Basra Irak nach ISIS

Hartmut Quehl, Direktor Felsberg Institut spricht über Migration nach Europa und Deutschland
Hartmut Quehl, Direktor Felsberg Institut spricht über Migration nach Europa und Deutschland | © Katharina Drost, Centre for Iraq Studies, Universität Erlangen/Nürnberg

Internationale Konferenz und Studentenworkshops an der Universität Basra November 2017

Es war die bisher größte und umfangreichste Konferenz unter starker internationaler Beteiligung, die das Felsberg Institut zusammen mit der Universität Erlangen-Nürnberg und dem dortigen Zentrum für Irak-Studien vom 20. bis 23. November 2017 im Irak organisiert hat. Researcher, Dozenten und Universitätsprofessoren aus zehn Ländern kamen nach Basra, um mit Kollegen aus dem Irak den Wiederaufbau des Landes nach dem Sieg über die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu diskutieren. „Rebuilding War Societies: Irak after ISIS“ zog Politologen, Historiker, Soziologen und Ethnologen gleichermaßen an wie Juristen, Wirtschaftler und Islamwissenschaftler. Von den ursprünglich 30 Bewerbungen aus aller Welt, konnten aus finanziellen Gründen nur 22 angenommen werden. Von den ursprünglich 70 eingereichten Beiträgen von irakischen Universitäten, suchte die Universität Basra 30 aus. Als zusätzliche internationale Partner konnten die Konrad-Adenauer-Stiftung, der DAAD und das Goethe-Institut gewonnen werden. 
 
Nach Kirkuk, Erbil und zwei Konferenzen im kurdischen Suleimanija fiel die Wahl des Austragungsortes der fünften Konferenz auf Basra, der Ölmetropole im Süden Iraks. Die Stadt gilt derzeit als eine der sichersten Städte im Irak, was die Einladung einer großen Zahl ausländischer Experten (Kolumbien, Mexiko, Neuseeland, Frankreich, Holland, Iran, Großbritannien, Ägypten, Türkei und natürlich Deutschland) rechtfertigte. Drei Tage lang fanden im Konferenzsaal des Präsidenten der Universität an der Uferpromenade des Shatt al-Arab Vorträge und Diskussionen in insgesamt acht Panels statt, die thematisch geordnet waren. Deren Bandbreite reichte von der Rolle der Hochschulen im Friedensprozess nach ISIS bis zur Versöhnung auf kommunaler Ebene.
 
Zur Verwunderung der internationalen Teilnehmer der Konferenz, waren zu den Panel-Vorträgen und Diskussionen keine Studenten eingeladen. Diese trafen sie dann erst am letzten Tag, als das Verbindungsbüro des Goethe-Instituts in Erbil sechs Workshops für Studenten organisierte. Die Fakultät für Wirtschaft und Administration, mit 7.000 Studierenden das größte College der Universität Basra, stellte drei Vorlesungsräume zur Verfügung, wo jeweils drei Workshops parallel stattfanden. Insgesamt waren 388 Studenten aus unterschiedlichen Fakultäten gekommen, um den Dozenten aus Deutschland, Frankreich, Kolumbien und Holland zuzuhören. Eine vorausgehende Umfrage unter den Studenten ergab, dass vor allem zu deutschen Themen Interesse bestand. So referierte Gerd Hankel vom Institut für Sozialforschung in Hamburg über das Thema Wiederaufbau nach 1945 und Wiedervereinigung nach 1989 über Stärken und Schwächen der Prozesse, über Geglücktes und Missglücktes. Hartmut Quehl, Direktor des Felsberg Instituts, beschäftigte sich mit der Frage der Migration zunächst aus der globalen Perspektive, dann aus Sicht der Europäischen Union und ging schließlich auf die Situation der Iraker in Deutschland ein. Shirin Bahadir von der Freien Universität Berlin warb in ihrem Workshop für ein studentisches Netzwerk mit irakischen und deutschen Studenten, das als Brücke zwischen den beiden Ländern für mehr Verständigung und Austausch sorgen soll.

Stéphane Valter von der Universität Le Havre stellte zu Anfang seines Workshops über interkulturellen Austausch gleich die Frage nach der Definition von Kultur und landete schnell bei einer heftig kontroversen Diskussion über das Tragen des Schleiers in der Öffentlichkeit. Seit über einem Jahr verbietet Frankreich den Gesichtsschleier für Frauen, was bei den Studenten ein unterschiedliches Echo hervorrief. Rebean Al-Silefanee von der Universität Utrecht in Holland gestaltete seinen Workshop als Seminar über junges Unternehmertum. Der gebürtige Kurde brachte die neue Unterrichtsmethode aus Europa mit, indem er die Teilnehmer zum Mitgestalten aufforderte. Diese sind bis jetzt an Frontalunterricht gewohnt, so dass einige Studenten den Seminarraum irritiert verließen, andere aber begeistert ein Model aus Fäden und Steinen mitbauten. Verständigungsschwierigkeiten gab es auch bei Manuela Barrero Gonzalez, die über den Friedensprozess mit den Rebellen in Kolumbien referierte und darlegte, wie ihre Universität Rosaria in Bogota hilfreich eingreifen konnte. Als allerdings die Fragen nach Parallelen zur Entwicklung im Irak laut wurden, musste die junge Kolumbianerin passen und der Dolmetscher sprang ein.
 
Beim Mittagessen wurde dann der Wunsch nach weiteren Workshops für Studenten laut und die Kritik an der Universitätsleitung, Studierende bei Konferenzen außen vor zu lassen und sie nicht mit einzubinden. Auch wurde über die veraltete Methodik des Unterrichts und das sinkende Niveau generell an irakischen Hochschulen geklagt. Zum Abschluss wurden die internationalen Teilnehmer der Konferenz zur Graduiertenfeier ins Sportstadion eingeladen, wo mit viel Pathos und Pomp die Studienabschlüsse gefeiert wurden. Der Aufmarsch der einzelnen Fakultäten und die Parade durch das Stadion hatten einen Hauch von Olympia.
 
Basra, im Dezember 2017
Birgit Svensson