Sprechstunde – die Sprachkolumne
Die europäische Sprachenfrage und das Deutsche

Illustration: Mehrere geöffnete Münder in verschiedenen Farben, teils mit Sprechblasen
Der Schlüssel zur Sprachenfrage der EU kann nur Mehrsprachigkeit sein | © Goethe-Institut e. V./Illustration: Tobias Schrank

In seinem letzten Beitrag für die „Sprechstunde“ befasst sich Henning Lobin mit der Verwendung des Deutschen in den Institutionen der EU. Was ist der Unterschied zwischen Amts- und Arbeitssprache? Welche Sprache hat sich europaweit als Lingua franca etabliert? Unser Kolumnist weiß die Antworten.

Von Henning Lobin

Die Europäische Union ist ein Babylon mit 24 Amtssprachen. Der Status und die Verwendung dieser Sprachen finden sich in einer Verordnung über die Arbeitsweise der EU. Grundsätzlich sind amtliche Dokumente in allen 24 Sprachen auszufertigen, und jede Bürgerin, jeder Bürger der EU hat das Recht, sich in einer dieser Sprachen an die Organe der EU zu wenden und darin auch eine Antwort zu erhalten. Wie ist die Lage für das Deutsche und das Englische in der EU?

Amtssprachen und Arbeitssprachen

Auch nach dem Brexit gehört das Englische aufgrund dieser Sprachverordnung weiterhin zu den Amtssprachen der EU. Irland und Malta – die beiden einzigen Länder, die das Englische innerhalb der EU als Amtssprache führen – hatten bei ihrem Beitritt das Irische und das Maltesische zwar als ihre EU-Amtssprachen benannt. Dies geschah jedoch auf der Grundlage der bereits erfolgten Setzung des Englischen nach dem Beitritt Großbritanniens im Jahr 1973, und daran hat sich auch nach dem Brexit nichts geändert. 

Amtssprache heißt aber nicht Arbeitssprache. Bei den Arbeitssprachen der EU-Organe sieht es ganz anders aus als bei den Amtssprachen: Hier sind vor allem Deutsch, Englisch und Französisch in Gebrauch. Verfahren am Europäischen Gerichtshof etwa können in jeder EU-Amtssprache geführt werden, die französische Sprache aber ist die offizielle Arbeitssprache. In der Europäischen Zentralbank ist es das Englische. Auch in der Europäischen Kommission und im Europäischen Parlament wird das Englische überwiegend als Arbeitssprache verwendet – zu Lasten der anderen Arbeitssprachen Deutsch und Französisch. Unter den europäischen Institutionen ist keine einzige zu finden, in der das Deutsche als erste oder gar einzige Arbeitssprache fungiert.  

Schon seit Jahren wird dies immer wieder kritisiert und danach verlangt, Deutsch als Arbeitssprache in den EU-Institutionen zu stärken. Parteien fordern stets aufs Neue die Gleichberechtigung des Deutschen. Manche Kommentatoren versteigen sich sogar darin, davon zu reden, dass dem „Sprachkolonialismus“ der EU endlich ein Ende bereitet werden müsse. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Deutschland viele Jahre lang in der EU keine Sprachpolitik in eigener Sache betrieben hat und in den Vorläuferinstitutionen der EU das Deutsche anfangs nicht einmal zu den offiziellen Arbeitssprachen zählte.

Die Lösung: Mehrsprachigkeit

Selbst wenn man es ablehnt, von „Sprachkolonialismus“ zu sprechen, gibt es doch eine Reihe guter Gründe für die Stärkung der deutschen Sprache in den EU-Institutionen. Deutsch wird von etwa 20 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der EU als Erstsprache gesprochen, hinzu kommen viele Millionen, die Deutsch als Fremdsprache beherrschen. Deutschland ist zudem das bevölkerungsreichste Land in der EU und zugleich der größte Netto-Zahler im EU-Haushalt. 

All das spielt allerdings in der praktischen Arbeit der EU-Institutionen kaum eine Rolle, wenn es darum geht, auf einfache und direkte Weise die Verständigung sicherzustellen. Auch wenn nach dem Brexit nur noch etwa knapp ein Prozent der EU-Bürgerinnen und -Bürger Englisch als Muttersprache spricht, ist das Englische die mit Abstand verbreitetste Fremdsprache und wird sich vermutlich auch ohne das EU-Mitglied Großbritannien als „kleinster gemeinsamer Nenner“ auf sprachlicher Ebene halten.

Der Schlüssel zur Sprachenfrage der EU kann nur Mehrsprachigkeit sein. Mehrsprachigkeit war schon immer etwas, womit Menschen konfrontiert waren: die Beherrschung der lokalen Heimatsprache und die einer Lingua franca, also einer Verkehrssprache, mit der man sich in einem größeren Zusammenhang verständigen kann. Oft kommt sogar noch eine Herkunftssprache hinzu. 

Für das Deutsche als die Sprache von mehr als 90 Millionen Menschen in den deutschsprachigen Ländern der EU kann es dabei nur um eine selbstbewusste Förderung gehen – aber zugleich auch um die ebenso selbstbewusste Anerkennung einer „Arbeitsteilung“ mit einem europäischen Englisch als einer bereits weitgehend etablierten Lingua franca.

Die Lingua franca ist keine Staatssprache

Der Gebrauch einer Lingua franca allein hat niemals zum Untergang von regionalen Muttersprachen geführt. Vielmehr sind Sprachen, die sich wie im Mittelalter das Lateinische, heute das Englische zu einer Lingua franca entwickelt haben, Entwicklungsimpulsen ausgesetzt, die sie von den verbliebenen muttersprachlichen Sprecherinnen und Sprechern nach und nach ablösen und entfernen. Das Problem des Englischen als Lingua franca besteht also weniger für das Deutsche in der Gefahr des „Aussterbens“ als für die englischen Muttersprachler*innen in der Erfahrung, dass ihnen ihre eigene Sprache „genommen“ wird. Sich von der Muttersprachlichkeit vollständig gelöst zu haben und langfristig fixiert zu sein ist ein Merkmal jeder wahren Lingua franca.

Oft wurde in der Vergangenheit gegen die Etablierung des Englischen als europäische Lingua franca eingewandt, dass dabei 65 Millionen Britinnen und Briten den ungerechtfertigten Vorteil besitzen würden, die Lingua franca nicht erlernen zu müssen. Dieser Einwand gilt allerdings seit Anfang 2020 nicht mehr. Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist formal vollzogen, und nach dem Brexit verbleibt nur noch ein kleiner Anteil von Menschen mit Englisch als Muttersprache in ihren Grenzen. Anders als während der Mitgliedschaft Großbritanniens führt dieser Anteil nicht zu einer sprachlichen Dominanz in Gremien und Ausschüssen, so dass die Voraussetzungen für eine faire Nutzung eines europäischen Englisch als Lingua franca in der EU erstmals gegeben sind.
 

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Sprechstunde – die Sprachkolumne

In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.

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