Unterwegs mit ... ... Martin Kämpchen durch Santiniketan

Martin Kämpchen in Santiniketan
Martin Kämpchen in Santiniketan | Foto: © Rajdeep Konar

Vor dreieinhalb Jahrzehnten kam der Schriftsteller, Übersetzer und Pädagoge Martin Kämpchen zum ersten Mal nach Santiniketan, einem kleinen Provinzort im Bezirk Birbhum von Westbengalen, um dort an der Visva-Bharati Universität seine Doktorarbeit zu schreiben. Ihm gefiel der Ort sogleich und nach eigener Aussage hat er die Gegend seither nicht für länger als drei Monate am Stück verlassen. Wir unternehmen mit Martin Kämpchen eine Fahrradtour durch Santiniketan und besuchen Orte und Menschen, die für ihn die Stadt ausmachen. 

Martin Kämpchen – oder auch Martin Da (denn in Santiniketan ist es üblich, die Älteren jeden Alters mit Da anzusprechen, was auf Bengalisch ‚älterer Bruder’ bedeutet.) – bewegt sich mit dem Fahrrad zwischen seinen zwei Welten. Das lässt sich durchaus sowohl wörtlich wie auch metaphorisch so sagen. Ganz buchstäblich kann jeder Besucher von Santiniketan Kämpchen mit freundlichem Lächeln im Gesicht mit dem Rad auf den Straßen der Stadt herumfahren sehen, wenn er sich mit großer Wahrscheinlichkeit zwischen seinen zwei Welten in Santiniketan hin und her bewegt: dem kleinen Zimmer bei ihm zu Hause in Purva Oalli, wo er sitzt und schreibt, und der von ihm gegründeten Schule in Ghosaldanga, einem ländlichen Dorf acht Kilometer außerhalb der Stadt. Metaphorisch gesprochen kann man ihn mit einer seltenen gesehenen Leichtigkeit zwischen den Welten wechseln sehen: hier akademisch und kreativ tätig und dort sozial engagiert.

Auf dem Rad durch Santiniketan Auf dem Rad durch Santiniketan | Foto: © Rajdeep Konar Rabindranath Tagore gründete die Visva-Bharati Universität in Santiniketan vor mehr als hundert Jahren. Als der Ort noch eine trockene, karge Landschaft fern der Großstadt Kalkutta war, die nur von einigen verarmten Hindu-, Moslem- und Stammes-Dörfern besiedelt war.
Seitdem haben die Landschaft, die Demographie und die Kultur dank einer massiven Wiederaufforstung und der Zuwanderung von Menschen aus vielen Gegenden, die von der Universität angezogen wurden, einen gewaltigen Wandel durchgemacht.

Während Santiniketan nun mit einem reichen kulturellen Erbe, einer kosmopolitischen Bevölkerung und vergleichsweise ansehnlichen Wohnhäusern aufwarten kann, sind die Dorfbewohner ringsum immer noch unterernährt. Tagore selbst glaubte an eine integrative Entwicklung, die er zu befördern suchte. Seit Tagores Tod allerdings bestehen solche Ideale nach Ansicht vieler nur noch auf dem Papier und die Verpflichtung, sie weiter zu verwirklichen und ihnen eine Gestalt zu geben, fällt nun Einzelnen wie Martin Kämpchen zu.

Auch in seinem Werdegang als Schriftsteller hat sich Martin Kämpchen immer zwischen verschiedenen Themen und Genres bewegt. In seinem kritisch-akademisches Werk geht es um so unterschiedliche Persönlichkeiten wie  Ramakrishna, Vivekananda, Rabindranath Tagore, Hermann Hesse, Günter Grass und andere. Von ihm stammen die besten deutschen Übersetzungen der Werke von Tagore, Ramakrishna und Vivekananda. Seit 1995 arbeitet er als freiberuflicher Journalist für die bekannte deutsche Tageszeitung Frankfurter Allgemeine Zeitung und für The Statesman in Indien. Seine Reisen durch Indien verarbeitete er zu Kurzgeschichten, die dann in Buchform erschienen – zunächst auf deutsch und dann in der englischen Übersetzung des berühmten britischen Tagore-Fachmanns William Radice. Kämpchen veröffentlichte auch seine Tagebücher und einen Roman über seine Erfahrungen in Ghosaldanga. Darüberhinaus hat er eine Reihe von Büchern und Essays über verschiedene Aspekte des indischen Lebens publiziert.

Eine Einsiedlerklause

Für seine zweite Doktorarbeit verglich Martin Kämpchen das Leben von zwei Heiligen: das von Ramakrishna aus dem 19. Jahrhundert in Bengalen und das von Franz von Assisi, des italienischen Heiligen aus dem 11. Jahrhundert. Beide predigten einen einfachen Lebensstil fern von Luxus und Überfluss. Betritt man Martin Das Mietwohnung im Purva Palli-Viertel von Santiniketan, dann sieht man, wie dort ehrlich und mit Strenge deren Ideale zu verwirklichen versucht werden. 

Hermit´s Abode Hermit´s Abode | Foto: © Rajdeep Konar Den einzigen „Luxus“, den sich Martin Da ab und zu erlaubt, ist eine Tasse grünen Tee oder südindischen Kaffee auf der offenen Veranda, während er dabei häufig mit seinen Besuchern plaudert. Von der Veranda aus kann man auch ins üppige Grün rund ums Haus schauen. Martin Da betont, er habe nie versucht, einen Garten anzulegen oder zu pflegen, denn es sei am besten, die Natur sich selbst zu überlassen. Die mächtigen Bäume, die um das Haus herum gewachsen sind, lassen es wie eine Einsiedlerklause erscheinen.  Tatsächlich gibt es ein Mückenproblem, aber das ist für Martin Da noch kein Grund, gewaltsam in den Wuchs der Natur einzugreifen, der die Seele des Ortes ausmacht.

Der zufällige Mitreisende

Als wir an einem Nachmittag an Martin Das Haus mit unseren Rädern aufbrechen, nutze ich die Gelegenheit, um Kämpchen auf sein Fahrrad anzusprechen. Es ist ziemlich alt und schwer, und ich frage mich, welche spannende Geschichte es gibt, die es ihn nicht hat loswerden lassen. Martin Da gibt mir auch tatsächlich Auskunft und erzählt, wie er an diesen altgedienten Mitreisenden in Santiniketan kam. Als er seinerzeit in Santiniketan ankam, kaufte er sich sogleich ein Fahrrad – wie zu der Zeit üblich, als es dort noch keine Motorräder und Autos gab. Martin Das Wäscher aus Bihar war von dem neuen Fahrrad angetan und bat, es sich für ein paar Tage ausleihen zu dürfen. Im Tausch überließ er Martin Da sein altes robustes Hochzeitsrad. Mit dem für ihn typischen verschmitzten Humor fährt Martin Da fort: „Der Wäscher hat mir das neue Fahrrad nie zurückgebracht, das er heute längst nicht mehr besitzt,“ während das alte zu Martin Das Mitreisenden in Santiniketan geworden ist.

Die Beziehung zu den schönen Künsten

Für Martin Da bewahrt Kala Bhavan dasjenige, das Santiniketan einst einen Platz auf der Weltkarte der Kunst verschaffte. Die von Bäumen umgebende Architektur ist einmalig. Neben der Architektur kann der Besucher von Kala Bhavan ausgesucht platzierte Wandmalereien und Skulpturen von berühmten Künstlern wie Nandalal Bose, Binod Behari Mukherjee, Ram Kinkar Baij, Somnath Hore, K. G. Subramanyan entdecken.
 
  • Martin Kämpchen im Kala Bhavan Foto: © Rajdeep Konar
    Martin Kämpchen im Kala Bhavan
  • Black House im Kala Bhavan Foto: © Rajdeep Konar
    Black House im Kala Bhavan
  • Kala Bhavan Foto: © Rajdeep Konar
    Kala Bhavan
Wie sich Martin Da erinnert, kam er durch seinen Freund Jyoti Sahi, einem Künstler aus Bangalore, mit der Kala Bhavan in Kontakt. Dieser hatte einen Studenten, der an der Kala Bhavan zu studieren begann, als Kämpchen selbst seine Doktorarbeit schrieb. Ihm gefiel die pulsierende Atmosphäre der kreativen Aktivitäten im Fachbereich. In Zusammenarbeit mit Sahi entstanden eine Reihe von Büchern, die Martin Da schrieb und Sahi illustrierte. Während unseres Gangs über den Campus von Kala Bhavan bleiben wir vor einem Wandgemälde von K. G. Subramanyan stehen und Martin Da erzählt, wie er sich gut daran erinnern kann und wie unvergesslich es für ihn sei, Subramanyan dabei beobachtet zu haben, wie dieser mit aller erdenklichen Sorgfalt und Liebe an dem Bild arbeitete. Unseren Rundgang beschließen wir mit einem Besuch von “Kalo Bari”, dem legendären „Schwarzen Haus“, das Martin Da so sehr mag.

Wir besuchten den Campus von Kala Bhavan an einem Mittwoch, dem in Visva-Bharati allwöchentlichen Feiertag. So liefen wir vom Campus zum Wohnhaus des bekannten Kunsthistorikers Prof. R. Siva Kumar, der an der Kala Bhavan lehrt. Es war beinahe Abend, die richtige Zeit für einen „Adda“ – was auf Benaglisch soviel wie ein zwangloses Geplauder bedeutet, bei dem Chai und Kekse gereicht werden. Martin Da hatte Prof. Siva Kumar länger nicht gesehen und so hatten beide sich viel über ihre jeweilige Arbeit zu erzählen.

In der Gegenwart von Geschichte

Der Uttarayan-Campus, auf dem sich Rabindra Bhavan befindet, ist voll von besonders schönen Beispielen für die Architektur, Landschaftsgestaltung und das Kunsthandwerk von Santiniketan. Dass den Uttarayan-Campus das ganze Jahr über vielen Touristen besuchen, kann einen deswegen nicht überraschen. Gleich nachdem wir ihn betreten, führt mich Martin Da zu seinem Lieblingsort, dem Guha Ghar (Höhlenraum), der von Rabindranaths Sohn Rathindranath, entworfen und gestaltet wurde, um so sein Können als Zimmermann zu beweisen. Der Guha Ghar ist eine einmalige einstöckige Architektur, klein und gemütlich, aus Stein und von einem ausgedehnten japanischen Garten umgeben. Der Guha Ghar und auch der Garten befinden sich in einem hinteren Teil des Uttarayan-Campus. Bis vor ganz kurzem war er für Besucher nicht zugänglich. Martin Da verrät, dass er immer gerne in den Garten kam. Ihm gefällt, dass der Garten nicht so gepflegt, sondern voller Schlingpflanzen und natürlich gewachsenem Grün ist – ganz so wie auch der „Dschungel“ rings um sein eigenes Haus. Im Garten gibt es einige schön angelegte Sitzmöglichkeiten, wo man seine Schönheit bewundern kann. 
 
  • Martin Kämpchen in Rabindra Bhava Foto: © Rajdeep Konar
    Martin Kämpchen in Rabindra Bhava
  • Martin Kämpchen in Rabindra Bhavan Foto: © Valerie Schmidt
    Martin Kämpchen in Rabindra Bhavan
Martin Da fühlt sich im Rabindra Bhavan aber weniger als ein Besucher, sondern vielmehr als ein Forscher. Martin Das übersetzerische und schriftstellerische Arbeit dreht sich zu einem Gutteil um Tagore. Unlängst gab er gemeinsam mit Imre Bangha ein Buch mit dem Titel Rabindranath Tagore: One Hundred Years of Gobal Reception heraus, in dem der Einfluss von Rabindranath Tagores Gedanken und Arbeiten in mehr als fünfunddreißig Ländern und Sprachräumen beschrieben wird. Für seine Forschungen sucht Martin Da das Rabindra Bhavan-Archive seit Anfang seiner Zeit in Santiniketan ganz regelmäßig auf und hat sich mit einer Vielzahl von Wissenschaftlern angefreundet.

Die Frucht der Liebe und Arbeit

Nicht zuletzt aber gibt es einen Ort, der Martin Da besonders am Herzen liegt: den Rolf Schoembs Vidyashram, eine Santal-Mittelschule in der Nähe von Ghosaldanga. Der Tag war warm und schwül und so schlug ich vor, dass wir mit meinem Motorrad dorthin fahren könnten. Martin Da aber bestand darauf, das Fahrrad zu nehmen. Als wir schließlich die Schotterstraße der Stadt hinter uns gelassen hatten und auf den erdigen Dorfstraßen entlangfuhren, danke ich ihm still dafür, auf das Fahrrad beharrt zu haben. Denn ich empfand pure Freude, wie wir uns so durch die satt grüne ländliche Gegend bewegten und die Ansicht genossen. Was ich noch nicht so deutlich ausgesprochen habe, wird der Leser schon mitbekommen haben: Martin Da liebt die Natur. Nach den Wurzeln für diese Liebe zur Natur gefragt, erzählt er mir, dass sein Geburtsort in Deutschland, das am Rhein gelegene Städtchen Boppard, für seine schöne Umgebung bekannt sei und er daher wohl diese besondere Nähe zur Natur empfinde.
 
  • Unterricht Foto: © Rajdeep Konar
    Unterricht
  • Mit Lehrern, Kollegen und und einem Studenten Foto: © Rajdeep Konar
    Mit Lehrern, Kollegen und und einem Studenten
  • Probe Foto: © Rajdeep Konar
    Probe
Es wird wohl dieser Wunsch gewesen sein, sich in der Natur aufzuhalten und einem einfachen Lebensstil zu pflegen, der Martin Da bald nach seiner Ankunft in Santiniketan Ghosaldanga und das benachbarte Santal-Stammesdorf Bishnubati entdecken ließ. Nach einer kurzen Phase anfänglicher Reserviertheit freundete er sich mit den Dorfbewohnern an. Nach einiger Zeit wollten er und einige jüngere Freunde, die er unter den Dorfbewohnern gefunden hatte, gemeinsam etwas tun, um das Dorf voranzubringen. Sie entschieden, eine Schule zu gründen, welche die Kinder aus beiden Dörfern besuchen können und wo sie eine besondere Betreuung erhalten, ohne dass sie wegen ihrer kulturellen Herkunft benachteiligt werden, wie es in staatlichen Schulen oft der Fall ist. Das trocken gelegte Stück Land wurde 1983 erworben und die Schule konnte schließlich 1993 errichtet werden. Heute gibt es Unterkünfte für Jungen und Mädchen, mehrere Klassenzimmer und daneben einen ökologischen Bauernhof, wo für den Bedarf der Schulangehörigen Früchte und Gemüse angebaut werden. 

Als wir ankamen, lief der Unterricht. Wir plauderten mit einigen Lehrern, die unterrichtsfrei hatten, und zwei Freiwilligen aus Deutschland, die in der Schule arbeiten. Kurz darauf machten wir uns mit den Rädern auf eine Rundtour durch Ghosaldanga. Ich konnte erleben, wir sehr die Dorfbewohner Martin Da schätzen, die ihn da und dort freundlichst begrüßten. Wir trafen einen jungen Vater mit zwei Kindern, mit denen sich Martin Da eine Weile unterhielt. Ich erfuhr, dass der junge Mann kurz nach seiner Geburt seine Mutter verloren hatte. Martin Da versorgte ihn mit Milchpulver, um ihn damit zu füttern. Deswegen nennt er Martin Da scherzend seine „zweite Mutter“.

Mittagspause Mittagspause | Foto: © Rajdeep Konar Nach einiger Zeit kehrten wir zurück zur Schule, um zu Mittag zu essen. Das Essen war einfach, aber köstlich: ein Gurken-Papaya-Salat, Zitronen, Reis, Dal, ein Kürbiscurry und ein Eiercurry mit Chutney. Nach dem Mittag verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Rückweg. Während er neben mir fuhr, erzählte Martin Da, er habe die Schule zunächst selbst geleitet, halte heute aber etwas Abstand, da die Lehrer und Angestellten, die alle aus umliegenden Dörfern stammen, selbstständig die Verantwortung tragen sollen. Auf dem Fahrrad wurde ich ein wenig nachdenklich und fragte mich, wie es Martin Da geschafft hat, mit den Dorfbewohnern so etwas aufzubauen. Mir wurde klar, dass seine größte Leistung darin besteht, dass die Dorfbewohner ihn nicht als einen Fremden wahrnehmen, sondern als einen von ihnen. Diese Leistung wird Martin Da sicher viel Liebe und Arbeit gekostet haben.