Corona Poesie
Mainz-Ode aus Kalkutta

Surendra Munshi
© Surendra Munshi

Der indische Soziologieprofessor Surendra Munshi hat ein Gedicht über die Biontech-Forscher verfasst

Von Michael Jacobs

MAINZ. Es gibt viele Lobpreisungen auf das goldene Mainz, gerade jetzt in den Fastnachts-tagen, die von der Pandemie überschattet werden. Dass aber einer der profiliertesten Intellektuellen Indiens eine Ode an die Gutenbergstadt dichtet, aus der das Licht der Hoffnung auf den unter Corona besonders leidenden Subkontinent strahlt, kommt auch nicht alle Tage vor.

Der Verfasser des Werkes, Surendra Munshi, ist emeritierter Professor für Soziologie am Indian Institut of Management in Kalkutta und einer der renommiertesten Vertreter seines Fachs in Südasien. Er hat in Bielefeld promoviert, viele deutsche Städtebesucht und sei ein Freund der Stadt Mainz, erzählt Berthold Franke, gebürtiger Mainzer und Regionalleiter des Goethe-Instituts in Neu-Dehli, der dieser Zeitung das bemerkenswerte Poem des mit ihm befreundeten Professors zukommen ließ. Auslöser für die mit Verweisen auf die Weltliteratur gespickten Verse seien die den Globus umspannenden Nachrichten über das vom Forscherpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci gegründete Mainzer Unternehmen Biontech, das als erstes einen Impfstoff gegen das Virus entwickelte hatte. Ein in Westbengalen verfasster Hymnus auf ein am Rhein geschaffenes Menschheitsserum – solch lyrische Weihen wurden selbst Millennium-Man Gutenberg nicht zuteil. Dementsprechend ist Surendra Munshis „Mainz Ode“, die er sich von Freunden aus dem englischen Original ins Deutsche hat übersetzen lassen, auch in einem hohen Dichterton gehalten, bei dem die indische Lust am Pathos rheinhessisches Frohsinnsgebabbel souverän überlagert. Die lyrische Reise beginnt an den Gestaden des Rheins, um ohne große Umwege ins Licht zu münden:

„Von deinen uralten Sanddünen
Und den alten Flussufern
Schickst du erneut eine Botschaft,
Dass du dem Frohsinn lebst,
Aber nicht vergebens.
Du hast viel zu geben.
Licht. Das Licht des Lebens.“


Dass sich der Dichter bestens mit Mainz und der deutschen Literatur auskennt, zeigt die Anspielung auf St. Stephan mit seinen biblischen, aufs Paradies verweisenden blauen Chagall-Fenstern oder die Formulierung„ Worauf es ankommt, soll gesagt sein“, die er, wie Munshiin den Fußnoten erläutert, einem Ausspruch Goethes („Gerade das worauf alles ankommt darf man nicht sagen“) während der Belagerung von Mainz 1793 entlehnt hat:

„Das glüht wie das Blau deiner Kirche.
Du zeigst, das Ende ist nahe,
Das Ende unserer dunklen Tage
Und unserer einsamen Schrecken.
Das, worauf es ankommt, soll gesagt sein:
Wir können gewinnen und leben.“


Dann kommt das Erfindergenie Johannes Gutenberg ins Versespiel, der wegen eines Konflikts zwischen Patriziern und Zünften für mehrere Jahre Mainz verlassen musste – auch das weiß der indische Gelehrte –, um nun auch das türkischstämmige Biontech-Paar Sahin-Türeci als Leitsterne in der Coronazeit auf einen Sockel zu heben:

„Gutenberg, lebtest du doch zu dieser Stunde.
Du fändest keine bessere Stadt als diese,
Um hier zu sein, nicht fortzugehen, dazubleiben.
Um Sahin zu sehen, der einem Traum folgt,
Mit Türeci und all ihren Helfern.
Um auf die zu trinken,
Die den Weg wissen in unserer Zeit,
Wie du ihn wusstest zu deiner Zeit.“


Die Aufforderung, mit einem Schoppen auf die Biontech-Helden anzustoßen, muss man den Mainzern natürlich nicht zweimal sagen – auch wenn es aus den Zeilen eines indischen Poeten und Wissenschaftlers viel feierlicher klingt. Das Goethe-Institut in Neu-Dehli jedenfalls hat seinen Mainz-Meister gefunden – und Mainz einen indischen Fan von Rang und Wortgewalt.
 

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