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Making friends in Bangalore | Verkehr© Sebastian Lörscher (Ausschnitt)

Barbara Buchholz über "Making friends in Bangalore"
Das Gewimmel der Millionenmetropole

Sebastian Lörscher nimmt seine Leserschaft mit auf eine farbenfrohe und erlebnisreiche #Graphic Journey. „Making Friends in Bangalore. Mit dem Skizzenbuch in Indien“ ist das vierte Buch des in Berlin lebenden Zeichners. 2011 verbrachte er mit Unterstützung des Goethe-Instituts Bangalore einen Monat in der südindischen IT-Metropole und veröffentlichte 2014 seine wunderbar aufbereiteten Reiseskizzen bei der Edition Büchergilde. Mit rotem Seitenschnitt, schön cremigem Papier, das die Farben gut zur Geltung bringt, und abgestimmter Typografie ist das Buch so gestaltet, dass die Stiftung Buchkunst es zu einem der schönsten Bücher 2014 kürte. Aber auch inhaltlich enttäuscht es nicht.

Das Gewimmel der Millionenmetropole wird schon auf dem Cover deutlich, in kleinteiligen, vielfarbigen Buntstiftzeichnungen von Straßenbildern, in denen sich einzelne Gesichter, Autos, Gebäude in abstrakte Formen auflösen. Zwischen die dynamisch erzählten, bunten Szenen sind Faksimile-Seiten aus Lörschers Skizzenbuch mit Tuschezeichnungen geschnitten, die wie Kapiteltrenner und Ruhepole funktionieren. Die Comic-Episoden seien in Berlin am Schreibtisch entstanden, erklärt Sebastian Lörscher im Gespräch. Um die Spontaneität der Straße, das Unmittelbare zu bewahren, habe er keine Vorzeichnungen gemacht, sondern sofort los aufs Papier gezeichnet.

Mit grafischen Kniffen lässt Lörscher Leserinnen und Leser außerdem an seinen überraschenden bis kuriosen Erfahrungen teilhaben. Zum Beispiel, indem er konsequent aus seiner Perspektive zeichnet, also selbst nie im Bild zu sehen ist – abgesehen von der zeichnenden Hand. Der Blick geht also stets über die Schulter des Zeichners und den Rand des Skizzenbuchs.

So ist auf den ersten Seiten das rot eingebundene Skizzenbuch abgebildet, dazu die Rechte des Zeichners, die das Buch hält, und die Linke, die erste Linien zunächst ruhig und dann immer schneller aufs Papier bringt. Gegenüber tauchen zunächst drei Männergesichter auf, die erstaunt blicken (das verdeutlichen die strahlenförmigen Striche über den Köpfen), dann immer mehr, bis schließlich eine ganze Menge Leute zuschaut, wortlos, aber mit viel Mimik.

Dann schüttelt einer aus der Menge die Hand des Zeichners und heißt ihn willkommen – und es entfaltet sich über die folgenden Seiten das bunte Gewimmel der boomenden Großstadt. Schön beobachtete Straßenszenen sind wortlos hintereinander geschnitten, von Frauen in bunten Gewändern oder schwarz verhüllt über Arbeiter, die eine Grube ausheben bis zu Kühen auf der Straße. Der Zeichner schildert Begegnungen mit verschiedenen Menschen, die er porträtiert und erzählen lässt; das reicht vom Rikschafahrer über eine Hochzeitsgesellschaft und aufstrebende Unternehmer, junge Cricket-Fans oder die selbstbewusste junge Frau Rucha, die am Ende auch das letzte Wort hat.

Lörscher hat die Kunstform Comic für seinen Reisebericht gewählt. Er verzichtet allerdings auf Panels, sondern ordnet die einzelnen Bilder samt Sprechblasen oder kurzen Untertiteln ohne Rahmen auf den Seiten an. Er tut das auf abwechslungsreiche Art und Weise. Besonders ins Auge fällt etwa das einem Kunstmaler und Galeristen gewidmete Kapitel, der Tag für Tag nach Feierabend die Seiten seiner Skizzenbücher mit berühmten Menschen aus dem indischen Fernsehen vollzeichnet. Lörscher reißt seine Leserinnen und Leser mit auf einen immer schnelleren Parforceritt über die Seiten, bei deren Präsentation der indische Künstler immer mehr in Ekstase zu geraten scheint.

Das gipfelt grafisch darin, dass die Figur des Mannes, der stolz und gestikulierend immer neue Zeichnungen in seinen Heften präsentiert, in der Abfolge immer kleiner und kleiner gezeichnet ist, so dass Figur, ihr Buch und die Sprechblasen erst nur noch zu erahnen und am Ende lediglich noch farbige Striche zu erkennen sind.

Ein anderes Mal stürzt Lörscher in ein Loch in der Straße, die – so wird nebenbei deutlich – offenbar zum Alltag in der beständig wachsenden Metropole Bangalore gehören; diese Szene ist in dramatischen, fetten Strichen gezeichnet: aus der Perspektive des Zeichners geht der Blick aus dem dunklen Loch in den Nachthimmel, an dem Sterne leuchten, während über den Rand des Lochs die junge Begleiterin Rucha lugt, mit der Lörscher durch die Stadt gezogen war.

Lörschers #Graphic Journey ist humorvoll und (selbst-)ironisch gehalten, dabei ausgesprochen sympathisch, auch was die Haltung des Erzählers angeht. Die gesammelten Eindrücke sind so ausgewählt und dramaturgisch aufbereitet, dass sich ein sehr unterhaltsamer, aber nicht oberflächlicher Bericht ergibt, der kleine Einblicke in das Leben der Menschen vor Ort gibt. Geprägt ist das von der Offenheit, die Lörscher der ihm zuvor weitgehend unbekannten Kultur entgegenbrachte.

Sämtliche Dialoge sind übrigens auf Englisch wiedergegeben, das ist der Authentizität geschuldet, denn in dieser Sprache verständigte er sich vor Ort. Im Vorwort und im Epilog aber erklärt Lörscher auf Deutsch Hintergründe, die den Comic selbst schwerfällig gemacht hätten. Das reicht von eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen über Fakten zur Stadt Bangalore, zu Kultur und Geschichte bis zu einem Fazit des Zeichners nach seinem Aufenthalt. Wie es ausfällt, verwundert nach Lektüre des Buches nicht: „Noch nie habe ich ein so gastfreundliches, offenes und herzliches Volk getroffen. Und selten fiel es mir so leicht, neue Freunde zu gewinnen.“
 

"Making Friends in Bangalore: Mit dem Skizzenbuch in Indien." Eine Graphic Journey (Deutsch). 144 Seiten, Softcover, erschienen bei der Edition Büchergilde und der Büchergilde Gutenberg (vergriffen).

Das Buch ist ab sofort wieder erhältlich und kann bei Sebastian Lörscher bestellt werden. Jedes Buch wird auf Wunsch mit persönlicher Widmung versehen.

Die französische Version ist erhältlich bei Cambourakis.

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