Indische „Traumfabrik“
Bollywoods anspruchsvolle Seite

Familiengeschichte: Mukti Bhavan beschreibt auch einen Konflikt und die späte Annäherung von Vater und Sohn.
Familiengeschichte: Mukti Bhavan beschreibt auch einen Konflikt und die späte Annäherung von Vater und Sohn. | © Venkiteswaran C.S.

Romanzen, Tanz, Musik – dafür ist Bollywood bekannt. Doch um den Jahrtausendwechsel erlebte die mutmaßlich komplett der Massenproduktion verfallene Traumfabrik des Subkontinents eine rasante Wende: Bollywood erfand sich neu. Mit Trends, die auch den Mainstream bis heute prägen.

Von Oliver Schulz

Bollywood-Filme sind geradezu ein Inbegriff der Massentauglichkeit. Aber auch für alle, die es gern etwas nachdenklicher oder schräger mögen, bietet die indische „Traumfabrik“ Highlights: Filme, die trotz – oder gerade wegen – ihrer ungewöhnlichen Ansätze durchaus auch massentauglich sind. Wie sich das moderne Bollywood entwickelt – ein Ausblick in die Zukunft und momentane Trends.

Wegbereiter des modernen Bollywoods

Zwei Filme kann man als Wegbereiter des „modernen“ Bollywood bezeichnen – Satya (1998) von Ram Gopam Varma und Dil Cahta Hai (2001) von Farhan Akhtar. Gemeinsam ist ihnen ihr Realismus. Satya, ein Gangster-Film vor Mumbais Mafia-Kulisse, ist zwar etwa in Hinsicht auf seinen Plot alles andere als wirklichkeitsnah – in anderer Hinsicht aber umso mehr: Er wurde vielfach dafür gelobt, die raue Sprache der Straße zu sprechen. Und damit die vermeintlichen „Gesetze“ Bollywoods zu brechen. Die Entwicklungsgeschichte in Dil Cahta Hai vollbringt Ähnliches, wenn auch auf ganz andere Art und Weise: Die Handlung rund um die frischen Collegeabsolventen wurde als ungewöhnlich realistische Darstellung der indischen Millenials gefeiert. Beide Filme waren Publikumsschlager in Indien. Aber auch Vorlagen für die nächste Generation.

Infolge trat plötzlich eine ganze Reihe junger Filmemacher auf den Plan. Einzigartige Talente wie Irfan Khan, Nawazuddin Siddiqui, Rajkummar Rao, Manoj Bajpayee, Anurag Kashyap, Vishal Bhardwaj, Radhika Apte, Ayushmann Khurrana, Sriram Raghavan, Alia Bhatt und Vicky Kaushal. Ihre Themen waren nicht immer revolutionär, auch sie produzierten einerseits durchaus Spektakel rund um Liebe und Nostalgie – andererseits aber auch neue und realistische Geschichten rund um Terror und Gewalt, um familiäre und soziale Probleme. Vor allem war der Ansatz, mit dem sie die indische Filmkultur ins 21. Jahrhundert brachten, eines: individueller als der ihrer Vorgänger. Storylines, die zuvor als indie galten, waren auf einmal Bollywood.

Ungünstige wirtschaftliche Voraussetzungen

Anspruchsvoll und dennoch erfolgreich: Subhashish Bhutiani gehört zu einer neuen Generation von indischen Filmemachern.
Anspruchsvoll und dennoch erfolgreich: Subhashish Bhutiani gehört zu einer neuen Generation von indischen Filmemachern. | © Shubhashish Bhutiani
Dabei waren die wirtschaftlichen Bedingungen vor der Jahrtausendwende durchaus ungünstig. Indiens Filmindustrie befand sich in einem Umbruch. Die öffentliche Filmförderung war im Zuge der generellen wirtschaftlichen Liberalisierung weggebrochen, private Unternehmen ließen sich nur schwer für die Finanzierung gewinnen. „Mit dem allmählichen Rückzug des Staates aus dem der Filmindustrie in Indien brach seit den 1990er-Jahren die Produktion im unabhängigen Kino mangels Kapital zunächst ein“, sagt der Filmkritiker Venkiteswaran C.S. „Denn für die Sponsoren, die jetzt an die Stelle öffentlicher Geldgeber traten – private Fernsehsender und Wirtschaftsunternehmen – zählte fast ausschließlich der finanzielle Gewinn. Sie waren immer vom Erfolg abhängig und förderten ihn entsprechend. Das  schlug sich in der Produktion von vor allem populären Filmen oder Filmen mit Starpräsenz nieder.“

Erfolg mit Nischenprodukten erforderte dagegen viel persönliches Engagement. „Ich musste mich bei der Produktion von Mukti Bhavan sozusagen gegen Fast and Furious behaupten“, erinnert sich Subhashish Bhutiani, der mit dem Film 2016 in Indien wie im internationalen Ausland Millionen begeisterte.  „Aber ich hatte kaum finanzielle Unterstützung.“ Was materiell fehlte, glich Bhutiani durch Idealismus aus: „Ich wusste einfach, ich will ein Filmemacher werden. Ich wollte diesen Streifen drehen. Ich hatte eine Vision.“ Was er allerdings auch hatte, waren: „gute Kontakte und Freunde in der Branche.“

Internationale und nationale Erfolge

Sterbekultur in Varanasi: Sowohl das indische als auch das internationale Publikum waren von dem Fim Mukti Bhavan begeistert. © Shubhashish Bhutiani

Der Trend zu spezielleren Themen ließ sich trotz aller Schwierigkeiten von nun an nicht mehr aufhalten. Und damit änderte sich auch das Publikum. Plötzlich wurde der Westen auf Bollywood aufmerksam. Manche Streifen spielten im Westen weit mehr ein als in ihrem Herkunftsland – besonders bekannt ist The Lunchbox von Ritesh Batra (2013).

Doch das liegt nur bedingt am heimischen Publikum. Auch in Indien gab es schon immer ein Interesse – wenn auch nur einer kleinen Minderheit – für das Arthouse-Kino. „Sahen Inder meinen Film, waren sie begeistert“, sagt Subhashish Bhutiani. Das Problem: „Wo sollte ihn die Masse sehen? Es gab bei uns lange keine mit dem Westen vergleichbare Kultur kleinerer Kinos. Also Kinos, die auch Nischenfilme zeigen.“

Bisher. Venkiteswaran C.S. beobachtet „eine Verlagerung von den riesigen Filmpalästen zu kleinen Multiplex-Leinwänden.“ Die Anzahl der Sitzplätze schrumpft, die Eintrittspreise ziehen an. „Aktuelle Arthouse-Filme, die es auf die Filmfestivals schaffen, werden von sowohl vom indischen als auch von einem internationalen Publikum wahrgenommen. Ich denke, die neue Herausforderung besteht darin, mit dem Publikum für ernsthaftes Kino in Kontakt zu treten.“ Die Entwicklung von neuen Kanälen, die eine anspruchsvolle Filmkultur auch finanziell ermöglichen, sei dabei ein wichtiger Aspekt.

Neue Themen aus Stadt und Land

Kritik am Diktat der Masse: Venkiteswaran C.S. ist ein Filmkritiker, Dokumentarfilmer und Autor.
Kritik am Diktat der Masse: Venkiteswaran C.S. ist ein Filmkritiker, Dokumentarfilmer und Autor. | © Venkiteswaran C.S.
Die Themen des jungen indischen Kinos werden unterdessen immer vielfältiger. Sie reichen vom Alltag in ländlichen Kleinstädten über das Leben am Rande der U-Bahnen bis zur Situation von mittelständischen Ausreißern in den Metropolen. „Zahlreiche Geschichten, die außerhalb der Stadt liegen, aber auch das Leben der gebildeten, urbanen Ober- und Mittelschicht abbilden, sind immer noch völlig unerzählt“, sagt Venkiteswaran C.S. „Junge, ernsthafte Filmemacher müssen nun Formen und Erzählweisen finden, die dem Leben, der Kultur, der Geschichte und den Kunsttraditionen der Menschen entsprechen –  und gleichzeitig thematisch zeitgemäß und ästhetisch global sind.“ Ein wichtiger Trend sind auch die Regionen Indiens: Viele Filmemacher produzieren mittlerweile in Lokalsprachen wie Bhojpuiri, Marathi, Kannada, Tamil, Malayalam oder Assamesisch.

Angetrieben wird die Entwicklung hin zu ernsthafteren Filmen auch von der Pandemie. Die hat in Bollywood praktisch zu einem Produktionsstillstand geführt. Aber für unabhängiges Kino ergab sich aus der Fokussierung des Publikums auf Streaming-Plattformen wie Netflix oder Viu eine große Chance: „Neue Online-Dienste sind empfänglicher für thematische Vielfalt und Experimente, sie eröffnen Chancen für Produktionen außerhalb des Mainstreams“, sagt Venkiteswaran C.S. Diese Plattformen dürften in der Zukunft bestehen bleiben, und Filmemachern außerhalb der Massenproduktionen ein tragfähiges Einnahmemodell bieten, hofft er. „Es sei denn, die unmenschlichen Algorithmen der globalen Zuschauerzahlen und die Kurzsichtigkeit der Unterhaltungsindustrie ersticken und verstummen sie.“

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