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Digitale Nachrichten im ländlichen Indien
Vorboten einer feministischen Revolution

KhabarKhabar Lahariya Lahariya
© Black Tkt films

Die Lese- und Schreibkompetenzen haben nur wenig damit zu tun, ob man eine gute Reporterin ist. Im Folgenden beschreibt Ritika Bhatia, wie sich Khabar Lahariya, die Journalismus-Plattform für Bürgerinnen und Bürger, zu einer Medienquelle für die Anbindung der ländlichen Region von Bundelkhand in Indien entwickelt.

Von Ritika Bhatia

Auf den ersten Blick mag Shivdevi aus Banda in Uttar Pradesh wie eine ganz normale Dalit-Frau aus dem Dorf wirken: Sie geht ihrer Hausarbeit nach und führt ein unscheinbares Leben. Doch bei näherem Hinsehen bietet sich – mit Notizbuch und Stift, Fotohandy und staubiger Umhängetasche – ein völlig anderes Bild.
 
Shivdevi wurde als junge Mutter von ihren tyrannischen Schwiegereltern aus dem Haus getrieben und arbeitet heute als Journalistin. Sie ist eine der wenigen Frauen, die in einer patriarchalisch geprägten ländlichen Umgebung als Reporterin mit gutem Beispiel vorangeht. Auf ihrem neuen Mofa kurvt sie über die Landstraßen, um Geschichten über Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Grausamkeiten aufzudecken. Beschimpfungen durch lokale Führungspersönlichkeiten, die Gleichgültigkeit der Polizeibehörden und die allgegenwärtige Teilnahmslosigkeit vieler Dorfbewohner*innen gegenüber einer Reporterin – nichts kann Shivdevi aufhalten.
 
Sie ist eine von vielen Frauen, die für Khabar Lahariya (KL) arbeiten. KL ist Indiens erstes und einziges hyperlokales Medienunternehmen. Es bildet Frauen aus medienfernen Regionen des nordindischen Hinterlandes bereits seit zwei Jahrzehnten zu Journalistinnen aus. Nachdem sich KL zunächst als lokalsprachliche Zeitungsgruppe mit einer Basis von 80.000 Leser*innen in Uttar Pradesh und Madhya Pradesh etablierte, sind die Produkte des Unternehmens inzwischen nur noch im digitalen Format erhältlich. Dazu kommt ein täglicher Video-Nachrichtendienst. Mit einer Reichweite von zehn Millionen Menschen im Monat, die sich über zahlreiche digitale Plattformen, darunter Facebook, YouTube and WhatsApp verbinden, hinterlässt das Netzwerk aus Reporterinnen, Redakteurinnen und freien Korrespondentinnen einen digitalen Fußabdruck im hindisprachigen Teil des ländlichen und kleinstädtischen Nordindien.

Eroberung einer männlichen Bastion

„In hitzigen Diskussionen über den Feminismus und das Wesen einer Feministin musste es um mehr gehen, als nur darum, die Frauen in ein gutes Licht zu rücken. Und das in einem Kontext, in dem sie lediglich als ‚bechari‘ (hilflos) oder ‚besharam‘ (schamlos) galten. Es musste darum gehen, den Gebrauch und Missbrauch von Macht durch Menschen, Institutionen und Systeme näher zu beleuchten“, erklärt Pooja Pande, Leiterin der Strategieabteilung, warum Khabar Lahariya im Jahr 2002 gegründet wurde.
 
KL Gruppenbild
© Khabar Lahariya
Khabar Lahariya Guppenbild

„Wir wollten, dass sich Frauen aus Dalit-, muslimischen und Stammesgemeinschaften als Journalistinnen etablieren und in eine Männerbastion vordringen konnten. Dabei stießen wir auf zahlreiche Herausforderungen. Der Bezirksvorsteher sagte zu uns, dass sich Khabar Lahariya gut dafür eignen würde, den Frauen die Zubereitung von achaar (Pickle) und papad (Papadams) beizubringen“, berichtet das Team von Khabar Lahariya und betont, dass es zu dieser Zeit für alle außer ihnen unvorstellbar war, diese Frauen zu Reporterinnen auszubilden.

Eine jahrzehntelange Reise

Das Unternehmen wird von einem kompetenten Team geleitet, das ausschließlich aus Frauen besteht. Erst kürzlich beging es seinen 18. Geburtstag. Die Chefredakteurin von Khabar Lahariya, Kavita Bundelkhandi (sie änderte ihren Nachnamen, um ihre Herkunft selbst zu definieren und widerzuspiegeln) ist eine Selfmadefrau aus dem ländlich geprägten Hinterland des Kulturraums von Bundelkhand. Inzwischen befindet sich KL unter dem Dach des feministischen digitalen Medienunternehmens Chambal Media, das dank des Eifers und der Beharrlichkeit von Kavita und gleich gesinnten Frauen ins Leben gerufen wurde.
 
Khabar Lahariya Redakteurin Kavita Devi
© Khabar Lahariya
Khabar Lahariya Redakteurin Kavita Devi

Die Ursprünge des Unternehmens liegen in einer Initiative mit dem Namen Mahila Samakhya (MS). Sie arbeitete zunächst mit Dalit- und Adivasi-Frauen, um ihre Lesekompetenz im Rahmen von Programmen zu verbessern. Auch Shivdevi besuchte diese Initiative. In der Folge brachte MS auch Mahila Dakiya heraus, eine vierseitige Großformatzeitung mit lokalen Nachrichten und Informationen. Die bis 1995 veröffentlichte Zeitung war die Vorgängerin der Zeitung von Khabar Lahariya.

Als Nirantar, eine gemeinnützige Gender-Organisation aus Delhi, in das Geschäft einstieg, um den journalistischen Bestrebungen dieser kämpferischen Frauen ein Zuhause zu bieten, war die Grundlage für Khabar Lahariya gelegt.
 
Als Khabar Lahariya im Jahr 2002 als regionale Print-Zeitung startete, gehörten einige Absolventinnen des Programms von Mahila Samakhya, wie Shivdevi, zu ihren ersten Journalistinnen. Die Reporterinnen der zunächst auf Bundeli und später auch auf Awadhi, Hindi und Bhojpuri veröffentlichten Zeitung arbeiteten gleichzeitig auch im Vertrieb. Kavita erinnert sich an „viel zu viele erste Male. Eine Frau musste den ghunghat (Schleier) lüften, sich in große Menschenansammlungen begeben, mit Männern sprechen und zu ungewöhnlichen Zeiten arbeiten. Von ihrer eigenen und der Familie ihres Mannes erhielt sie keine Unterstützung. Durchschnittlich fünf von insgesamt 15 Frauen, die wir ausbildeten, blieben bei uns, der Rest gab auf halbem Weg dem gesellschaftlichen Druck nach.“

Von schikanierten Ehefrauen und Müttern zu Vollzeitreporterinnen

Shivdevi, über die ich bereits eingangs berichtete, ist eine von vielen Reporterinnen bei Khabar Lahariya, die aus benachteiligten Gemeinschaften stammen und einen ähnlich faszinierenden Werdegang aufweisen. Will man die Hindernisse beschreiben, auf die diese Frauen stießen, dann bilden Widerstand aus der Familie, Mutterpflichten und vor allem das starre Sozialgefüge nur die Spitze des Eisbergs.
 
Kavita selbst hätte sich nie träumen lassen, dass sie einmal als Journalistin arbeiten würde. „Als Khabar Lahariya immer weiter wuchs, stellten wir auch Analphabetinnen ein, um ihnen die Gelegenheit zu geben, berufliche Kenntnisse in den Bereichen Journalismus, Marketing und Produktion zu erwerben, und gaben Lokalzeitungen heraus.“ Im Unterschied zu den meisten Reportern in ländlichen Gebieten, die gleichzeitig als freie Korrespondenten und Anzeigenverkäufer arbeiten, erhalten die KL-Reporterinnen alle ein regelmäßiges Einkommen und eine Krankenversicherung. Sie haben sich ihre Unabhängigkeit und Selbstachtung mit Durchhaltevermögen und einer fundierten Ausbildung verdient.
 
Pooja berichtet: „Über Mundpropanda, soziale Medien und NGO-Netzwerke veröffentlichen wir Stellenanzeigen für bestimmte Distrikte. Aus den eingegangenen Bewerbungen treffen wir eine Vorauswahl an Bewerberinnen anhand ihrer Basisqualifikationen wie einer Hochschulreife. Benachteiligte Frauen werden vorrangig berücksichtigt. Langjährige KL-Mitarbeiterinnen reisen in die Distrikte, um Bewerbungsgespräche mit den vorausgewählten Kandidatinnen zu führen. Und wenn wir denken, dass eine Frau geeignet ist, wird sie zur Schulung und anschließend zu einem Praktikum nach Chitrakoot eingeladen.“
 
Darüber hinaus, erläutert Mitbegründerin Mullick, erhielten sie „viel emotionale Unterstützung, die sie benötigen, um mit den öffentlichen und privaten Reaktionen auf ihre Arbeit umzugehen.“ Manchmal muss KL in Fällen intervenieren, in denen Familien strenge Restriktionen verhängen. „Die Widerstandskraft dieser Frauen ist immer wieder beeindruckend“, sagt Disha. „Sie setzen sich mit Gewalt, Tod und Diskriminierung auseinander und legen viele Meilen für eine Geschichte zurück.“

Die digitale Revolution

Inzwischen haben die Frauen ihr traditionelles Handwerkszeug aus Stift und Notizblock zur Seite gelegt und wurden stattdessen mit Smartphones und grundlegenden Computerkenntnissen ausgestattet. Das soll ihre Arbeit erleichtern und beschleunigen. „Mit der Zeit wurde uns bewusst, dass Lese- und Schreibkompetenzen nur wenig damit zu tun haben, ob man eine gute Reporterin ist“, merkt Disha an. „Die Frauen mit den besten Leistungen bei KL waren nicht unbedingt immer diejenigen mit den besten Schreibfertigkeiten. Es sind die Vollblutreporterinnen, die auf der Suche nach den ungewöhnlichsten Geschichten sind.“ Es braucht schon Chuzpe, einer anderen Person die Kamera ins Gesicht zu halten, doch es kann auch Macht verleihen und Vergnügen bereiten. Mobiltelefon und Mikrofon haben sich wie einst das Blatt Papier zu den Markenzeichen von Reporter*innen entwickelt.
 
 Meera interviewt Beamte
© Khabar Lahariya
Meera interviewt Beamte

„Als besonders effektiv erweisen sich Technologien, die für Menschen in den unteren Bevölkerungsschichten zugänglich sind“, stellt Kavita fest. In den vergangenen Jahren haben „YouTube und WhatsApp die Art revolutioniert, wie Menschen auf Nachrichten zugreifen und sie verbreiten, und sie haben die Arbeit in unserer Nachrichtenredaktion auf ausgesprochen positive Weise verändert. Über die Plattform konnten wir eine viel größere Zahl von Frauen und Analphabet*innen in den Dörfern erreichen. Auf YouTube haben wir die meisten Aufrufe in ländlichen Regionen von Uttar Pradesh, wo auch die Anteilnahme der Leser*innen an unseren Nachrichten besonders groß ist.“ KL erreicht mit seinem YouTube-Kanal mittlerweile zehn Millionen Zuschauer*innen im Monat, hat fast 450.000 Abonnent*innen und plant eine Ausweitung seines Angebots.

„Ihr Schicksal wird Geschichte schreiben“

In einem Medienumfeld, in dem ‚Zahlen‘ inzwischen eine übergeordnete Bedeutung zufällt, darf nicht vergessen werden, dass es weniger die Aufrufe und Likes, sondern vielmehr die einzelnen Anekdoten sind, die zeigen, wie lokale Medien tatsächlich ihrer Verantwortung gerecht werden. Nachdem zwei Angehörige der Dalit in Chitrakoot zu Tode geprügelt worden waren, nahmen sich die Behörden erst nach der Veröffentlichung eines KL-Videos ihrer sterblichen Überreste an und starteten die Ermittlungen.

Eine Frau erstattete zweimal Anzeige gegen ihren gewalttätigen Ehemann, aber die Polizei nahm ihn erst fest, nachdem KL einen Bericht darüber gebracht hatte. Mit dem Bau einer Straße in Chitrakoot wurde nach zweijähriger Verzögerung dank einer KL-Meldung begonnen. Schlaglöcher wurden ausgebessert und leerstehende Schulen wiedereröffnet.
 
„Aus Sicht der Kosten und der Relevanz ergibt es Sinn, über die kleinen Alltagsgeschichten zu berichten“, sagt Disha. „Auf diese Weise entwickeln sich nachhaltige Medien, denen die Menschen vertrauen und auf die sie sich verlassen können – um Einfluss auf die Regierenden zu nehmen und an der Demokratie teilzuhaben.“
 
Dies bedeutet nicht, dass heikle und große Themen ausgespart werden. Im Jahr 2020 kämpfte das Team aus Lokalreporterinnen an vorderster Front gegen Covid-19 und war Tag für Tag vor Ort, um über das doppelte Dilemma einer gesundheitlichen und humanitären Krise zu berichten, die das gesamte Land erschütterte. „Im Verlauf der Covid-19-Pandemie berichteten wir über die Auswirkungen in ländlichen Regionen. Dazu gehören weit verbreitete Hungersnöte, fehlende soziale Netze, eine drohende Krise in der Landwirtschaft und ein menschenverachtender Umgang mit Wanderarbeiter*innen. In einer Sonderreihe über Frauen und Covid-19 berichteten wir darüber, dass das neuartige Coronavirus auch eine genderspezifische Pandemie ist.“
 
Umgang mit Frauen, Faizabad
© Khabar Lahariya
Umgang mit Frauen, Faizabad

Durch einige Berichte wurden kleine Wohltätigkeitsorganisationen und Einzelpersonen zum Handeln bewegt, Verantwortliche vor Ort stellten mehr Lebensmittel und andere Ressourcen zur Verfügung, klopften an geschlossene Krankenhaustüren und verschafften den Stimmen der Arbeiter*innen Gehör, um ihre Familien und Volksvertreter*innen erreichen. „Dies ist die Aufgabe von Journalismus, und dies werden wir auch weiterhin tun“, sagt Disha.
 
„Ihr Schicksal wird Geschichte schreiben“ – so lautet der Slogan von Khabar Lahariya. In dem Wunsch, die Narrative der Unterdrückten zu verbreiten, will Khabar Lahariya ein widerstandsfähiges unabhängiges Nachrichtennetzwerk aufbauen und den Journalismus in ländlichen Regionen fördern, um Frauen in ganz Indien zu mehr Selbstbestimmung zu verhelfen.

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