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Lata Mishra
„Medizinjournalismus im Rampenlicht“

Journalismus lässt sich nicht aus dem Homeoffice betreiben. Das gilt vor allem für Reporter*innen.

Von Chaitanya Marpakwar

Lata Mishra ist leitende Redakteurin bei der Times Of India (Online) und eine der profiliertesten Journalist*innen im Bereich Gesundheit in Mumbai. Seit über einem Jahrzehnt berichtet sie über medizinische Themen und ist bekannt für ihre Enthüllungen über unlautere Methoden im Gesundheitsbereich, Beiträge über neue Operationen, die neuesten Medikamente und medizinische Ausstattung. Auch über die Coronapandemie hat Lata ausgiebig berichtet und dabei viele verschiedene Themenbereiche abgedeckt, angefangen vom Mangel an Krankenhausbetten über lebensrettende Medikamente bis zur Errichtung von Krankenhäusern in Kriegsgebieten. Die Berichterstattung vor Ort, so Lata, sei ihr in diesen Zeiten am meisten erschwert worden. Eine Arbeit im Homeoffice sei für sie jedoch keine Option gewesen. Der Medizinjournalismus wird, so hofft sie, in Zukunft noch ernster genommen und einen festen Platz in den Mainstreammedien finden.

Auszüge aus einem Gespräch

Was war für Sie bei der Berichterstattung über die Coronapandemie die größte Herausforderung?
 
Das größte Problem war es, von einem Ort zum anderen zu reisen. Die öffentlichen Verkehrsmittel hatte ihren Betrieb eingestellt, es herrschte ein strenger Lockdown. Wir hatten private Fahrzeuge, aber es war nicht einfach, die Krankenhäuser aufzusuchen und uns vor Ort ein Bild über die Lage zu verschaffen. Zu Anfang der Pandemie war es wirklich beunruhigend. Ich musste alles tun, um meine Familie nicht zu infizieren. Aber für mich ist es normal, rauszugehen und mich mitten ins Geschehen zu stürzen, also musste ich einfach umherfahren und mir die Sachlage anschauen. Zuhause zu arbeiten kam für mich nie in Frage. Journalismus lässt sich nicht aus dem Homeoffice betreiben. Ich kam zwar in die Krankenhäuser hinein, durfte jedoch nicht zu Abteilungen vordringen, in denen an Covid-19 Erkrankte behandelt wurden. Ich habe eine Reportage über eine mit dem Coronavirus infizierte Frau gemacht, für die in einem öffentlichen Krankenhaus kein Bett mehr frei war. Sie musste mit ihrem Sohn 48 Stunden lang vor dem Krankenhaus warten, um endlich behandelt werden zu können. Die Frau saß im Rollstuhl, alle Betten waren belegt.
 
Sie haben sich also bei Ihrer Berichterstattung vornehmlich auf menschliche Schicksale konzentriert?

Ja, diese Geschichte war für mich am wichtigsten. Ich habe mit einigen Ärzten und Ärztinnen gesprochen und es später geschafft, der Frau ein Krankenhausbett zu besorgen. Dabei habe ich auf meine eigenen Kontakte zurückgegriffen, und so hat sie schließlich in einem anderen Krankenhaus ein Bett bekommen. Daneben habe ich aber auch viele andere Berichte über Menschen in der Pandemie gemacht. Es war wichtig, ihre Geschichten zu erzählen, damit die Leute begreifen konnten, wie sehr die Menschen in der Pandemie leiden und wie viele Tote Covid-19 fordert. Ich habe zum Beispiel darüber berichtet, wie in einem öffentlichen Krankenhaus die Sauerstoffvorräte zur Neige gingen und daraufhin 12 Menschen mitten in der Nacht verstorben sind. Das war sehr traurig, aber ich musste das einfach an die Öffentlichkeit bringen. Wir waren in einer Situation, in der es schlicht keinen Sauerstoff mehr gab. 12 Menschen, die auf der Intensivstation an Beatmungsgeräte angeschlossen waren, mussten deswegen sterben. Berichtet hat mir davon einer der behandelnden Ärzte, der sehr aufgebracht darüber war, dass er diese Menschen nicht retten konnte. In meiner Reportage ging es einerseits um diese Menschen, aber auch um die schlechte medizinische Infrastruktur, die hier herrscht.

Hatten Sie Angst, die Krankenhäuser zu betreten und wenn doch, wie haben Sie diese überwunden?
 
Um ehrlich zu sein, ja, ich hatte Angst. Was ist, so habe ich mich gefragt, wenn ich mich infiziere und zuhause meine Eltern und Familie anstecke? Diesen Gedanken hatte ich immer im Hinterkopf. Schließlich habe ich beschlossen, mich zu isolieren. Ich bin dann ausgezogen und habe drei Monate lang alleine gelebt. Es war nicht gerade die beste Zeit, um alleine zu wohnen, schließlich waren wir mitten im Lockdown und manchmal waren noch nicht mal Grundnahrungsmittel verfügbar. Ich musste alles selbständig erledigen. Zum Glück haben mir viele Menschen aus meinem Freundeskreis und der Nachbarschaft geholfen. Wenn ich ausgegangen bin, habe ich immer viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Und wenn ich Intensivstationen betreten habe, um den Arbeitsalltag des medizinischen Personals mitzuerleben, habe ich immer Sicherheitsanzüge getragen. Ich habe dort auch das ärztliche Personal interviewt. Wenn ich dann den Schutzanzug ausgezogen habe, ist mir klar geworden, wie ernst die Situation war und was für eine großartige Leistung das Klinikpersonal erbracht hat. Während der 30 Minuten, in denen ich in dem Anzug steckte, konnte ich kaum atmen. Näher am Geschehen kann man als Reporterin nicht sein, und mir ist bewusst geworden, dass die Menschen, die hier im Krankenhaus arbeiten, wahre Helden sind.

Wie haben Sie es geschafft, an aktuelle Daten und andere relevante Informationen zu kommen?

In Mumbai war es kein Problem, an Daten zu gelangen, dort war alles sehr transparent. Als Stadtreporterin kamen mir meine Kontakte sehr gelegen, ich konnte also aus verschiedenen Quellen Angaben bekommen. Die örtlichen Behörden haben ihre Daten bereitwillig zur Verfügung gestellt, es gab nirgendwo schwarze Löcher. Auch die Amtspersonen in den obersten Etagen waren hilfreich. Sie haben uns sogar per WhatsApp Informationen zukommen lassen, da wir nicht persönlich kommen konnten. Sie haben uns alles gegeben, was wir wissen wollten. Die lokalen Behörden waren auch in den sozialen Netzwerken sehr aktiv. Wir bekommen selbst heute noch alle Daten zu Fällen, Verstorbenen und Genesenen auf Twitter. Sogar Zahlen rund um die Testungen, etwa Anzahl der Tests, Anteil der positiv Getesteten usw. waren immer zugänglich und wurden regelmäßig aktualisiert.
 
Gibt es auch eine positive Geschichte, die Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Natürlich hat die Pandemie viel Schlimmes zur Folge gehabt, es sind Menschen gestorben. Trotzdem hat es auch Positives gegeben. Schon nach den ersten Tagen haben sich viele Verantwortliche gemeldet, die bereitwillig Informationen zum Gesundheitszustand der Patienten und Patientinnen gaben und bei der Bettenvermittlung behilflich waren. In den ersten 3 bis 4 Monaten war die Zahl der Betten extrem knapp. Es haben sich auch viele aus meinem journalistischen Umfeld an mich gewendet und mich gebeten, ihnen bei der Suche nach Krankenhausbetten zu helfen, da sie sich mit dem Virus infiziert hatten. Ich war sehr froh, ihnen helfen zu können und Betten und Behandlung zu verschaffen. Ich habe gemerkt, dass ich Leben retten kann, und das war ein sehr befriedigendes Gefühl.

Hat Sie die Berichterstattung über die Pandemie etwas über Journalismus und das Geschichtenerzählen an sich gelehrt?
 
Online zu arbeiten war ein echter Lernprozess für mich. Ich habe auch viel über die Nutzung von sozialen Netzwerken gelernt. Ich habe diese etwa genutzt, um mich mit Fachleuten und im Journalismus tätigen Menschen aus aller Welt auszutauschen und zu erfahren, wo es aktuell welche Entwicklungen gibt. Auch diversen internationalen Medien und Agenturen bin ich gefolgt. Meine Berichterstattung konnte infolgedessen mehr in die Tiefe gehen und ein ganzheitliches Bild der Lage zeichnen. Covid-19 war ja ein weltweites Thema, also habe ich immer versucht, die Lage global zu betrachten und die Entwicklungen und Verzweigungen auf der ganzen Welt zu zeigen. Ich habe viele Informationen verbreitet und dabei auch viel auf journalistische Zusammenarbeit gesetzt. Dabei habe ich gelernt, soziale Netzwerke zu nutzen, um Ideen auszutauschen.

Haben Sie dabei auch mit vielen Fake News zu tun gehabt? Wie haben Sie Ihre Informationen überprüft?

Wie ich sehe, kursieren immer noch sehr viele Falschnachrichten in den sozialen Medien. Ich habe alle Mitteilungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft und auch viele Falschnachrichten als solche enttarnt. Wir befinden uns in einem ständigen Kampf gegen solche Fake News, und wir Journalist*innen, die die Möglichkeit haben, diese auffliegen zu lassen, müssen diesen austragen. Natürlich will jeder immer der Schnellste sein, aber dabei sollte keiner auf einen ordentlichen Faktencheck verzichten. Wir müssen der Versuchung widerstehen, eine Nachricht zu bringen, bevor ihr Wahrheitsgehalt bestätigt wurde. Für mich ist das selbstverständlich. Es geht ja schließlich um meine Glaubwürdigkeit, und die ist das wichtigste.

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