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„Barbaren“ - Lateinnachhilfe mit Hauen und Stechen

Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren"
Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren", Jeanne Gourseaud als Thusnelda | © Netflix / Foto: Katalin Vermes

„Armin schlug den Varus richtig – 9 nach Christus, das ist wichtig.“ Diese Eselsbrücke dürfte bei allen, die sich seinerzeit mit der Antike und den Annalen des römischen Gelehrten Tacitus herumschlagen mussten, Erinnerungen an drögen Geschichtsunterricht wachrufen. Nun ist Netflix’ erstes Historienepos „Barbaren“, in dem der Streaming-Dienst sechs Episoden lang die Schlacht im Teutoburger Wald ausrollt, zwar mitnichten trocken. Trotzdem umweht nicht nur die schiefen Dialoge der Muff angestaubter Lateinstunden.

Von Angela Zierow

Es fing alles so verheißungsvoll an: Mit ihren auf Latein verfassten Pressetexten sorgten die Netflix-Werbestrategen kurz vor Serienstart in vielen Filmredaktionen für anerkennendes Schmunzeln. Die Vorfreude währte nicht lange, „Barbaren“ erwies sich als nicht halb so originell wie die PR-Kampagne: Mehr noch, die sechsteilige Geschichtslektion geriet zu einer zumeist gehaltlosen Historien-Soap im hippen Schmuddel-Look samt schick arrangierter Fellgarderobe, verwegen geflochtener Zottelfrisuren und reichlich Blutgespritze. Eine riskante Ménage-à-trois, rollende Köpfe und die obligatorische Kreuzigung gibts natürlich auch. Das wäre noch nicht einmal sonderlich dramatisch, wenn die Serie zumindest mit ein paar originellen Ideen, unterhaltsamen Plottwists oder gar einem Augenzwinkern überraschen könnte. Doch das konventionell inszenierte Hauen und Stechen möchte zwar gerne so cool wie „Vikings“ oder so durchgeknallt wie „Britannia“ sein, kommt aber mit der Klotzigkeit eines Freilichtbühnen-Abenteuers daher. Spannung? Mäßig, schließlich ist hinreichend bekannt, wer seinerzeit wen bei der Varus- oder Hermannsschlacht niedermetzelte, da bleibt wenig Raum für Spoiler.

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Überraschend ist vielmehr, dass sich erst jetzt eine TV-Produktion mit der legendären Schlacht befasst, in der das römischen Imperium eine bis dato undenkbare Niederlage erlitt. Das Massaker hatte weitreichende Folgen, bremste die Expansionsgelüste des Römer-Reiches in Germanien abrupt, wurde zum Wendepunkt in der Geschichte des gesamten Kontinents. Unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius, auch als Hermann bekannt, mähte ein Zusammenschluss germanischer Stämme im Herbst des Jahres neun nach Christus drei römische Legionen samt Hilfstruppen nieder - und das, obwohl die Rebellen ihren Widersachern zahlenmäßig weit unterlegen waren. Der ausgeklügelte Hinterhalt kostete mindestens 15.000 Römern das Leben, ein Achtel des römischen Heeres. Feldherr Publius Quinctilius Varus stürzte sich vor Schmach in sein Schwert. Den Schauplatz des mehrtägigen Blutbades verorten Archäologen mittlerweile bei Bramsche-Kalkriese im Osnabrücker Land, wo Grabungen zahllose Funde aus dem Kampfgetümmel zum Vorschein brachten.
Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren" © Netflix / Foto: Katalin Vermes
„Barbaren“ verknüpft die Vorgeschichte dieser Schlacht mit dem Schicksal eines Freundestrios: Folkwin (David Schütter), Ari (Laurence Rupp) und Thusnelda (Jeanne Goursaud) sind seit Kindertagen durch einen Schwur verbunden. Während Ari und sein Bruder von ihrem Vater, einem cheruskischen Stammesfürsten, als Friedenspfand in die Hände der Römer gegeben werden, bleiben der Speerträger Folkwin und Thusnelda im Dorf zurück. Aus den Kindheitsfreunden wird bald ein heimliches Liebespaar, denn die Fürstentochter ist einem Anderen versprochen. Erst Jahre später kehrt Ari, mittlerweile Arminius genannt, in seine Heimat zurück. Als Ziehsohn des Feldherren und Statthalters Varus (Gaetano Aronica) hat er in Rom Karriere gemacht, es zum Anführer von Varus’ Hilfstruppen gebracht. Jetzt soll er dem Heerführer helfen, die germanischen Völker endgültig in die Knie zu zwingen. Auch deshalb weckt die Rückkehr in ihm zwiespältige Gefühle. In den Dörfern der untereinander zerstrittenen Germanenstämme brodelt es derweil heftig. Hohe Tribute und brutale Strafaktionen lassen Rufe nach einem Ende der Fehden und gemeinsamer Gegenwehr lauter werden. Als ausgerechnet Folkwin und Thusnelda Varus’ Standartenadler klauen, muss Arminius sich entscheiden: Wird er zum Verräter an seinem Ziehvater und hilft seinen Jugendfreunden? Der Rest ist Geschichte.
Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren" © Netflix / Foto: Katalin Vermes
Das Showrunner- und Autorenteam Andreas Heckmann, Arne Nolting und Jan Martin Scharf („Weinberg“) wählten für „Barbaren“ ein Ensemble aus sympathischen Jungmimen und serienerprobten Veteranen wie Bernhard Schütz („Eichwald, MdB“), Ronald Zehrfeld und Sophie Rois. Laurence Rupp („Vienna Blood“), 2019 mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet, gibt den zwischen zwei Welten aufgeriebenen Arminius mit schwermütigem Blick, Jeanne Goursaud („In Your Dreams“) als rebellische Fürstentochter und David Schütter („Wir sind jung. Wir sind stark.“) können sich sowohl bei verbalen Scharmützeln als auch im Kampfgetümmel auspowern. Um so misslicher, dass die unglückliche Mixtur aus hölzernem Freilufttheater-Sprech und Teenie-Soap-Gequatsche manchen Dialog vermurkst und der explosiven Dynamik des Trios viel Kraft raubt. Angesichts der ohnehin nicht sonderlich komplexen Handlung hilft da auch das im melodisch-italienischen Akzent vorgetragene Latein der römischen Legionäre wenig.
Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren" © Netflix / Foto: Katalin Vermes
Wenn obendrein eine dekorativ blutbesprenkelte Thusnelda im allerwildesten Gemetzel die Haare schön hat, Krieger porentief rein einer Latrinenzuleitung entsteigen und Lederklüfte selbst im dicksten Modder wie frisch gewienert wirken, rutscht „Barbaren“ endgültig in die Rubrik Historien-Trash ab. Dort verharrt die Serie auch beim ohne nennenswerte inszenatorische Finessen runtergekurbelten Action-Finale, in dem sich die obligatorisch brüllenden Haudegen in Zeitlupe die Köpfe einschlagen. Das ist umso enttäuschender, weil Steve Saint Leger, Regisseur der beiden letzten Episoden, bereits bei „Vikings“ hinter der Kamera Schlachterfahrung sammelte und die Darstellerriege unter anderem von Kampf-Choreograf Richard Ryan („Troja“) trainiert wurde.
Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren" © Netflix / Foto: Katalin Vermes
Das Presseecho fiel entsprechend verhalten aus, spiegel.de riet seiner Leserschaft gar: „Gucken Sie das bloß nicht.“ Das mag ein wenig zu hart sein, Serienfans, die sich für matschig angerichtete Schlachtplatten in stylish-düsterer Schietwetteroptik und hochtourigen Herzschmerz begeistern, können sich bei „Barbaren“ trotzdem leidlich amüsieren, und ein, zwei Feierabendbierchen lassen die ruckeligen Wortwechsel gleich viel flüssiger erscheinen. Dieser Auffassung waren offenkundig auch viele Netflix-User. Der Sechsteiler schaffte es an die Film- und Serienchartspitze des Streaming-Dienstes. Staffel zwei ist bereits in Planung. Vielleicht klappt’s dann ja auch mit den Dialogen.
Standbild aus der Netflix Serie "Barbaren" © Netflix / Foto: Katalin Vermes
Credits:
OT: Barbaren, D 2020, R: Barbara Eder, Steve St. Leger; D: Laurence Rupp, Jeanne Goursaud, David Schütter, Bernhard Schütz, Gaetano Aronica, Ronald Zehrfeld, Sophie Rois; L: 6 Episoden à ca. 50 Minuten, Exklusiv auf Netflix seit 23. Oktober 2020
 
 

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