DIGITAL CONCERT DIGITALKONZERT HALL

DCH SM & GS @ GI Chennai

Fr, 08.12.2017

Goethe-Institut

No.4 5th Street, Rutland Gate

600006 Chennai

In Koorperation mit den BERLINER PHILHARMONIKERN


Susanna Mälkki und Gil Shaham
Propheten, mit und ohne Vaterland – Arbeiten von Busoni, Bartók und Sibelius

Das Goethe-Institut lädt die Berliner Philharmoniker in sein Auditorium für einen besonderen Genuß westlicher Klassikmusik in Chennai.
Wir heißen Sie willkommen an dieser Digital Concert Hall in Form eines Live-Streaming von hoher Auflösung und ausgezeichnetem Klang teilzuhaben, um die beste nahezu-real Erfahrung zu erleben.

Mit dieser Vorstellung hoffen wir, einige der exklusiven Orchesterkonzerte erfahrbar zu machen, die ansonsten praktisch unerreichbar wären.

Programm
Ferruccio Busoni
Tanz-Walzer für Orchester op. 53 (13 Min.)
 
Béla Bartók
Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 Sz 112 (39 Min.)
 
Johann Sebastian Bach
Partita für Violine solo Nr. 3 E-Dur BWV 1006: Gavotte en Rondeau (4 Min.)

Jean Sibelius
Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 43 (50 Min.)Souverän bewegen sich die Werke dieses Abends mit Susanna Mälkki zwischen Vergangenheit und Zukunft. So steht Béla Bartóks Zweites Violinkonzert – Solist: Gil Shaham – in der Tradition von Beethoven und Brahms, experimentiert aber auch mit der Zwölftontechnik. Jean Sibelius’ Zweite Symphonie dagegen mischt Tschaikowsky-Anklänge mit innovativer Formgebung, während Ferruccio Busonis Tanz-Walzer schönste Kaffeehaus-Atmosphäre verbreitet.

Mit diesem Werk, das durch Walzerklänge inspiriert wurde, die aus dem Innern eines Kaffeehauses drangen (Busoni), leitet Susanna Mälkki ihr Gastspiel am Pult der Berliner Philharmoniker ein. Anschließend widmet sich die finnische Dirigentin, die gemeinhin als Spezialistin für zeitgenössische Musik gilt, Béla Bartóks Zweitem Violinkonzert, dessen Kopfsatzhauptthema von Kantabilität und weitgeschwungener Melodik geprägt ist. Das kontrastierende Seitenthema beruht auf einer Zwölftonreihe, die allerdings (ähnlich wie im Violinkonzert von Alban Berg) deutliche tonale Züge aufweist. Solist ist kein Geringerer als Gil Shaham, der immer wieder mit Größen wie Menuhin, Heifetz und Perlman verglichen wurde und zu den erklärten Bewunderern von Bartóks Musik zählt: Die Musik ist voller Kraft, aber auch empfindsam, sie ist ernst und voller Humor, revolutionär und klassisch. ... Ob er Volksmelodien adaptiert oder in der Zwölftontechnik komponiert, Bartóks Stil und Kunstverstand begeistern mich immer wieder.

Symphonisches Hauptwerk des Abends ist Jean Sibelius’ Zweite Symphonie, über die schon Karl Flodin, der führende finnische Musikkritiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts, begeistert schrieb: ... je häufiger man dieses geniale Werk hört, desto gewaltiger gehen einem seine Konturen auf, desto tiefer erscheint einem sein seelischer Gehalt und desto prägnanter werden die Anhaltspunkte, die sich für das rechte Verständnis der Komposition bieten.
Propheten, mit und ohne Vaterland - Busoni, Bartók und Sibelius

Ein Walzer für die Ewigkeit: Ferruccio Busoni
Von Busoni’s zahlreichen Schöpfungen geistern nur einige wenige als Raritäten durchs Repertoire: Jede Wiedergabe gerät zur Entdeckung. Zum Beispiel der Tanz-Walzer op. 53, den die Berliner Philharmoniker am 13. Januar 1921 unter Busonis Leitung in der (alten) Philharmonie zur Uraufführung brachten – und danach links liegen ließen: 100 Jahre Schweigsamkeit.

Wie Busoni selbst berichtete, entstand der Tanz-Walzer »zuerst scherzweise (und als Selbstprüfung eigener leichteren Fähigkeit) beim Gehen auf der Straße, veranlaßt durch Walzerklänge, die aus dem Innern eines Kaffeehauses drangen. … Das Werk ist dem Andenken Johann Strauß’ gewidmet, den der Komponist aufrichtig bewundert. Allerdings lief Busonis Walzerfolge eher auf eine Art Mega- oder Meta-Strauß hinaus. Das Leichte, Flüchtige, Altmodische des Tanzes wusste Busoni mit Sinn für Grandezza, Licht und Schatten, Klassizität und Dekadenz zu adeln, zu idealisieren, aus dem Moment ins Monumentale zu erheben. Alles hat seinen Platz in diesem Tanz-Walzer: melodische Anmut, weltmännische Eleganz, hoffmanneske Ironie, mitreißender Schwung, das böse Omen und die Melancholie des Abschiednehmens (von einer Epoche).

An dieser Kunst prallt jede Lüge ab: Béla Bartók
Unser bedeutendster Komponist ist Bartók. Zu Lebzeiten freilich galt Béla Bartók als Prophet in seinem Vaterland nur wenig. Da sein von akribischer Volksliedforschung geprägtes Verständnis der ungarischen Musik nicht im Einklang stand mit den nationalromantischen Ideen seiner Landsleute, musste sich Bartók als Kosmopolit, Antipatriot und Verderber der Jugend beschimpfen lassen. Angesichts dieser aggressiven Propaganda fühlte sich Bartók wie ein Fremder im eigenen Land: Wo die Politik anfängt, dort hören Kunst und Wissenschaft, hören Recht und Einsicht auf.  Noch ehe er ins amerikanische Exil gehen sollte, wählte Bartók den Weg der inneren Emigration.

Mit einem visionären Verständnis für das Wesen der musikalischen Logik, wie es ihm sein Schüler Sándor Veress bescheinigte, vermochte Bartók die ungeschriebenen Gesetze, die typischen Eigenarten, selbst den Vortragsstil der Volksmusik vom Einzelfall des konkreten Liedes oder Tanzes zu abstrahieren – und Kompositionen zu schaffen, denen die musikalische Folklore nicht bloß exotisches Gewürz, sondern innerer Kompass war. Das Zweite Violinkonzert ist ein solches Werk. Bartók schuf mit seiner so realen wie radikalen, tausendfach durchdachten, geprüften und geprägten Musik eine Gegenwelt, die alle Ideologien und Herrschaftssysteme nicht bloß überstand, sondern fundamental in Frage stellte. Die Diktatoren kommen und gehen, aber Bartóks musikalische Wahrheiten bleiben unangreifbar: An dieser Kunst prallt jede Lüge ab. Sie bezeugt ein Verantwortungsbewusstsein – kein Ton ist überflüssig, kein Takt unbedacht –, das schon seine Stücke für die Kleinsten, für die Anfänger am Klavier, begründet und mit demselben Ernst, mit derselben Leidenschaft bedenkt wie die avantgardistischen Kompositionen, bei denen selbst die Virtuosen ihre Grenzen kennenlernen.

Der Strom des Wassers formt den Fluss: Jean Sibelius
Sibelius’ schöpferische Anfänge standen noch im Bann der europäischen Hoch- und Spätromantik, doch trieb ihn die Auseinandersetzung mit der finnischen Mythologie und die Vertrautheit mit der heimischen Volksmusik über die romantische Epoche hinaus zu einem Aufbruch, der an Kühnheit, Originalität, Urwüchsigkeit und Fantastik seinesgleichen sucht.

Sibelius verglich die Symphonie einmal mit einem Strom: Der Fluss entsteht aus zahllosen Zuflüssen, die alle ihren Weg suchen: die ungezählten Adern, Bäche, Nebenzweige, die den Fluss bilden, bevor er breit und majestätisch dem Meer entgegen flutet. Der Strom des Wassers formt den Fluss: Er gleicht dem Strom der musikalischen Ideen, und das Flussbett, das er bildet, wäre der symphonischen Form gleichzusetzen. Dieses mythisch überhöhte Naturgesetz entzieht sich grundsätzlich der akademischen Perspektive und zentraleuropäischen Schulweisheit. Sibelius’ Symphonie setzt sich mit unbändiger schöpferischer Kraft über alle Reißbrettentwürfe hinweg und vermittelt doch das bezwingende Gefühl musikalischer Logik, ein unumstößliches. Nur so und nicht anders.
Sibelius’ musikalische Ideen klingen wie die Formeln einer magischen Beschwörung, sie geraten in den Sog eines Rituals, verfallen in den Zwischenzustand einer Trance oder steigern sich zu atemberaubender musikalischer Raserei. Am Ende waren all diese literarisch inspirierten Anfänge in den vier Sätzen der D-Dur-Symphonie aufgegangen – in einer Musik, die immer modern war und immer alt ist. Und in über 100 Jahren nicht verwelkt.
 

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