Unterwegs mit ... ... Saskya Jain durch Delhi

Saskya in Kaka Nagar
Saskya in Kaka Nagar | Foto: © Sarang Sena

Die indische Literaturwelt bekommt Nachwuchs: die Deutsch-Inderin Saskya Jain. Ihr von Kollegen und Kritikern hoch gelobter Debütroman „Fire Under Ash“ spielt in Delhi. Ein Spaziergang mit der Autorin durch eine „unterschriebene Stadt“. 

In Saskya Jains Brust schlagen mehrere Herzen: Als Tochter einer deutschen Mutter und eines indischen Vaters vereint sie zwei Nationalitäten, zwei Kulturen und drei Sprachen – sie spricht fließend Englisch, Deutsch und Hindi. Heimat? Schwer zu sagen. In Delhi ist sie aufgewachsen, in Deutschland hat sie studiert, ein paar Semester auch in den USA. Ihr Ehemann ist Deutscher, aber ihr Buch erscheint auf Englisch.

Saskya zu Hause in Kaka Nagar Saskya zu Hause in Kaka Nagar | Foto: © Sarang Sena Dass es genau dieses Spannungsfeld ist, in dem sich Saskya seit frühester Kindheit bewegt, das sie prägt und inspiriert, wird bei unserem Treffpunkt klar. Als Start für unseren Stadtspaziergang schlägt sie Kaka Nagar vor. Ein besseres Wohnviertel für Regierungsbeamte im Zentrum Delhis. Abgeschottet von der Hauptstraße durch eine zwei Meter hohe, hässliche Steinmauer. „Die war früher nicht da“, erzählt Jain. Genauso wenig wie die Bambuszäune, die jetzt jeden einzelnen der grauen Wohnblöcke vor neugierigen Blicken schützen. „Damals war hier alles offen. Wir konnten überall hin, kannten jeden Winkel, jedes Versteck, jede Abkürzung.“ Heute muss man sich sogar ein Loch in der grünen Einfriedung suchen, um das Elternhaus von Saskya Jain zu sehen.

Schneller, schneller!

Der berühmte Shop Der berühmte Shop | Foto: © Sarang Sena Es steht noch. Auch die Fahrschule „G7-Star-Motor“ hat die Jahre überlebt. Oft trifft sie hier ihre Freunde. Die Fahrschule hat sie deshalb noch so lebendig in Erinnerung, weil seiner Zeit nach gefahrenen Kilometern, nicht nach Fahrstunden abgerechnet wurde. „Da hieß es immer ‚Schneller, schneller, fahr doch schneller‘…“ Der Markt und der kleine Laden „Safal Pure Veg“ gleich nebenan bilden den Hintergrund für eine Szene in Jains zweitem, noch unveröffentlichten Roman, an dem sie gerade schreibt. „Die ganze Kolonie spielt eine wichtige Rolle in dem Buch. Es geht um ein Federball-Turnier. Mehr verrate ich nicht.“

Im Schutz der Kolonie

Fünf ist sie, als sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder nach Kaka Nagar zieht. 18, als sie die Kolonie Richtung Deutschland wieder verlässt. Dazwischen liegen die Jahre einer wohlbehüteten Mittelschichts-Kindheit im Schutze des Regierungsbeamtentums. Das Verrückte an der Geschichte: Ihr Vater ist gar kein Bürokrat. Als Kunsthistoriker und Direktor des Crafts Museums bekommt er trotzdem eine Wohnung im Erdgeschoss von Block D-II,  gleich neben dem Sport-Club des Viertels. Und im Gegensatz zu den Nachbarn, die im Turnus von etwa 3-5 Jahren wieder ausziehen müssen, darf seine Familie wohnen bleiben. Ein Privileg, von dem es in Saskyas Leben noch mehrere geben wird. Nicht nur von Vorteil für das Mädchen, das immer irgendwie anders bleiben wird.

Zwischen den Welten

Zum Beispiel in der Schulzeit: Sie darf die elitäre Deutsche Schule besuchen. Umgeben von Diplomatenkindern merkt Saskya schnell, wie unterschiedlich ihre jeweiligen Welten sind. Und das liegt nicht nur an ihren indischen Einflüssen. Auch die Oberflächlichkeit,  der zur Schau getragene Überfluss und das Nicht-Ankommen-Wollen oder -Können der Mitschüler in der exotischen Welt, bleiben Saskya fremd und unerklärlich. Sie lädt nur selten Freunde zu sich nach Hause ein. Und sie wird eine gute Schülerin. „Ich wollte es denen zeigen.“

Je älter sie wird, desto mehr setzt sich Saskya Jain mit ihrer kulturellen Identität und ihrer Sozialisierung auseinander. „Man ist nie ganz das eine oder das andere“, sinniert sie. „Irgendwie nimmt man immer eine Art Außenseiterperspektive ein. Vielleicht ist das der Grund, warum man Autor wird.“ Und weshalb Delhi als Dreh- und Angelpunkt beider Romane? „Ich bin in Delhi verwurzelt. Hier bin ich groß geworden. Ich bin stolz darauf. Insofern kann ich schon sagen, das ist meine Heimat“, sagt sie, ohne lange zu überlegen. Und weil sie kein Mensch sei, der wehmütig zurückblicke, für den Nostalgie nicht nur die Verhandlung mit der Vergangenheit, sondern vor allem auch mit der Zukunft ihres Landes sei, beschreiben beide Bücher einen aktuellen Zustand der indischen Hauptstadt. 

„Meine kleine Saskya“

Im Crafts Museum Im Crafts Museum | Foto: © Sarang Sena Ein bisschen Wehmut kommt dann aber doch auf, als wir den nächsten Ort besuchen: das Crafts Museum. Ob es daran liegt, dass Saskya Jain als Kind und Jugendliche hier regelmäßig die Wochenenden verbracht hat, oder daran, dass das Museum, das ihr Vater seinerzeit mit viel Liebe zum Detail aufgebaut hat, seinen alten Glanz nur noch erahnen lässt, kann man nur vermuten.

Herzliches Wiedersehen Herzliches Wiedersehen | Foto: © Sarang Sena Wahrscheinlich sind es die vielen Museumsmitarbeiter, die plötzlich überall auftauchen. Sie freuen sich sichtlich, Saskya zu treffen und schließen sie herzlich in die Arme. „Ich sehe sie noch auf dem Arm ihres Papas, die Beine fest um dessen Hüfte geschlungen, ihre Lieblingspuppe im Arm“, erzählt Renu Mathur gerührt. Die ehemalige Sekretärin von Saskyas Vater hat Tränen in den Augen. „Und jetzt steht eine junge, erfolgreiche Frau vor mir. Ich bin so stolz auf sie. Zu ihrer Lesung komme ich auf jeden Fall“, verspricht sie abschließend.

Herzliche Umarmung Herzliche Umarmung | Foto: © Sarang Sena Wer Handwerkskunst liebt, dem sei dieses Museum ans Herz gelegt. Die Sammlung ist erstaunlich und der Bereich, in dem die Künstler ihr Schaffen live demonstrieren, sehenswert. In entspannter Atmosphäre lassen sich hier ein paar schöne Stunden verbringen. Nicht übervölkert, mit angeschlossenem Shop und empfehlenswertem Café, ist das Museum auch für Kinder bestens geeignet. Es ist gut nachvollziehbar, warum sich Saskya Jain noch immer sehr wohlfühlt an diesem Ort.

Gespannt auf die deutsche Übersetzung

Lecker Lecker | Foto: © Sarang Sena Bei vegetarischem Thali im Andhra Bhavan erzählt Saskya, warum sie ihr Buch „Fire under Ash“ auf Englisch und nicht auf Deutsch geschrieben hat: „Deutsch ist einfach nicht meine literarische Heimat. Ich fühle mich dem Englischen näher, zumindest, was die Sprache betrifft.“ Und die Übersetzung ins Deutsche? „Mache ich auf gar keinen Fall. Es war schwer genug, das Buch einmal zu schreiben.“ Fünf Jahre habe sie dafür gebraucht. Aber natürlich hoffe sie, dass sich ein Verlag findet, der ihren Roman übersetzt. Genügend literarische Übersetzer mit Indienbezug gäbe es ja. „Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was dabei herauskommt. Vor allem auf den deutschen Titel.“

Andhra Pradesh Bhawan Andhra Pradesh Bhawan | Foto: © Sarang Sena Die Andhra Bhavan-Kantine hält sie übrigens für einen Geheimtipp, den kein Delhi-Besucher verpassen sollte. Die Bhavans sind vergleichbar mit den deutschen Landesvertretungen, und ihre jeweiligen Kantinen präsentieren die regionale Küche des entsprechenden Bundesstaates. Einfach, authentisch, preiswert und extrem lecker.

Picknick und Geburtstag in den Lodi Gardens

Saskya im Lodi Garden Saskya im Lodi Garden | Foto: © Sarang Sena Eine willkommene Abwechslung für die Sinne bieten die Lodi-Gärten. Saskya bezeichnet die weitläufige Parkanlage als einen ihrer Lieblingsplätze in Delhi. Folgerichtig unternehmen wir unseren Verdauungsspaziergang hier. Eingebettet in die High-end Residenzen-Gegend ist dies ein heiter-friedlicher Zufluchtsort vor dem Chaos der Stadt. Auch Saskya Jain verbringt hier diverse erholsame Stunden, bei Kindergeburtstagen, auf Familien-Picknicks und heute, wenn sie auftanken will.

Sechs Monate pro Jahr verbringt die 31-Jährige in Delhi, die andere Hälfte in Berlin. Dazwischen Lesungen, Buchmessen, Literaturfestivals, Termine mit Agenten und Verlegern. Das schlaucht. Genau aus dem Grund brauche sie auch einen festen Rhythmus zum Schreiben. Vormittags. Drei bis vier Stunden. Sie ist überzeugt, ohne Disziplin und festen Willen nütze das größte Talent nichts. Unterstützung erfährt sie von ihrem Ehemann. Christopher Kloeble ist ebenfalls Autor. „Das ist sehr praktisch. Ich habe meinen Lektor gleich zu Hause“, Saskya Jain lacht. „Natürlich gibt es auch viele Herausforderungen, wenn zwei Schriftsteller zusammenleben.“ Da sei zum Beispiel der Wettbewerb. Oder der Umgang mit Frust. Es bedürfe eines großen Verständnisses für den anderen und dessen Gemütszustand. „Ein Autorenleben ist oft voller Absagen und Enttäuschungen.“    

Unterirdisch sicher

Unterwegs mit Saskya in der Metro Unterwegs mit Saskya in der Metro | Foto: © Sarang Sena Von der grünen Lunge nehmen wir die Metro, Gelbe Linie, Richtung Süden. Und zwar nicht nur als Mittel der Fortbewegung. Saskya wählt sie explizit als einen ihrer besonderen Plätze in Delhi. „Die Metro ist in meinem Roman eine Metapher, die immer wieder auftaucht. Sie steht für bahnbrechende Veränderungen, für Perspektivwechsel, für Demokratisierungsprozesse.“ Was sie damit meint: In einer 20-Millionen Metropole wie Delhi, in der der Verkehr eines der größten Ärgernisse ist, hat die Metro große Entspannung gebracht. „Sie ist modern, sauber, schnell, sicher und extrem pünktlich“, schwärmt Jain und zückt zum Beweis ihre Monatskarte am Fahrkartenschalter. Vor allem Frauen und Hauptstädtern ohne Auto habe sie enorme Erleichterung und viel Freiheit verschafft.
 
In der Metro In der Metro | Foto: © Sarang Sena „In der Metro sind alle gleich, alle nutzen sie: vom Banker bis zur Putzfrau.“ Auch einer ihrer Protagonisten im Roman erlebt den Blickwechsel in der Metro. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung: Auf einer der Hauptstraßen Richtung Gurgaon erlebt Ashwin von der Straße aus beispielsweise eine Boutique und einen Shop neben dem anderen. Während der Blick aus der Metro nur verrostete Dächer freigibt. Außerdem kann er wenig später plötzlich von oben herab in das luxuriöse Farmhaus seiner Eltern sehen. Was Menschen von der Straße aus verwehrt blieb, offenbart sich in der Metro.

Die ersten zwei Waggons der Metro sind übrigens grundsätzlich für Frauen reserviert. Die Regeln sind streng – wir müssen mit unserem Fotografen in den dritten Wagen einsteigen. Fünf Linien und eine Zweiglinie verbinden die gesamte NCR, die National Capital Region, einschließlich der prosperierenden Vororte Gurgaon und Noida. Überall wird am weiteren Ausbau gearbeitet.

Tee-Kult und Maggi Masala auf dem Campus

Ganga Dhaba Ganga Dhaba | Foto: © Sarang Sena Auch unsere letzte Station ist bestes Beispiel für Saskya Jains originelle Perspektive. Unser „Spaziergang“ durch Delhi endet auf dem Campus der Jawaharlal-Nehru-Universität, von den Einheimischen nur JNU – in einem Wort gesprochen – genannt. Die staatliche Uni im Süden der Stadt ist eine der angesehensten in Indien und ein Kosmos für sich. Mit Hostels, Märkten, einem Amphitheater sowie diversen ‚Chai Wallahs‘ (den typischen Tee-Verkäufern) und ‚Maggi Wallahs‘ (die Inder lieben Fertignudeln von Maggi so sehr, dass es dafür sogar eigene Imbisse gibt). Wir wollen einen Chai im Ganga Dhaba schlürfen, einem der legendären Tee-Restaurants in Delhi, das nicht nur Studenten, sondern auch Alumni und Außenstehende anzieht. Was an dem staubigen, windumtosten und mit ein paar Steinklötzen aufgemotzten Fleckchen so besonders sein soll, mag sich nur den Eingeweihten erschließen und wird sicher auch mit dem speziellen Flair von intellektuellen Debatten und philosophischem Diskurs zu tun haben. Auch für mich bleibt das Geheimnis dieser Institution ungelüftet. Das Dhaba macht bis 16 Uhr Mittagspause.

Auf dem JNU-Campus Auf dem JNU-Campus | Foto: © Sarang Sena