Chris Becher
bangaloREsident@Tasveer

Das Bild von 'dir' und 'mir':
Im Dialog mit der urbanen Jugend von Bangalore wird Medienkünstler Chris Becher eine Serie aus Fotografien und Text erarbeiten, die das gefestigte postkolonial-stereotypisierte und romantisierte Bild von Indien und dem indischen Volk aufweicht.

Chris Becher Portrait © Chris Becher Chris Becher (*1990, dt.) studierte von 2010-2016 künstlerische Fotografie an der Kunsthochschule für Medien Köln bei Beate Gütschow und von 2013-2014 im Rahmen eines DAAD-Auslandsstipendiums an der Nationalen Universität Bogotá, wo er außerdem unabhängig davon an seinem freien Langzeitprojekt «Lxs» arbeitete. Außerdem war er von 2015-2016 Young Fellow an der Akademie der Künste der Welt Köln. Seine Diplomarbeit «Boys» wurde mit dem renommierten Preis «gute aussichten - junge deutsche fotografie 2016/2017» ausgezeichnet. Darüber hinaus ist er Preisträger des «Marta Hoepffner-Preises für Fotografie» 2017 und für den Förderpreis des Landes NRW 2017 nominiert. Seine Arbeiten wurden unter anderen im Haus für Photographie in den Deichtorhallen Hamburg, im NRW-Forum Düsseldorf wie auch bereits im Goethe-Institut Nicosia, Zypern präsentiert; wurden in verschiedenen Printmedien veröffentlicht und sind zudem in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Seit Abschluss seines Studiums lebt und arbeitet er als freischaffender Fotograf und Künstler in Köln.

Seine aus primär dokumentarischen Fragestellungen entspringenden Arbeiten konzentrieren sich auf die Kombination von Text und fotografischem Bild. Beide Elemente stehen dabei in ihrer Wertigkeit und Präsentationsform gleichberechtigt und unabhängig nebeneinander. Jedoch verschieben sich die Bedeutungen und Imaginationen zwischen beiden Polen fließend und kontinuierlich; verdichten sich sogar bis zur Fiktion. In diesem Wechselspiel legen seine Arbeiten Indikatoren sozialpolitischer, kultureller wie ökonomischer Strukturen frei und stellen Gewohnheiten und Wertungen zur Disposition.
Intensive off- und online Recherche werden im Prozess durch Anwendung diverser dokumentarischer Strategien und zeitintensiver Kollaboration mit den porträtierten Personen aufgehoben. So findet ein wesentlicher Teil seiner Arbeit unsichtbar ohne Kamera statt, was schließlich auch für seine künstlerische Position von Bedeutung ist. Die Verwendung analoger Mittel- und Großformate tragen aufgrund ihrer minutiösen Handhabung zur intimen Beziehung zwischen Subjekt und ihm bei. Diese Produktionsbedingungen und seine Rolle als Autor werden als Teil der finalen künstlerischen Arbeit reflektiert und dokumentiert.

Chris Becher sieht die intensive, interkulturelle Auseinandersetzung mit soziokulturellen, ökonomischen, politischen und institutionellen Gegebenheiten sowie die Begegnung und Vernetzung mit einer Community, kulturellen und künstlerischen Szene die fern seiner eigenen Herkunft liegen, als essentiellen und erforderlichen Bestandteil seiner künstlerischen Praxis und Persönlichkeit. Speziell in Hinsicht auf die Wahrnehmung, Vorstellung und Rezeption des «Eigenen» und des «Anderen» sieht er KünstlerInnen in der Verantwortung, sich in der Komplexität der heutigen globalisierten Welt (selbst)kritisch und reflektiert mit diesen Imaginationen — die in der globalisierten Welt immer mehr zu einer sozialen Routine werden [1] — auseinanderzusetzen und diese zu hinterfragen und auszuloten, um stereotypisierte Annahmen zu konterkarieren. Fotografie und Text betrachtet er in diesem Kontext als zwei wesentliche Medien mit ambivalentem Potential.

In Bangalore wird Chris Becher in Kollaboration und im Dialog mit Lokalen an der Fragestellung arbeiten, inwiefern es für einen der indischen Kultur nicht vertrauten Künstler möglich ist, der komplexen Situation in einer sich rasant entwickelnden Lebenswelt wie Bangalore — in der Schere zwischen Tradition und Moderne — eine fotografisch-textliche Serie zu realisieren, ohne stereotypisierte, klischeehafte und romantisierte Bilder über Indien und deren Menschen zu reproduzieren und zu verfestigen. Wie verhalten sich die Beziehungen zwischen Einheimischen, länger Ansässigen und Neuankömmlingen? Dabei konzentriert er sich vor allem auf die Lebenssituation von jungen Menschen bis 35 Jahre, die in der Spanne zwischen ihrer unter traditionellen Werten aufgewachsenen Elterngeneration und heutiger globaler, digitaler Modernität herangewachsen sind. Im Vorfeld dafür trägt er bereits in Deutschland Vorstellungen über Indien von ihm selbst und weiteren Personen zusammen. Der zweite Schritt ist die Betrachtung der Situation des indischen Status quo vor Ort mit in Bangalore lebenden Menschen. So wird das Ziel sein, farbige Bilder und Texte von jungen Indern einander gegenüberzustellen, die kolonialistisch, westlich, eurozentrisch geprägte Imaginationen zu indischer Identität konterkarieren und eine alternative Lesbarkeit offerieren.

[1] Vgl. Arjun Appadurai: Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization, Minneapolis 2003, S. 5.

Abschlussbericht


Wenn wir an Indien denken, dann erscheinen uns viele verschiedene Bilder in unserer Vorstellung: für eine Person ist es Müll und Chaos, für eine andere das Taj Mahal und meditierende Babas oder auch der Geruch der Straßenküchen sowie der Geschmack von Kokosnüssen. Indien ist ein riesiges, komplexes, für viele aus dem «Westen» stammenden Menschen unterentwickeltes Land, mit dem man etwas Geduld haben muss, bis es so weit sein wird wie — ja, wie wer eigentlich, wie der Westen?
Der Diplomat, Politiker und Schriftsteller Shashi Tharoor schrieb einmal, Indien sei im Gegenteil ein hoch entwickeltes Land; ein hochentwickeltes Land im Zustand fortgeschrittenen Verfalls. Es ist diese Vorstellung, die alles auf den Kopf stellt und neu arrangiert, alles umkrempelt. Eine Vorstellung, die den latent arroganten und größenwahnsinnigen Westen in Frage stellt und gleichzeitig den Indern den Spiegel vorsetzt, die selbst nicht mehr wissen in welchem Land sie leben und den Müll den sie vor ihren Nachbarn schmeißen, bequem als «God-given» deklarieren.

Cow

Indien ist von all diesen Teilen etwas, ist vieles, und vieles mehr; aber noch lange nicht das stigmatisierte oder romantisierte, limitierte Bild welches wir in den Medien der westlichen Welt kritiklos konsumieren. Man muss kein Historiker sein, um zu erkennen, dass der Westen sich in Indien immer wieder gerne an den Früchten bediente, die er gerade benötigte: Diamanten, Exotik oder Spiritualität; worauf er sich in seine eigene Imagination verliebte und nicht mehr bereit war, die Augen für das zu öffnen, was man in Indien daneben noch finden könnte. Das Bild, das der Westen sich selbstgerecht von Indien — und auch das Indien sich vom Westen macht — ist ein verzerrtes. Indien, tief traditionsbewusst, ist ein Land das gleichzeitig unaufhaltsam gen Zukunft rast. In eine Zukunft, die immer globaler wird und die in ihrem Fortschritt dialogisch und Welten überbrückend gestaltet werden sollte.

Spot On

Vor diesem Hintergrund und daran anknüpfend sehe ich die Kooperation des Goethe-Instituts als wichtiges Bindeglied, um Künstlerinnen und Künstler aus beiden Welten zu verbinden und in Dialog zu setzen und darüber hinaus auch einen Mehrwert für Menschen zu kreieren, deren Zugang zu diesen Welten ferner ist. Meine Zeit in Indien war eine intensive und bereichernde, in der die interkulturelle Auseinandersetzung soziokultureller, ökonomischer, politischer und institutioneller Gegebenheiten und die Begegnung mit einer mir zuvor nicht vertrauten kulturelleren und künstlerischen Szene fern meiner eigenen Herkunft mich häufig vor Herausforderungen stellte. Zugleich war es ein Wachsen und erneutes Wertschätzen lernen dieser Begegnungen, die ich auf meinem Weg und als Teil meiner Persönlichkeit für Unverzichtbar ansehe und in keinem Buch nachzulesen wären. Jede Beschreibung eines Gegenstandes ist und bleibt eine Verkürzung, beruht auf Vereinfachung und Selektion. Dennoch bin ich der Meinung, dass jede ehrliche, sich einem größeren Ganzen hinzufügt und Verstehen sowie Empathie möglich(er) macht. Und so bin ich zufrieden, mit mehr Fragen und Neugier vorerst aus Indien abzureisen, als ich ursprünglich hatte und hoffe auf ein Wiedersehen. Und außerdem, dass ich auch einen Teil meiner Erfahrung und Werte an die Menschen weitergeben konnte, die mir in meiner Zeit hier begegnet sind.