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Übersetzungen einigen Indien
Im größten Vielsprachenland

Im größten Vielsprachenland
© Oxford India Paperbacks; © Oxford University Press

Eine neue Kultur des Übersetzens könnte helfen, das zerrissene Indien zu einigen: Mini Krishnans Einsatz für die Vermittlung von Literatur.

Von Martin Kämpchen

Indien ist mit Vielsprachigkeit geschlagen. Zu 22 staatlich anerkannten und geförderten Sprachen kommen Hunderte von Dialekten und Dutzende von Stammessprachen, viele von ihnen auf oraler Tradition beruhend, deren Schätze bisher kaum gehoben sind. Spricht man von der „indischen Kultur“, meint man auch dieses unüberblickbare Sprachengewimmel. Keine dieser Sprachen ist dominant, keine Ursprache auszumachen, auf die sämtliche Sprachen und Dialekte zurückzuführen wären. In Nordindien herrscht das Hindi vor, doch wird es vor allem in Südindien erbittert befehdet, sobald es die Regierung zur offiziellen gesamtindischen Verkehrssprache erheben will. Denn die Sprachen der vier südindischen Bundesländer besitzen wenig Ähnlichkeit mit Hindi. Darum muss, oft mit knirschendem Unmut, das Englische zur allgemeinen Verständigung, neben dem Hindi, herhalten. Politisch geht die Auseinandersetzung über die Dominanz und den Nutzen der Sprachen so weit, dass über sie Regionalregierungen stürzen und Koalitionen geschmiedet werden. Erinnern wir uns, dass sich Ostpakistan von Westpakistan – beides frühere Bestandteile des britischen Kaiserreichs Indien – unter blutigen Kämpfen abspaltete und ein eigenes Land, nämlich Bangladesh, wurde, weil der Osten Bengalisch spricht und sich nicht das westliche Urdu aufoktroyieren lassen wollte.

Ohne Englisch geht es nicht

Ohne Englisch geht es nicht: Schon im Grundschulalter sollen die indischen Kinder die Weltsprache lernen. Ohne Englisch geht es nicht: Schon im Grundschulalter sollen die indischen Kinder die Weltsprache lernen. | © Anja Bohnhof
Englisch wird politisch immer noch als Sprache der ehemaligen Kolonialmacht geschmäht, aber seine Vorteile als jene Sprache, mit der man sich global vernetzt, auch als die Sprache, die die sich ausweitende lukrative IT-Branche regiert, sieht jeder Studierende ein. Der allgemeine Drang, in den Vereinigten Staaten oder Europa zu studieren, lässt sich ohne gründliche Englischkenntnisse nicht befriedigen. Die Tendenz zum Englischen verstärkt sich in Städten, in denen private Schulen Englisch als Unterrichtssprache anbieten. Schon Kinder im Grundschulalter sollen, noch bevor sie ihre Muttersprache vollständig beherrschen, Englisch lernen, damit sie später am Arbeitsmarkt eine Chance haben. Es geht nicht eigentlich um die Sprache, sondern um das Erlernen eines Instruments, mit dem sie später einen Job bekommen.

Sprechen Sie Hindi?

Sprechen Sie Hindi? Andernfalls dürfte es schwer werden, sich mit den Taxifahrern in Kalkutta zu verständigen. Sprechen Sie Hindi? Andernfalls dürfte es schwer werden, sich mit den Taxifahrern in Kalkutta zu verständigen. | © Anja Bohnhof
Dem steht gegenüber, dass die Regierung die Bedeutung der Muttersprache betont. Die im letzten Jahr formulierte National Education Policy (eine landesweite Bildungsstrategie) sieht ein Drei-Sprachen-Schema vor. Die Muttersprache oder die dominante Regionalsprache soll bis zum fünften Schuljahr Unterrichtssprache sein. Danach kommen Hindi und Englisch. Durch die bewusste Förderung des Hindi hat dessen Kenntnis in der Bevölkerung in den letzten dreißig Jahren um 6,5 Prozent zugenommen, während andere Regionalsprachen, etwa Bengalisch und Marathi, verloren haben. Hindi ist, auf niedrigem Niveau, populär, weil es die Sprache der Bollywood-Filme ist, die sich im gesamten Norden äußerster Beliebtheit erfreuen. Dagegen haben es die lokalen Sprachen Nordindiens, etwa Marathi, Gujarati und Bengalisch, im Filmgeschäft schwer. Zwar sind nach der politischen Unabhängigkeit die Bundesländer entsprechend der Sprachgrenzen eingeteilt worden – wieder ein Indiz für die Bedeutung der Sprache –, doch die Mobilität einer Bevölkerung, deren untere Schichten auf der Suche nach einem Einkommen massenweise aus ihren Dörfern in die Städte und von Norden nach Süden wandern, schafft Sprachinseln besonders innerhalb der Metropolen. Will sich jemand in Kalkutta mit Taxifahrern verständigen, der muss Hindi sprechen, weil die Fahrer durchweg aus Bihar stammen und es nicht für notwendig halten, die Sprache der Umgebung zu beherrschen.

So notwendig Englisch und Hindi als Zweitsprachen sind, die jeweilige Muttersprache konstituiert einen wesentlichen Teil der Identität, gerade weil Indien sprachlich so zersplittert ist und gebildete Inder, um sich landesweit verständigen zu können, multilingual aufwachsen müssen. Die Landbevölkerung hat kaum eine Chance, über ihre Muttersprache hinauszukommen. Das ist ein wesentliches Element ihrer Rückständigkeit.

Regionale Schriftsteller haben es schwer

Regionale Schriftsteller haben es schwer: Mit ihren Büchern bleiben sie oft auf ihre Sprachgebiete begrenzt. Regionale Schriftsteller haben es schwer: Mit ihren Büchern bleiben sie oft auf ihre Sprachgebiete begrenzt. | © Anja Bohnhof
Mit ihren Büchern bleiben sie oft auf ihre Sprachgebiete begrenzt. AFP
Auf der Ebene der Literatur spiegeln sich diese Spannungen deutlich wider. Je mehr sich die Bevölkerung alphabetisiert, desto gesellschaftlich entscheidender wird die Literatur in den Regionalsprachen. Schriftsteller und Journalisten, die in ihrer Muttersprache schreiben, sehen sich als die wahren Verfechter der indischen Kultur: Nur in der Muttersprache könne man Emotionen und Intuitionen der Menschen darstellen. Die Englisch schreibenden Schriftsteller und Journalisten bestreiten dies und weisen darauf hin, dass Inder die Sprache weiterentwickelt haben und ihrem Ausdruckswillen gefügig machen. Es herrscht ein ständiges Tauziehen zwischen den Schriftstellern einer Regionalsprache und jenen, die auf Englisch schreiben. Die Krux ist natürlich, dass die Englisch Schreibenden im gesamten Land und im anglophonen Ausland gelesen werden, dort Preise bekommen und wesentlich bessere Honorare erzielen. Regionale Schriftsteller bleiben dagegen auf ihre Sprachgebiete begrenzt. Mit Recht fordern sie, dass zum Beispiel Literatur aus dem südindischen Kerala auch in Bihar und Kaschmir wahrgenommen wird. Sie versuchen, Anschluss an den internationalen Markt zu erhalten, um dadurch größere Anerkennung auch im eigenen Land zu erhalten. Wie ist das möglich? Natürlich nur durch Übersetzungen.

Die Bemühung, Indiens Literaturen einander transparent zu machen, besteht erst seit wenigen Jahrzehnten. Über die Jahre hinweg haben immer mehr Verlage begonnen, Werke der Regionalliteraturen ins Englische übersetzen zu lassen. Die indische Literaturakademie (Sahitya Akademi) ist dank ihrer Satzung, die sie verpflichtet, die offiziell anerkannten Literaturen zu fördern, ein Pionier. Aber auch einige große englischsprachige Verlage beteiligten sich. Zunächst fehlte es an Übersetzern, die kompetent regionale Literatur ins Englische übertragen. Außerdem wurde die Übersetzungsarbeit zunächst wenig anerkannt und schlecht honoriert.

Bedenken wir, dass die indische Literatur nur einmal mit einem Nobelpreis bedacht worden ist, und das auch noch sehr früh: 1913, als Rabindranath Tagore geehrt wurde. Obwohl indische Schriftsteller danach immer wieder vorgeschlagen worden sind, hat das Nobelpreiskomitee seitdem keine weiteren Autoren dieses literaturvernarrten Volkes für würdig gehalten. Es bedürfte aber einiger starker Persönlichkeiten, um dem Projekt indischer Literaturübersetzung in seiner Bedeutung für das Selbstverständnis des Landes und seinen Ruf im internationalen Rahmen zur Geltung zu verhelfen.

Eine Übersetzerin, die alle überragt, ist Mini Krishnan. Im südindischen Bangalore geboren, lernte sie erst als Studentin die Sprache Malayalam ihrer aus Kerala stammenden Eltern. Sie nennt sich „ohne Wurzeln“ – vielleicht eine günstige Voraussetzung, um zum Übersetzen als Lebensaufgabe zu finden? Inzwischen wohnt die bald Siebzigjährige in Chennai (früher Madras). Infolge ihrer vierzigjährigen unermüdlichen Bemühung um die Verbreitung der regionalen Literatur im Englischen ist Mini Krishnan die Grande Dame der indischen Literaturübersetzung geworden. Sie dynamisiert einen Prozess nationaler Integration, der weit über seine literarische Relevanz hinausgeht und Spuren in dieser vielsprachigen Gesellschaft hinterlässt.

Indiens Literaturen einander transparent machen

Indiens Literaturen einander transparent machen: Mimi Krishnan hat vor allem die sogenannte Dalit-Literatur ans Licht gehoben. Indiens Literaturen einander transparent machen: Mimi Krishnan hat vor allem die sogenannte Dalit-Literatur ans Licht gehoben. | © Mini Krishnan
Mimi Krishnan hat vor allem die sogenannte Dalit-Literatur ans Licht gehoben. Privat
von 1980 an war sie Lektorin beim Verlag Macmillan, und nun arbeitet sie schon mehr als zehn Jahre für Oxford University Press. Lektoren und Lektorinnen stehen auch in Indien im Allgemeinen nicht im Rampenlicht, doch Mini Krishnan hat nicht nur rund 135 Übersetzungen aus vierzehn indischen Sprachen ins Englische herausgegeben, sie hat dem gesamten Projekt der Literaturübersetzung eine neue Dynamik und Anerkennung verschafft, die es bisher nicht kannte. Sie hat gezeigt, wie kreativ man für unübersetzbar gehaltene Texte ins Englische transportieren kann. Sie besteht auf Einführungen und Anmerkungen, die den Text und den Autor kontextualisieren und das kaum in Englisch Fassbare erklären. Sie ist wachsam, dass weitverbreitete Sprachen wie Hindi und Bengalisch nicht die „reichen Stimmen“ kleinerer Sprachen erdrücken. Zum Beispiel hat sie auch Übersetzungen aus dem Konkani, der Sprache Goas, herausgebracht.

Ihre Arbeit ist in allen Facetten Pionierarbeit. Sie muss sich Übersetzer für bestimmte Sprachen und bestimmte Autoren suchen, solche, die zum sozialen Milieu und zum besonderen Thema der Bücher einen Bezug finden. Indiens Gesellschaft ist so divers, dass derselbe Übersetzer nicht sämtliche Romane aus einer bestimmten Sprache präzise wiedergeben könnte. Krishnan lernt gewissermaßen die Übersetzer an, prüft deren Eignung und zieht meist noch weitere Übersetzer oder Sprachspezialisten zur Beratung hinzu. Sie macht es sich nicht leicht; mehr noch als innerhalb europäischer Sprachen ist eine Übersetzung aus indischen Sprachen ins Englische eine komplexe, kreative Bemühung. Krishnan bezeichnet eine Übersetzung als „Rekonzeptionalisierung“ des Originals. Übersetzer seien Miterschaffer des literarischen Werks; sie gibt den Übersetzern mithin größere Freiheit und mehr Verantwortung, als es in Europa üblich ist.

Nischenliteratur einem Mainstream anzubieten ist ein verlegerisches Risiko, das Mini Krishnan immer wieder eingegangen ist. Sie hat vor allem die sogenannte Dalit-Literatur ans Licht gehoben: Aus verschiedenen Sprachen hat sie Schriftsteller der untersten Kasten, der Stämme (Adivasis), die authentisch über ihr Los der Armut, Diskriminierung und Verachtung schreiben, ins Englische übersetzen lassen. Der Roman „Karukku“ von Bama, einer tamilischen Autorin, die die Kastenunterdrückung innerhalb der katholischen Kirche schildert, hatte zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des Originals einen derart großen Erfolg, dass das Buch die Veröffentlichung anderer Dalit-Romane erleichterte.

Ein zweiter Fokus Krishnans liegt auf der Frauenliteratur, und zwar nicht nur neuzeitlicher Romane, sondern auch historischer Biographien und Romane. Ein bezeichnender Erfolg war Sarah Josephs klassischer Roman „Othappu“ in Malayalam, der in englischer Übersetzung („The Scent of the Other Side“) einen bedeutenden Literaturpreis erhielt. Sein heikles Thema ist das Schicksal einer Nonne, die ihr Kloster verlässt und dadurch einen Skandal auslöst. Auch Werke muslimischer und christlicher Autoren sollen durch Übersetzungen stärker in den Mittelpunkt des literarischen Interesses gelangen.

Mini Krishnans besonderes Gespür zeigt sich beim Entdecken von thematischen Lücken und verborgenen literarischen Talenten. Sie versteht sich nicht nur als Lektorin und Herausgeberin, sie will allgemein die Literatur fördern. Darum ist sie auf Seminaren, Literaturfesten und als Mitglied verschiedener Jurys unterwegs, ständig ihre Kontakte ausweitend und neue Möglichkeiten aufspürend, durch Übersetzungen das kulturelle und gesellschaftliche Indien zu vernetzen. Wohl als Erste hat sie es geschafft, in der Tageszeitung „The Hindu“ eine Kolumne übers literarische Übersetzen zu veröffentlichen, ein Thema, das im Allgemeinen nur Spezialisten interessiert.

Nur zu verständlich, dass Mini Krishnan auch an Grenzen stößt: Schwierigkeiten bei der Vermarktung, spärliche Mittel, die manchmal vergebliche Mühe, Verlegern wie Lesern die Wichtigkeit des Projekts deutlich zu machen. Die Literatur-Missionarin verkündet nicht ohne Draufgängertum: „Hätte ich eine Million, würde ich hundert Übersetzungen in Auftrag geben, an die Übersetzer und die Schriftsteller deftige Honorare verteilen, die Übersetzungen an die Verleger abliefern und wie ein Schöpfergott gebieten: Ihr sollt veröffentlichen!“

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