Literatur Inana 2

Basra Merbad
Goethe-Institut, Verbindungsbüro Erbil

Der zweite Band der Anthologie irakischer Schriftstellerinnen vereint drei Generationen und ist rein irakisch
 

Es hat länger gedauert als gedacht. Über 70 Texte wurden eingeschickt, mussten gesichtet, bewertet und ausgewählt werden. Die Auswahl fiel sehr schwer: neun Kurzgeschichten und 17 Gedichte schafften es in das Buch. Dabei liegt der Anteil an Prosa deutlich höher als beim ersten Band. Dazu kamen sechs Texte von jungen Nachwuchsautorinnen, die in einem Auswahlverfahren durch eine hochkarätig besetzte Jury am Ende einer Schreibwerkstatt bestimmt wurden. Dem Nachwuchs eine Chance geben, ist das Motto der eigens dafür im Buch eingerichteten Rubrik. Nun ist Inana 2 also fertig, gedruckt in Basra. Der zweite Band der Anthologie zeitgenössischer irakischer Schriftstellerinnen liegt zunächst auf Arabisch vor.
 
Inana 2 ist vielfältiger als der erste Band und umfasst drei Generationen von Autorinnen. Kulturminister Abdelamir al-Hamdani persönlich stellte die Anthologie vor im Rahmen des berühmten, jährlich stattfindenden Lyrikfestivals „Mirbed“ in Basra. Insgesamt 15 der 32 Schriftstellerinnen waren in Basra präsent und auf der Bühne des großen Saals im Hotel Basra International, wo die Festival-Aktivitäten hauptsächlich stattfinden. Besonderes Augenmerk legte der Minister auf die jungen Schriftstellerinnen, da er damals in seiner Funktion als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes Nasarija in der Jury über die Prämierung der besten Texte befand und nun anregte, mehr für den Schriftstellernachwuchs zu tun. Dies gelte sowohl für weibliche als auch männliche Autoren.
 
Am Tag nach der Präsentation des Buches bei „Mirbed“, erhielten die Schriftstellerinnen Gelegenheit ihre Texte der Öffentlichkeit im Kulturhaus Basra vorzustellen. Dabei zeigte sich die Vielfalt umso mehr: die Zeiten Saddam Husseins und das zermürbende Embargo nach dem Kuwait-Krieg, die amerikanische und britische Invasion 2003, der Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und schließlich das Kalifat der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Alles fand Eingang in die Lyrik und Prosa der Frauen, die diese Epochen unterschiedlich durchlebten, reflektierten und aufschrieben. Der zweite Inana-Band ist ein Querschnitt dieser Epochen, ein Zeitdokument der neueren irakischen Geschichte, immer auch verbunden mit der antiken und historischen Vergangenheit. Nicht umsonst wurde „Mit den Augen von Inana“ als Titel gewählt – die berühmteste Göttin der Sumerer, widersprüchlich in sich und ihrem Wesen. Inana steht für Liebe und Krieg, für Fruchtbarkeit und Vernichtung. Für die jungen Autorinnen war es in Basra zuweilen das erste Mal, sich vor einem Publikum mit ihren Texten zu präsentieren, Fragen zu beantworten und Fernsehinterviews zu geben. Acht Fernsehsender schickten ihre Vertreter, zwei Zeitungen und Rundfunkanstalten waren anwesend.   
 
Nach Basra wurde Inana 2 auch in Bagdad vorgestellt. Die Eröffnung des Internationalen Marktes der Poesie Ende Juni wurde zum Inana-Tag. Im französischen Kulturzentrum – Institut Francais – auf der Abu Nawas Straße am Tigrisufer, versammelten sich französische, deutsche und irakische Schriftsteller und Schriftstellerinnen, um sich kennenzulernen, sich auszutauschen, miteinander Tee zu trinken und zu diskutieren. Nach den Willkommensworten des Deutschen Botschafters in Bagdad, Cyrill Nunn, dem Generaldirektor für ausländische Beziehungen im Kulturministerium, Falah al-Aini und dem Stellvertreter des französischen Botschafters in Bagdad, Jean-Noel Bonnieu, wurde Inana 2 erstmals in Bagdad gelesen. Der Leiter des Goethe Instituts im Irak, Thomas Kößler zusammen mit Mitherausgeberin Amal Ibrahim hoben die Bedeutung der Anthologie für die Frauen hervor, die dadurch ein Werkzeug erhielten, ihre Gefühle, Bedürfnisse, Sorgen und Nöte niederzuschreiben und zu verarbeiten. Außerdem sei Inana für viele der Autorinnen das „Fenster zur Welt“, wie Amal Ibrahim betonte.
Während Inana 1 auch irakische Schriftstellerinnen aus dem Exil berücksichtigte, ist Inana 2 jetzt rein irakisch. Das heißt, alle Texte sind von Autorinnen im Irak geschrieben, alle leben und arbeiten im Zweistromland. Wer wissen will, was Frauen im Irak denken und fühlen, bekommt durch Inana 2 einen tiefen Einblick.
 
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion nach der Präsentation in Bagdad ging es um die Frage der Rolle von Lyrik in der Literatur. Der Irak als klassisches Lyrikland wandelt sich. Ghada al-Amely, Generaldirektorin des irakischen Medienkonzerns „Al Mada“ und Verlegerin irakischer und internationaler Literatur stellte fest, dass vor allem junge Leute derzeit lieber zum Roman als zur Lyrik greifen. Gleichwohl, so Amely, haben Gedichte noch immer einen festen Platz in der Literaturszene Iraks. Doch ihre Bedeutung lässt nach. Eine Mischung aus Kurgeschichten und Lyrik wie in Inana 2 hält sie deshalb für zeitgemäß. In Frankreich dagegen frönt Lyrik ein absolutes Nischendasein, wie Nadine Agostini, Poetin aus dem südfranzösischen Toulon bemerkte. „Romane dominieren alles“, so Agostini. Dagegen habe in Deutschland die Lyrik gerade eine Renaissance, weiß Sylvia Geist aus Berlin. Bei der Buchmesse in Leipzig im Frühjahr wurde der Buchmessenpreis an einen Poeten verliehen und auch sonst seien vor allem die digitalen Medien gut geeignet, Lyrik zu kommunizieren. Sie selbst, obwohl nicht gerade affin für soziale Medien, habe sich durch Facebook & Co eine neue Fangemeinde erschließen können. Lyrik im Internet sei attraktiv, so Geist. Alle Teilnehmer waren sich einig, dass das Internet sie näher zusammenbringt und internationalisiert. Für Inana 2 ist jetzt ebenfalls das digitale Zeitalter angebrochen. Mit dem „Markt der Poesie“ in Bagdad gingen die Augen von Inana online. (http:\\inanaeyes.org) Das Buch kann im Internet bestellt werden.