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Digitale Kunstszene
Die Ausdrucksform der Zukunft

Kalki von Saim Ghani: Indische Digital-Künstler können auf eine reiche Kultur zurückblicken
Indische Digital-Künstler können auf eine reiche Kultur zurückblicken | © Saim Ghani

In der Pandemie werden viele Lebensbereiche virtualisiert und in das Internet verlagert. Das gilt auch für die Kunst. In Indien hat sich eine lebhafte digitale Kunstszene entwickelt, immer mehr bildende Künstler entdecken virtuelle Formen für sich.

Von Oliver Schulz

Kunst zum Mitmachen – das geht auch mitten in der Coronakrise: Thukral & Tagra aus Delhi haben in einer Online-Session von Apple‘s „New World Program“ Teilnehmern gezeigt, wie sie einen virtuellen Begleiter erschaffen. Einen Hund oder eine Katze zum Beispiel. Einsamkeit ist schließlich ein großes Thema in der Pandemie. Schon zuvor hatte das international bekannte Duo –   durchaus tief in traditionellen Kunstformen verankert – mit humorvollen virtuellen Spielen auf sich aufmerksam gemacht. In einem durften die Gamer etwa im Auto nach Herzenslust schreien, um ihrem Ärger Luft zu machen. In einem anderen plauderten zwei schwatzhafte Papadams (indische Fladenbrote). Produziert wurden die Spiele für Instagram über pollinator.io, ein interdisziplinäres Onlinelaboratorium.

Fashion Travels von Saim Ghani: Für die Modebranche ist die Digitalisierung ein besonders großes Thema.
© Saim Ghani
Für die Modebranche ist die Digitalisierung ein besonders großes Thema.

Ob interaktiv oder nicht: Digitale Kunst setzt sich zunehmend durch – von Bewegtbild und Fotografie im Netz bis hin zu Werken, die von Künstlicher Intelligenz oder Maschinellem Lernen produziert sind. Digitale Kunst bietet fast endlose Möglichkeiten, mit neuen Formen zu experimentieren. Snapchat, Instagram und Google, aber auch Handelsmarken von FMCG bis hin zu Modelabeln suchen händeringend nach digitalen Entwicklern für Kunstprojekte. So beauftragte Bharat Floorings im vergangenen Jahr Künstler mit der Gestaltung von Fliesen für eine gemeinsame Sammlung. Lay‘s inszenierte die Artwork For Heartwork-Kampagne, bei der die Werke von 100 indischen Malern, Fotografen und digitalen Künstlern aber auch von einer Reihe Bollywoodstars virtuell präsentiert wurden. Damit sammelte das Unternehmen Spenden, um Hygienekits für Bauern, LKW-Fahrer und Ladenbesitzer kaufen zu können. 

Revival der Modeillustrationen

Auch Mode-Illustrationen erleben einen digitalen Boom. Der bildende Künstler Saim Ghani aus Kolkata begann im ersten Lockdown 2020, animierte Illustrationen auf Instagram zu erstellen. So übertrug er etwa Bilder der Butterfly People-Sammlung von Designer Rahul Mishra in den kambodschanischen Ta Prohm-Tempel. „Zunächst habe ich digitale Kunst nur als Medium verwendet, um meine Angst in der Coronakrise abzubauen und die kreative Energie in einen anderen Raum zu lenken“, sagt Ghani, hauptberuflich Senior Designer bei einem führenden indischen Modunternehmen. Es sei ein völlig neuer, völlig unerforschter Bereich für ihn gewesen: „Es gibt weniger Fehlerquellen als in der traditionellen Kunst, weil die Werkzeuge so starr sind. Manchmal schränken sie dich ein. Aber mit der Zeit, wird sie zu einer höchst emotionalen Tätigkeit.“

Aditya Mehta, founder of the platform Art&Found, curates affordable digital art online. Aditya Mehta, founder of the platform Art&Found, curates affordable digital art online. | © Aditya Mehta Kunst zugänglich zu machen, das sei sein Motiv gewesen, Art&Found zu gründen, sagt Aditya Mehta. Gleichzeitig wolle er den Wert der indischen digitalen Kunst auf globaler Ebene steigern.  Seine Online-Plattform (artandfound.co) kuratiert erschwingliche Kunst – und die ist ebenfalls zunehmend digital. Die Herausforderung für ihn habe im Zugang und in der Authentizität gelegen: „Traditionelle Kunst war vor allem immer für eine Gruppe von Kunstsammlern, für Galerien, Messen und Kuratoren. Der Aufstieg der Online-Kunstplattformen ermöglicht jetzt auch aufstrebenden und auch völlig unbekannten Künstlern den Zugang.“ Mehta sagt, er begutachte jede Arbeit zunächst gründlich, bevor Künstler sich bei ihm anmelden und ihre Arbeit hochladen können. Erst nach einer weiteren Prüfung werde das Werk dann veröffentlicht.

Boom der NFT-Kryptokunst

Um Plagiate einzudämmen und Urheberrechte zu gewährleisten, werden heute immer häufiger auch Non-Fungible Token (NFT) verwendet. Dabei wird jedes Werk mit einer eindeutigen ID, die über eine Blockchain generiert, geteilt und gespeichert ist, verknüpft. Diese Technologie lässt Kryptokunst zu Sammlerstücken werden – und ihren Wert rasch in die Höhe schnellen.

So hat der Künstler Pulkit Kudiwal aus Jaipur kürzlich fünf seiner digitalen surrealistischen Bilder auf den Plattformen Foundation und Rarible für insgesamt 5500 Euro veräußert. Prasad Bhat, ein in Bengalore lebender Illustrator, verkaufte seine erste NFT – eine Karikatur von Leonardo DiCaprio – für 3000 Euro. Dass der Markt boomt, beweist auch Nischal Shetty, der mit WazirX eine erfolgreiche NFT-Plattform für indische Künstler eingerichtet hat.

Wird „Digital“ künftig das neue „Normal“? Die Kunst von morgen scheint virtuell – und damit global ausgerichtet. Die Offenheit der Präsentations- und Vermarktungsplattformen über alle Entfernungen hinweg lässt viele Künstler weltweit nach Ruhm und Geld streben. Beliebigkeit kann angesichts der schieren Masse an Kunstwerken jedoch schnell ein Hindernis werden. „Die Unverwechselbarkeit des Erschaffers ist heute oft noch wichtiger als die Einzigartigkeit des Werks“, sagt Saim Ghani.“ Deshalb dürften gerade die indischen Künstler, die auf eine so reiche Kultur zurückschauen, in diesem Bereich weltweit die besten Chancen haben.

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