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Erfolgreich in Delhi
Kafkaeske Erfahrungen

VRwandlung in Delhi
VRwandlung in Delhi | Foto: Sanyam Bajaj © Goethe-Institut New Delhi

Seit Frühjahr 2018 tourt die VRwandlung von Mika Johnson durch die Welt. Jetzt ist die Virtual Reality Version des Weltklassikers von Franz Kafka in der Region Südasien zu Gast. Der Erfolg ist so riesig, wie das Insekt, in das man sich verwandelt.

Von Erdmuthe Hacken

Wer sich in Delhi in ein monströses Insekt mit eklig langen Fühlern und dickem Panzer verwandeln möchte, muss zunächst das Goethe-Institut / Max Mueller Bhavan ansteuern. Er folgt dann den großen Krabbelkäferspuren auf dem Boden Richtung Bibliothek. Dort angekommen, beginnt hinter sphärisch leuchtendem Schwarz-Blau eine virtuelle Reise der besonderen Art: ins Zimmer des Gregor Samsa, zurück ins Jahr 1915.

Gänsehaut vorm Spiegel

VRwandlung ist die Virtual Reality Version eines Weltklassikers der deutschsprachigen Literatur. Regisseur Mika Johnson, der mit Dokumentar- und Spielfilmen von sich Reden machte und an der Prager Filmhochschule lehrt, inszeniert Franz Kafkas Novelle „Die Verwandlung“ (1915) als inspirierende Illusion für Auge und Ohr. Und zwar mit einer Detailtreue, die einen staunend zurücklässt. Und Gänsehaut verursacht.
 
Das schmale Metallbett mit zerwühlter Bettwäsche, die leicht vergilbte, sich bereits lösende Blumentapete, das Papierchaos verstreut auf dem Schreibtisch – man atmet förmlich den bürgerlichen Mief einer Prager Wohnung Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Nackenhaare stellen sich spätestens auf, wenn man vor den Spiegel tritt und sich einem widerlichen Insekt gegenübersieht.

Eine Ode an Franz Kafka

Es ist nicht leicht, die richtigen Programmierer für derlei realistische, vereinnahmende Simulationen zu finden. Mika Johnson wurde fündig. Sieben Wochen lang tüftelten 30 Künstler und Experten an Gregor Samsas Zimmer. Das grafische Ergebnis ist beeindruckend und kommt bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit Videospielen vertraut sind, bestens an.  
 
Aber genau damit habe VRwandlung nichts zu tun, betont Mika Johnson, der eigens zum Launch in Südasien angereist ist. Er verstehe sie mehr als Ode an Kafka, denn als Gaming-Erfahrung. Genau in diesem Punkt habe er auch Unterschiede zwischen Ost und West ausgemacht: Während das europäische Publikum eher nach interaktiven Elementen, nach Action suche, seien die indischen Teilnehmer beispielsweise mehr dabei, die neue virtuelle Welt zu entdecken, den digitalen Raum zu erkunden. Er sei gespannt, ob sich diese Beobachtung auch bei den kommenden Stationen verfestige.
 
Bis Januar 2020 wird die Installation noch durch Indien und die Region reisen und dabei auch Halt in Pakistan, Sri Lanka und Bangladesch machen. Vor über einem Jahr – im März 2018 startete das Projekt am Goethe-Institut in Prag – und es ist ein schöner Zufall, dass dessen damaliger Instituts- und Regionaleiter, Dr. Berthold Franke, jetzt der Region Südasien vorsteht.

Gruselig und bizarr aber ganz toll

Fast ist man traurig, dass die Illusion nach vier Minuten schon wieder vorbei ist. Ähnlich geht es offenbar auch vielen der indischen Besucher. „Die meisten melden sich direkt ein zweites Mal an“, berichtet Lovlesh, der das VRwandlungsprojekt als Freiwilliger in Delhi begleitet. Deshalb seien die Slots recht schnell ausgebucht. „Der Andrang ist enorm“, so Lovlesh.
 
Auch die Seiten im Gästebuch füllen sich schnell, mit durchweg begeisterten Kommentaren: „Großartig.“ „Fantastisch.“ „Atemberaubend.“ „Gruselig und bizarr aber toll.“  „Faszinierend.“ „Unvergesslich.“ „Aufregend.“ „Überwältigend.“ „Superb.“ „Fesselnd und mitreißend.“

Metamorphose pur

Der Grund liegt auf der Hand: Die VRwandlung funktioniert für alle, die Kafka noch nie gelesen haben – und das sind unter den zumeist jungen Delhi-Besuchern einige. Sie funktioniert aber auch bei den Sachkundigen: Wer die Verwandlung kennt, entdeckt in der Installation noch mehr. Er wird selbst zu Gregor Samsa. Zum Protagonisten. Zum Ungeziefer.
Das ist Verwandlung pur. Metamorphose. Transformation wie sie möglicherweise Franz Kafka vorschwebte. Interpretieren mag das jeder für sich. Was bleibt, ist eine ziemlich einzigartige Erfahrung – wenn der Kopf an einen Ort geht, wo der Körper nicht ist. Und wenn der Körper ein monströses Insekt ist.

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