Frauensport
Idol mit Federball

Saina Nehwal bei den Malaysia Masters in Kuala Lumpur im Januar 2019
Saina Nehwal bei den Malaysia Masters in Kuala Lumpur im Januar 2019 | © Mohd Rasfan/AFP/Getty Images

Die indische Badminton-Spielerin Saina Nehwal ist zum nationalen Vorbild geworden. Bald gibt es einen Bollywood-Film über sie. Ihr Land braucht dringend starke Frauen.

Von Saskya Jain

29. März 2015, im Siri Fort Stadion in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Gleich beginnt das Finale der Badminton India Open. Die Thailänderin Ratchanok Intanon tritt gegen Saina Nehwal an, Indiens "Golden Girl". Die Fans warten seit Stunden auf dieses Match. Saina, wie sie von allen genannt wird, ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen, die das Land je hervorgebracht hat. Und was bereits feststeht: Ihr Sieg gegen die Japanerin Yui Hashimoto am Vortag hat ihr den Weltranglistenplatz eins der Badmintonfrauen beschert. Die Tatsache, dass dieser historische Moment auf indischem Boden stattfand, hat ihr über Nacht viele neue Anhänger eingebracht. Gerade nach dem Ausscheiden der indischen Kricket-Mannschaft im Halbfinale des World Cup sind nun alle bereit, sie als neue Muse des indischen Sports zu feiern.

Da ist sie. Alle springen von den Sitzen, applaudieren und rufen: Sai-na! Sai-na! Sai-na! Ihre schulterlangen schwarzen Haare sind wie immer zum Pferdeschwanz gebunden. Mindestens zehn bunte Haarspangen – ihr Markenzeichen – zieren ihren Kopf. Ernst, fast konsterniert, blickt sie auf ihre Füße. Sie wirkt wie ein Schulmädchen, das gerade zur Direktorin bestellt wurde. Fast so, als würde sie den Jubel gar nicht hören, als wüsste sie nichts von ihrem neuen Ranglistenplatz. Als würde sie dem Erfolg schlicht nicht trauen.

Dass Sportlerinnen im besten Fall unterschätzt werden und im schlimmsten Fall systemischer Diskriminierung ausgesetzt sind, ist keine spezifisch indische Geschichte. Diskriminierung und Patriarchat sind zwar auch hier Schlagwörter, die noch lange Gültigkeit behalten werden. Doch die Behauptung, die indische Frau an sich sei unterdrückt, wie man es in Europa oft hört, stellt die Lage deutlich simpler dar, als sie es tatsächlich ist. Das zeigen bereits die Biografien von Aktivistinnen wie Kiran Bedi oder diversen Bollywood-Schauspielerinnen. Und auch Sainas Karriere als "Spielerin des Volkes" erzählt da eine aufschlussreiche Geschichte.

Sportlicher Erfolg passiert in Indien, insbesondere unter Frauen, nicht dank, sondern trotz des staatlichen Systems. Zu wenig finanzielle Förderung, kaum Ressourcen, schlechtes Management, Korruption und fehlende Transparenz sind nur einige der Hürden, die eine aufstrebende Sportlerin in Indien überwinden muss. Viele geben auf, bevor sie es in die Top-Liga geschafft haben. Das größte Problem ist nach wie vor die öffentliche Meinung. Sport als Berufsweg ist noch immer nicht sonderlich anerkannt. Und wie man sich vorstellen kann, haben junge Mädchen mit sportlichen Ambitionen besonders schlechte Karten.

Wenn man sich die Biografien der erfolgreichsten indischen Sportlerinnen ansieht, stellt man tatsächlich schnell fest: Es sind fast immer die Eltern, die das Talent des Kindes erkannt und mit eigenen Mitteln gefördert haben. Ohne individuelle, private Unterstützung ist Erfolg praktisch unmöglich.

Söhne bringen Geld in die Familie, Töchter kosten

So war es auch in Sainas Fall. Geboren wurde sie 1990 im Bundestaat Haryana, der an die Hauptstadt grenzt und, was Frauen betrifft, für Folgendes bekannt ist: 2016 kam es dort zu den meisten Gruppenvergewaltigungen im Land, von etwa 1.000 gemeldeten Vergewaltigungen waren 200 die Taten mehrerer Männer. Haryana gilt als besonders patriarchal und weist geradezu feudale Züge auf. Wenn ein Junge geboren wird, verteilt die Familie Süßigkeiten in der Nachbarschaft. Ist es ein Mädchen, heißt es: Unser Beileid, vielleicht habt ihr nächstes Mal mehr Glück. Söhne bringen Geld in die Familie, Töchter kosten. In den meisten ländlichen Regionen verhandelt man nach wie vor eine Mitgift, wenn eine Tochter verheiratet wird, obwohl das illegal ist – über Jahrzehnte wurden Mädchen deshalb abgetrieben. Um dem vorzubeugen, wurde es 1994 in Indien unter Strafe gestellt, während der Schwangerschaft das Geschlecht des Kindes in Erfahrung zu bringen. Und doch ist das Zahlenverhältnis von Frauen gegenüber Männern noch immer in kaum einem anderen Bundesstaat so unausgeglichen.

Gleichzeitig stammt aus Haryana eine enorm hohe Anzahl an Sportlerinnen, die im internationalen Kontext Medaillen gewonnen haben. Auf den ersten Blick wirkt das paradox, auf den zweiten leuchtet es ein. Denn die Sportarten, in denen sie brillieren, betonen oft kämpferische – man möchte fast sagen kriegerische – Aspekte: Wrestling, Hockey, Schießen, Diskuswerfen. Haryanvis, von denen die meisten Bauern sind, gelten in Indien als besonders zäh und körperlich strapazierfähig. Vielleicht trägt diese Kultur zu den sportlichen Errungenschaften bei, für die Frauen wie Männer aus dem Agrarstaat bekannt sind. Aber natürlich bietet auch ein Sport wie Badminton die Chance, die rigiden sozialen Bedingungen hinter sich zu lassen.

Auch Sainas Eltern spielten professionell Badminton, ihre Mutter Usha repräsentierte auf Turnieren sogar Haryana. Sie ist es, die Saina den Traum einer internationalen Badmintonkarriere vorgeträumt hat. Bei jedem Turnier sitzt Usha Nehwal ganz vorne im VIP-Bereich.

Mit acht Jahren zog Saina mit der Familie ins südindische Hyderabad, wohin ihr Vater versetzt worden war. Da sie kein Telugu sprach, suchte sie sich einen Sport, in dem sie wenig kommunizieren musste, und spielte von nun an auch Badminton. Schnell wurde ihr Talent erkannt. Ihr Vater investierte sein Rentenpaket und nahm Kredite auf, um seiner jüngeren Tochter ein ordentliches Training zu ermöglichen. 2006 begann die Rechnung offiziell aufzugehen – Saina reüssierte mit 16 Jahren im nationalen U-19-Turnier, und noch im selben Jahr wurde sie die erste indische Frau und jüngste Asiatin, die je ein Vier-Sterne-Turnier gewonnen hat, die Philippines Open. Seitdem hat sie mehr als 24 internationale Titel abgeräumt. Mit einem Eigenkapital von etwa 2,5 Millionen Euro gehört sie zu den reichsten Badmintonspielern der Welt. Im indischen Fernsehen wirbt sie für Vaseline und Fertignudeln. Derzeit laufen die Dreharbeiten für ein Bollywood-Biopic über sie.

Vorbild für junge Sportlerinnen

Ihr Erfolg widerlegt die vor allem im Westen verbreitete Annahme, dass indische Frauen in der Regel nicht zum nationalen Idol taugen können. Andererseits ist der aktuell reichste indische Kricketspieler, Mahendra Singh Dhoni, knapp 100 Millionen Euro schwer. Ein Sportler, der wohlgemerkt nur als Mitglied eines Teams spielt. Was zeigt, wie unterschiedlich der Stellenwert von Männer- und Frauensport – weltweit – noch immer ist. In Indien aber kommt die koloniale Geschichte beider Sportarten noch hinzu. Während das beliebte Kricket in England entstand und nach Indien exportiert wurde, haben die Engländer modernes Badminton in Indien selbst erfunden. Das älteste Turnier ist das All England Open, bei dem 1947 zum ersten Mal nicht-europäische Spieler zugelassen wurden. Heutzutage spielt Badminton vor allem in Asien eine bedeutende Rolle. Die Topspieler kommen aus China, Indonesien, Japan, Indien. Das letzte Mal, dass eine Engländerin im Einzel des prestigeträchtigen All England Open den Titel holte, war 1978.

Saina gewinnt in jenem März 2015 das Finale des India Open. Von den Medien wird sie als Vorbild für junge Sportlerinnen im ganzen Land gefeiert. Einzig Olympisches Gold bleibt ihr bisher verwehrt. In Rio, wo ihre jüngere Kollegin P.V. Sindhu Silber holt, scheidet Saina bereits in der ersten Runde aus – zehn Tage zuvor hat sie beim Training eine Knieverletzung erlitten. Ihre Karriere sei vorbei, munkeln die Medien. Sie geht auf die 30 zu, hält sich nur mit Mühe auf Weltranglistenplatz neun. Eine Niederlage bei den nächsten Olympischen Spielen, 2020 in Tokyo, ist nicht auszuschließen.

Und dann? Indien braucht dringend ehrgeizige, starke Frauen, Idole. Das Durchschnittsalter wird 2020 im Land bei 29 Jahren liegen. Saina möchte ein Badminton-Trainingsinstitut für junge Mädchen in Haryana gründen und so der Zukunft Indiens dienen. Bislang zieht es sie nicht in die Politik. Aber warum eigentlich nicht? Der Kricketstar Imran Khan hat sich nach seiner Niederlage im Halbfinale des Kricket World Cup 1987 angeblich damit getröstet, indem er You Can’t Always Get What You Want von den Rolling Stones hörte. Heute ist er Pakistans Premierminister.

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