: Weil ich es kann!"

Nicht nur die Ausländerbehörde, auch die Großmutter, das heimliche Zentrum dieser literarischen Selbstverortung, gibt dem Autor, der inzwischen Vater ist und in Hamburg lebt, Anlass zu seinen Nachforschungen in Sachen Stanisic. Immer wieder besucht er sie in Visegrad, denn die an Demenz erkrankte Frau verliert sich immer mehr im Vergessen. Mit ihr sucht er in den Bergen das Dorf ihrer Vorfahren auf, in dem nur noch eine Handvoll Menschen leben. Mit ihr erinnert er sich an die wagemutige Schwester Zagorka, die immer Kosmonautin werden wollte, es aber selbst nie ins Weltall schaffte. Die Prosaminiaturen rufen Feste im Garten unter dem Kirschbaum in Erinnerung und wie das Kind die ersten Anzeichen einer politischen Krise noch nicht deuten kann. Auch beim legendären Fußballspiel zwischen Roter Stern Belgrad und Bayern München 1991 hat der Erzähler mitgefiebert, aus dem gegen alle Wahrscheinlichkeit Belgrad als Sieger hervorging, am Vorabend eines nicht weniger unvorstellbaren Krieges.

Saša Stanišić schreibt mal anekdotisch, mal nachdenklich, dann wieder phantastisch, denn auch Drachen spielen in dieser Erzählung eine wesentliche Rolle. Es geht um Glück und Schmerz und um Heimweh nach einem Land, das es nicht mehr gibt. Unterbrochen werden die Rückblenden von Reflexionen aus der Gegenwart, in denen der Erzähler einordnet, überprüft, manches auch preisgibt. So auch seine Poetologie, die er einmal seiner Großmutter erklärt. Fiktion, heißt es da, sei für ihn eine eigene Welt, die nicht die Realität abbilde, sondern eine Welt, "in der Flüsse sprechen und Urgroßeltern ewig leben". Dennoch ist "Herkunft" untrennbar verbunden mit dem Motiv des Abschieds. Denn so wie die Kinder der letzten Bewohner des Bergdorfs Oskorusa die Gehöfte ihrer Eltern nicht übernehmen, so versinkt Kristina immer mehr im Vergessen und ist die abenteuerliche Kosmonautin längst gestorben. Saša Stanišić lässt die Toten in seiner zauberhaften Prosa auferstehen, es ist ein Anschreiben gegen das Vergessen, dabei überschreitet er die Grenzen zwischen den Zeiten. "Keiner ist vergessen", sagt einmal ein Dorfbewohner am Grab der Urgroßeltern. Auch der heilige Georg ist nicht vergessen und auch nicht der Kriegsverbrecher, dessen Konterfei in einem Bilderrahmen der Erzähler plötzlich in einem Haus entdeckt.

Warum Stanisics Schreiben seit jeher so viel mit Menschen und Orten zu tun hat und damit, was es für diese Menschen heißt, an einem bestimmten Ort geboren worden zu sein, dort aber nicht mehr leben zu dürfen oder zu wollen, auch das wird in "Herkunft" klar: Kaum eine seiner literarischen Figuren bleibt an einem Ort, wenige kommen dort an, wo sie ursprünglich hinwollten, und von Heimat sprechen sie selten.

Für den Weltenbummler Mo im Buch bedeutet Heimat einen Ort, an dem man sich am wenigsten vornehmen müsse. Für Saša Stanišić, dessen Familie heute verstreut auf der ganzen Welt lebt, weil sie mit dem zerfallenden Jugoslawien auseinandergebrochen ist und sich nicht mehr zusammensetzen konnte, bedeutet Heimat noch etwas anderes. Heimat sei für ihn "das, worüber ich gerade schreibe". Auch deshalb benutzt er den Begriff wohl mitunter im Plural, Heimaten. Und da sich in der Logik des Buches Herkunft eben nicht linear auf einem Zeitstrahl zurückverfolgen lässt, sondern sich als ein Geäst aus lauter Wegen, Abzweigungen, Möglichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt, so hat auch "Herkunft" nicht nur ein Ende, sondern ganz viele. Je nachdem, wie man das Buch liest, findet diese Tiefenbohrung in die Geschichte die unterschiedlichsten Ausgänge.
 
 
Zuerst erschienen am 16. März 2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

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