Unterwegs mit ... ... Danko Rabrenović durch Düsseldorf

Auf dem Rad in Richtung Nordstraße
Auf dem Rad in Richtung Nordstraße | Foto: © Christopher Poltorak

In Düsseldorf ist alles nur zehn Minuten entfernt. Ein Umstand, den Danko Rabrenović sehr schätzt. Er hat die Rheinmetropole als seinen Wohnort und als Epizentrum seines Lebens gewählt. Auf dem Fahrrad erkunden wir sein Düsseldorf. 

Wobei diese Wahl zu Beginn keine freiwillige war. Der am 9. Februar 1969 in Zagreb als Sohn einer Kroatin und eines Serben geborene Musiker, Autor und Radiomoderator erreichte Deutschland als Flüchtling. Er musste Belgrad, die Stadt in der er aufwuchs, in der seine Freunde leben und er seine erste Band gründete, hinter sich lassen, um dem Kriegsdienst in dem wohl blutigsten Konflikt, den Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges gesehen hatte, zu entgehen. Somit kann er all diejenigen Menschen sehr gut verstehen, die sich dieser Tage auf einer Flucht quer über den Globus nach Europa befinden. Wobei er an dieser Stelle betont, dass er nicht „in einem Schrottboot über das Mittelmeer fahren musste“ und einem unsicheren Schicksal in einem Auffanglager entgegen steuerte.

Am Rheinufer Am Rheinufer | Foto: © Christopher Poltorak Danko hatte eine Tante in Recklinghausen, die den damals Anfang 20-Jährigen in ihrem Einfamilienhaus aufnahm. Für ihn bestand die Flucht darin, in ein Flugzeug zu steigen um seine Heimat zu verlassen. Dennoch kennt er das Gefühl, Gewohntes und Geliebtes hinter sich zu lassen. Und er weiß auch um die Widrigkeiten, die einem die neue Heimat Deutschland in den Weg legt, wenn man hier einfach nur ein neues Leben beginnen will. Unzählige Stunden im Wartesaal des Ausländeramtes und ein lange ungewisser Aufenthalt sind dafür ein deutlicher Beleg.

Erste Etappe: KIT

Danko ist gerne in Bewegung, sieht sich als eine Art moderner Nomade. Ohne seine gewohnte Umgebung zu verlassen und seinen Horizont zu erweitern, ist der Mensch eben nur schwer in der Lage, andere Kulturen und andere Menschen zu verstehen. Wer immer nur daheim bleibt, verbaut sich eine wichtige Prägung seines Charakters. Ein Umstand, der allzu oft zu dem Verhalten führt, das sich dieser Tage wieder einmal in Form von Angst und Hass gegen Fremde zeigt.

In Bewegung wollen Danko und ich heute auch sein. Nach Tagen des Regens hat sich endlich eine Wetteraussicht aufgetan, an der wir gemeinsam auf dem Sattel unserer Fahrräder sein Düsseldorf abfahren können. Unser Treffpunkt ist das Café des KIT, kurz für „Kunst im Tunnel“, am Rheinufer in unmittelbarer Reichweite des Landtages und in Sichtweite der Spitze des Fernsehturms. Hier hält sich Danko gerne auf.

Im KIT Im KIT | Foto: © Christopher Poltorak Das Publikum ist für gewöhnlich sehr gemischt, es gibt häufig Live-Musik. „Es gibt nicht so viele Orte in Düsseldorf, an denen vor einem bunten Publikum Musik gespielt wird. Ich bin nicht mehr 20 und mag keine Orte mehr, an denen es nach Pisse und Rauch stinkt. Ich schätze Orte, von denen ich weiß: Da gibt es Seife auf der Toilette.“ Auch wenn er mit seiner (und seinem Bruder) gegründeten Band Trovači selbst nach „über 300 Gigs im Arsch“ immer wieder an Orten spielen, die nicht so ganz seinen Vorstellungen entsprechen. Das KIT aber schlägt genau in die Kerbe, die Danko schätzt. Hier wird nicht nur ein schönes Panorama mit Blick auf den Rhein geboten, es gibt Jam-Sessions, Kuchen und immer wieder Ausstellungen.

Heimat liegt im Herzen

Danko sagt über sich selber, dass er gerne unterwegs ist. Damit verbindet er ein positives Gefühl. „Es ist eine Geschichte, die sich alle modernen Nomaden teilen. Wir tragen die Heimat im Herzen, es ist keine geographische Koordinate, sondern ein Gefühl. Auf dem Weg zu einem neuen Ort erwartet man immer etwas Gutes. Aber dort angekommen erkennt man auch wieder, neben allem Schönen, Dinge, die man lieber vergessen würde, die in „der anderen Heimat“ wiederum besser waren.“ Rückblickend meint Danko, dieses Gefühl schon in der Kindheit gehabt zu haben. Als Jugendlicher jedoch war dies „nicht sein Thema“, wirklich hervorgebracht hat das erst das Verlassen des ehemaligen Jugoslawien.
Den ersten Eindruck, den Düsseldorf auf ihn machte, war dabei nicht der Beste. Auch wenn es nach Recklinghausen eine Steigerung war, so erschien ihm Düsseldorf zunächst als langweilig, spießig, zu sauber und reich. Hierhin brachte ihn das Studium und seine damalige Freundin. „Jedes Mal, wenn ich Freunde in Paris oder Berlin besuchte und dann wieder hier in der S-Bahn saß, dachte ich mir: Was machst du hier? Heute aber, 20 Jahre später, finde ich Düsseldorf wunderschön. Als Familienmensch mit Kindern würde ich ungern in Berlin leben. Hier ist alles überschaubar.“

Rheinabwärts Richtung Tonhalle und zu den Rheinwiesen

Auf dem Fahrrad Auf dem Fahrrad | Foto: © Christopher Poltorak Um diese Überschaubarkeit, die Düsseldorf trotz seiner Metropoligkeit bietet, besser verstehen zu können, schwingt sich Danko mit uns auf sein Fahrrad. Wir fahren eine von ihm gern befahrene Strecke den Rhein in Richtung Tonhalle hinab. Die Altstadt mit ihrer „schlechten Musik und den vielen betrunkenen Menschen“ lassen wir dabei rechts liegen. Diesen Teil von Düsseldorf schätzt „der Balkanizer“ wenig, auch wenn er den einen oder anderen Abend als Student auf der Ratinger Straße verbrachte, „um sich mit Freunden zu treffen, zu quatschen und Mädchen anzugucken“ und kurze Zeit auf der Bolker Straße, der trunkenen Touristenmeile, in der Küche eines mexikanischen Restaurants arbeitete. Es tröpfelt ein wenig, als wir den Fuß der Tonhalle erreichen. Da die dortige Terrasse mit erneut schönem Ausblick über den Rhein gen Oberkassel geschlossen hat, geht es direkt weiter an die Golzheimer Rheinwiesen.

Golzheimer Fußballwiese Golzheimer Fußballwiese | Foto: © Christopher Poltorak Auf diesem weit ausgedehnten Grünstreifen trifft sich Danko schon seit Ewigkeiten immer sonntags mit einer Handvoll Freunden zum Fußballspielen. „Nicht elf gegen elf auf große Tore. Wir haben uns kleine Tore gekauft, spielen drei gegen drei mit dem letzten Mann als Torwart. Für uns ist das auch weniger Sport. Was zählt ist die soziale Komponente. So sehen wir uns alle trotz Job und Familie regelmäßig. Ist halt schwer, sonst gemeinsame Termine zu finden.“

Zwischen Bäcker und Büro: Die Nordstraße

Von hier aus geht es auf den Drahteseln weiter quer durch Pempelfort gen Nordstraße. Auf der geschäftigen Straße liegt für Danko alles, was er braucht. Sein Supermarkt, der Bioladen, genau wie der Hausarzt und der DPD-Shop, über den er CDs und Vinyl an Fans versendet. Aber auch sein gesamter Mikrokosmos in Düsseldorf befindet sich in unmittelbarer Umgebung, maximal zehn Minuten entfernt. Alle Mitglieder seiner Band wohnen zwischen Pempelfort und dem Zooviertel jenseits der Bahntrasse. Er lebt hier mit seiner Frau und den beiden Kindern. Studio und Probenraum der Band befinden sich in einem Hinterhof auf angenehmen 120 Quadratmetern zusammen mit seinem Büro. „Früher habe ich von zu Hause aus gearbeitet, aber irgendwann ging das nicht mehr. Wenn das zweite Kind in dein Leben tritt, dann kannst du daheim nicht mehr ohne Unterbrechung arbeiten. Du kannst nicht einfach die Tür zumachen. In meinem Büro kann ich mich ganz auf die Arbeit konzentrieren, bin aber immer in Rufweite. Meine
Tochter geht hier um die Ecke zur Schule. Wenn was ist, bin ich direkt da.“

Kreativzentrum Münsterstraße

An der Nordstraße An der Nordstraße | Foto: © Christopher Poltorak Das Ziel unserer Radtour ist schließlich auch jener Probenraum von Trovači, der zugleich Dankos Büro ist. Auf seinem Schreibtisch entdecke ich ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes in einem Radiostudio. Danko erklärt, dass dies sein Vater bei seiner Arbeit sei. Als Journalist bei Radio Belgrad. Wie sein Vater arbeitet auch Danko für einen Radiosender, den WDR in Köln. Genau genommen im internationalen Hörfunkprogramm „Funkhaus Europa“. Allerdings hatte er nie den Plan, in die Fußstapfen seines Vater zu treten.

„Mein Fokus als Jugendlicher lag auf der Band, ich wollte Popstar werden“, so Danko. „Aber es hat sich dann irgendwie so ergeben. Ich bin durch einen ehemaligen Kollegen meiner Mutter beim WDR gelandet. Ich merke aber jetzt immer wieder, wieviele Dinge ich als Kind zweier Radiojournalisten aufgesogen habe. Das Bild auf meinem Schreibtisch ist dennoch Zufall. Als mein Vater '97 starb, hab ich dieses Bild gesehen und mitgenommen. Da war ich aber noch nicht beim Radio. Das Verrückte ist, dass er das gar nicht weiß. Weder, dass mein Bruder, noch dass ich beim Radio gelandet sind. Aber er wäre sicher stolz auf uns.“ In seiner Sendung „Balkanizer“ unterhält sich Danko mit Menschen aus seiner Umgebung und solchen, die mit ihm Kontakt aufnehmen, über ihre Geschichten und ihren Bezug zum Balkan. Seit mittlerweile 500 Folgen mischen sich dort Musik und „oral history“.

Grenzenloser Balkan, grenzenlose Welt

Balkan bedeutet für „den Balkanizer“ nicht nur das ehemalige Jugoslawien, sondern auch alles drumherum, von Rumänien über Bulgarien, Griechenland bis Albanien. „Grenzen, Nationalgefühl und Ausweise sind mir zuwider. Das sind alles nur Schubladen. Vorurteile, sind etwas, wonach wir eingeordnet werden und wir uns einordnen. Das fängt schon ganz klein an. Wenn du im Stadion bist, dann bist du Fan deines Vereins, wenn du irgendwohin reist, dann bist du plötzlich Deutscher, zumindest, wenn du so aussiehst. Hast du einen deutschen Pass, bist aber schwarz, dann fragen dich die Leute, woher du kommst. Sagst du dann: Aus Deutschland, dann fragen sie dich, wo du geboren bist. Wenn du dann sagst: In Deutschland, dann fragen sie dich, woher du kommst, ob du aus Eritrea oder dem Sudan kommst. Das ist doch Unsinn, denn du bist Mensch und nicht nur ein Puzzlestück aus deinem Ganzen. Je älter man wird, desto komplizierter und verwirrender wird dieses Bild. Aber das ist eben eine gute Vielschichtigkeit. Kein Mensch ist wie der andere. Selbst zwei Brüder, die gleich aufgewachsen sind, können völlig unterschiedlich sein. Der eine ist ein Mörder, der andere ist ein Heiliger.“

Am Schreibtisch Am Schreibtisch | Foto: © Christopher Poltorak Aus seiner Radiosendung „Balkanizer“ entstand dann auch irgendwie Dankos erstes Buch „Der Balkanizer. Ein Jugo in Deutschland“. In Zusammenarbeit mit einem Freund schrieb Danko, nachdem er so viele Geschichten über das Leben von anderen in seiner Sendung präsentiert hatte, 2010 schließlich seine eigene auf. Und diese steht auch heute noch fest. Klar würde er ein paar Formulierungen inzwischen anders schreiben, aber es ist eben seine Geschichte. Anfang diesen Jahres ist sein zweites Buch „Herzlich willkommencic: Heimatgeschichten vom Balkanizer“ erschienen. Hier geht er mehr auf das Alltagsgeschehen zwischen seinem Balkan und Deutschland ein, auf die kleinen Unterschiede, die letztendlich eine Symbiose ergeben.

Vier Balkanesen, drei deutsche Gastarbeiter

An der Gitarre An der Gitarre | Foto: © Christopher Poltorak Wo wir aber schon einmal im kreativen Zentrum von Danko Rabrenović sitzen, kommen wir auch noch einmal auf seine Band Trovači zu sprechen. Während es bei der musikalischen Auswahl in seiner Radioshow darum geht, zu zeigen, dass sein grenzüberschreitender Balkan mehr zu bieten hat, als Balkan-Beats und Balkan-Blaskapellen, nämlich auch Punk, Jazz, HipHop und vieles mehr, begann Trovači als Hommage an die jugoslawische Neue Welle. An „den Soundtrack unserer Jugend“, so Danko. Alle Mitglieder von Trovači haben ihre Wurzeln im Balkan.

Am Schlagzeug Am Schlagzeug | Foto: © Christopher Poltorak „Naja, nicht alle. Wenn wir groß auftreten, dann haben wir zwei Bläser dabei. Das sind unsere „Gastarbeiter“. Die beiden sind Deutsche und kommen, genau wie unser Tonmann, aus Köln“, fügt Danko mit dem ihm so eigenen hintergründigen Grinsen an. Mit der Band verbindet Danko eine Leichtigkeit und Selbstironie, die vielen Bands von heute abgeht, die aber in den 80er-Jahren sehr präsent war. Nach dem auf der ersten Platte „Balkanplatte“ nur gecoverte Stücke Platz fanden, sind auf allen nachfolgenden Scheiben ausschließlich eigene Lieder vertreten. Sie tragen aber noch immer den Geist der ersten Platte in sich.

Auf dem neuen Album „Aprililili“, erschienen 2015, schlägt Trovači auch sozial- und gesellschaftskritische Töne an. „Bei dem Song Che geht es darum, dass uns in Jugoslawien die Politiker immer nur an der Nase herumführen. Es ändert sich halt nichts, egal wer an die Macht kommt. Das sind immer Nationalisten, die korrupt sind. Wir haben aber auch einen Song darüber, dass wir alle von der NSA abgehört werden. Der ist natürlich auf Englisch, damit die nicht extra einen Übersetzer beschäftigen müssen.“

Ab zur Familie und rund um die Welt 

Irgendwann meldet sich aber dann doch Dankos Familie. Ein Abend mit den Kindern und seiner Frau steht an, und es wollen noch ein paar Kleinigkeiten auf der Nordstraße besorgt werden. Diesen Sonntag fällt auch Fußball aus. Danko muss sich zum ersten Mal damit auseinandersetzen, seine eigenen Texte auf Englisch vorzulesen. Obwohl er in Düsseldorf Anglistik studiert hat, hat er sich lange, abseits von Smalltalk, nicht mehr intensiver mit der Sprache beschäftigt. Ein Umstand, dem er nun, mit der ihm eigenen Hoffnung auf die Erweiterung seines Horizonts, freudig entgegenblickt. Eine Einladung des Goethe-Instituts als serbo-kroatischen Deutschen, der keine Schubladen mag, führt ihn im September 2015 nämlich nach Indien. Womit eine weitere Schicht zu seinen vielen Mosaiksteinen hinzukommen dürfte.