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Feiern in der Pandemie
Digital Holi

Digital Holi
Vor der Pandemie: Holi, das Fest der Farben, wird in Gesellschaft gefeiert. | © Deepak Acharya

Holi wird auf dem indischen Subkontinent mit viel Eifer und Begeisterung gefeiert. Doch was immer bunt und vielerorts auch laut war, wird 2021 möglicherweise ein stilleres Fest werden. Was bedeutet es für die Inder, Feierlichkeiten wie Holi so eingeschränkt zu begehen? Welche digitalen Lösungen gibt es – und werden sie auch genutzt?

Von Oliver Schulz

„2020, als es im Land erst wenige, erste Covid-19-Fälle gab, wurde Holi noch fast wie immer gefeiert“, erinnert sich Dr. Deepak Acharya aus Ahmedabad. Und das sei auf dem Land und in der Stadt grundsätzlich ähnlich: „Die Menschen treffen sich zu Hause, kommen auf die Straße und streuen Farben aufeinander. Am Abend essen sie miteinander, sie teilen Essen mit Nachbarfamilien.“
 
Aber dieses Jahr dürfte das anders sein, sagt der 43-jährige Wissenschaftler und Experte für Naturmedizin, der ursprünglich aus Chindwara in Madhya Pradesh stammt: „Auf dem Land werden die Menschen eher ähnlich feiern wie sonst, wenn auch vielleicht nicht über die Grenzen ihrer Dörfer hinaus. Aber in den Städten nicht.“ So etwa seine Familie: „Wir werden weitgehend zu Hause bleiben. Am Abend vorher machen wir ein Feuer, Holika Dahan. Aber bei uns im Garten, nicht auf der Straße. Am Tag selbst werden wir tanzen und Farben auf Familienmitglieder werfen, aber auch nicht auf der Straße. Höchstens mit einer anderen Familie zusammen.“

Er habe Glück, sagt Acharya, seine Familie wohne großteils bei ihm. „Nur mein Bruder lebt weiter auf dem Land, in Madhya Pradesh“. Der werde dieses Jahr sicher nicht kommen – und die Distanz, die damit verbunden sei, schmerze. „Es ist ein großes Fest für Hindus, wir bereiten es lange vor, überlegen, wie wir dekorieren, was wir essen wollen. Wenn dann die Familien hunderte Kilometer auseinander sind, ist das schwierig. Meine Mutter, die hier bei mir lebt, brach schon im Herbst, bei Diwali in Tränen aus, weil sie meinen Bruder nicht sehen konnte.“

Warten auf das nächste Jahr

Auch Vinay Rahure, der mit seiner Familie in Mumbai wohnt, sagt, dass die Situation in diesem Jahr eine ganz andere sei. „So wie hier gefeiert wird, ist körperlicher Kontakt ja unvermeidbar. Hunderte kommen und werfen Farbe auf dich, du machst das bei Hunderten anderen.“ Er sei auch 2020 schon etwas vorsichtiger gewesen. Aber jetzt sei erhebliche Zurückhaltung angesagt, zumal er wisse, welche Folgen eine Covid-19-Erkrankung habe, so der 31-Jährige. „Ich war selbst vor einigen Wochen erkrankt und zu Hause in Isolation.“ Dieses Jahr werde er ganz sicher auf jeden körperlichen Kontakt verzichten, keine Farben streuen. „Dann kann es die nächsten Jahre wieder mit vollem Enthusiasmus weitergehen, wenn die Gefahr sich gelegt hat.“ Rahure setzt einstweilen auch auf digitale Lösungen: „Ich bin sicher, es wird in den Sozialen Medien coole, kreative Filter oder Features geben, die den Geist des Festivals in diesem Jahr am Leben halten.“
 
Aber sind das wirklich Lösungen?
 
Psychologen warnen nicht nur vor den Folgen, den der Verzicht auf körperliche Nähe durch die Pandemie mit sich bringt. Sie verweisen auch auf die psychosoziale Dimension von Festen wie Holi. „Unsere hinduistischen Festivals sind wichtig für die Organisation und Reorganisation unserer Erinnerungen und Gedanken“, sagt Dr. Vasuki Mathivanan, Coach und Psychologin aus Chennai. „Die Menschen werden nun ängstlich und übervorsichtig gegenüber Feiern und Festen. Das bringt viel Stress mit sich.“ Zumal Feierlichkeiten wie Holi neben moralische Werten besonders ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelten, so die 52-Jährige: „Sie geben Hoffnung für das Leben und das Gefühl, ein Unterstützungssystem zu haben.“ Indem die Pandemie die Menschen daran hindere, Kontakte zu knüpfen, habe sie ein Vakuum geschaffen. Darunter litten zwar besonders viele jungen Menschen. Aber: „Betroffen sind Menschen jeden Alters.“

Suche nach digitalen Lösungen

Nandini Raman sieht das ähnlich: „Holi ist ein wunderschönes Festival der Farben, das physisch mit Freunden, Familienmitgliedern, in großen und kleinen Familien- und Gemeindeversammlungen mit trockenen und nassen Farben, Wasser, Spaß, Tanz und Musik „gespielt“ und bei dem Bhang getrunken wird – es kann virtuell oder digital niemals dasselbe sein“. Die 45-Jährige arbeitet in Chennai ebenfalls als Coach, aber auch als Kolumnistin. Trotzdem blickt Raman nach vorn: „Ich denke, wir müssen in dieser Situation in allen Bereichen Sinn und Zweck in unseren digitalen Lösungen finden, um uns zu feiern und uns zu Dingen zusammenzufinden, die Herz und Verstand Freude und Glück bringen.“
 
Wie das an Holi im Jahr 2021 konkret gehen kann, beschreibt Deepak Acharya aus Ahmedabad: „Wir werden natürlich nicht nur physisch, sondern auch digital feiern. Wir werden uns in der Familie gegenseitig anrufen, aber auch Gruppentelefonate machen. Wir werden Fotos verschicken und uns zu Videochats verabreden, den anderen zeigen, wie wir Feuer machen, wie wir uns mit Farbe besprenkeln. So teilen wir einander mit, dass wir uns vermissen, wir umarmen uns sozusagen digital.“ Das sei nicht dasselbe, gibt er zu. „Aber wir leben nun einmal in einer Pandemie.“

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