Baghdad Walk Kunstspaziergang am 16. und 17.11.2018

Bagdad Walk
Goethe Institut Verbindungsbüro Irak

Eine riesige Plastikkugel liegt in der Mitte der Straße und blockiert den Verkehr. Ameen Mokdad beobachtet und dokumentiert, wie Autofahrer und Bewohner auf die Schmutzkugel reagieren. Manche gleichgültig – nur ein weiteres von vielen Hindernissen. Andere packen handfest an, um die Straße freizuräumen. Ameen Mokdad hat die 1.000 Wasserflaschen, aus denen die Kugel besteht, von der Straße eingesammelt und möchte mit seiner Intervention auf die enorme Müllverschmutzung auf Bagdads Straßen aufmerksam machen. Den Ort hat er gewählt, weil Karada Dachel als florierende Einkaufsmeile das Herz der Stadt ist und das Kunstcafé Ridha Alwan Gäste einer sozial diversen Kundschaft unter einem Dach vereint. Es sind die Einwohner Bagdads selbst, die eine Veränderung erreichen können.
 
Nach wie vor wird der öffentliche Raum in Bagdad durch die westlichen Medien vor allem als Risikozone wahrgenommen. Dennoch: Das Stadtbild, seit Jahren durch T-Walls und von Stacheldraht umzäunten Checkpoints geprägt, beginnt sich seit 2018 langsam zu wandeln. Mauern werden abgebaut, Zugänge zu Parks und Stadtviertel wieder freigeräumt. Der öffentliche Raum in Bagdad will zurückerobert werden.
 
Ganz in diesem Zeichen stand die neueste Ausstellung zeitgenössischer Kunst junger irakischer Künstler: BAGHDAD WALK war eine Gruppenausstellung mit 13 Kunstwerken von 12 irakischen Nachwuchskünstlern, die am 16. und 17. November 2018 an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum in Bagdad präsentiert wurde.
 
Der Kunst-Spaziergang, unter Führung der jeweiligen präsentierenden Künstler, begann im Irakischen Freien Filmzentrum in der Rascheed-Straße, ging die Rascheed-Straße weiter bis zum Midan-Platz, verband die Karada-Dachel-Straße mit dem Tahrir- und Teyeran-Platz, folgte der Abu-Nawas-Straße vom Abu-Nawas-Theater bis zur Abu-Nawas-Statue über den bekannten Kahramane-Platz bis hin zum Künstlertreffpunkt Ridha Alwan. 13 Kunstwerke, die das aktuelle Leben im Irak reflektieren sollen, fanden ihren Platz auf den Straßen von Bagdad und wurden dort sowohl vom fachkundigen Publikum als auch von den zahlreichen Passanten begeistert aufgenommen.
 
Und BAGHDAD WALK war nicht nur eine mobile Ausstellung. Zugleich war das Projekt eine erzählende Stadtführung mit Hintergrundinformationen zu den gewählten Orten: Jeder Künstler stellte eine Beziehung zwischen der Präsentation seines Kunstwerkes und dem Ausstellungsort her. Was verbindet das Kunstwerk mit diesem Ort oder mit der Geschichte dieser Straße? Die Stadt Bagdad wurde neu erzählt durch die Augen jener, die hier aufgewachsen sind und ihre Zukunft in der Stadt sehen.
 
Die junge Künstlerin Tabarek Al Atrackchi hat arbeitende Straßenkinder malen lassen und sie befragt, wovon sie träumen. Die meisten Kinder kannten nicht einmal das Wort "Traum". Sie präsentierte die Zeichnungen der Straßenkinder auf einer großen weißen Box. Daneben steht ein Arabana-Wagen (eine Art Schubkarre, mit dem Waren transportiert werden), beladen mit Wasserflaschen, Kaugummis, Scheibenreinigungsmaterialien, all das, was den Broterwerb von diesen Kindern widerspiegelt. Tabarek Al Atrackchi kritisiert Kinderarbeit. Der Ort spiegelt einen weiteren, für Bagdad typischen Gegensatz wider: ein staatliches Kunstmuseum, 1962 eröffnet, inmitten eines riesigen Basars, Diebe und Tagelöhner versammelnd.
 
BAGHDAD WALK war ein Projekt des Goethe-Institut Irak, in Kooperation mit dem Berliner Institut für Raumexperimente und TARKIB Bagdad, Institut für Zeitgenössische Kunst.
 
Es war das Ergebnis einer Reihe von Workshops und Seminaren per Skype zum Thema "Zeitgenössische Kunst" unter der Leitung von Christina Werner vom Institut für Raumexperimente. Neben Christina Werner tauschten sich Künstler in Bagdad online mit Olafur Elliason, Raul Walch und Vlado Velkov in Berlin aus. An den sechs Seminaren nahmen insgesamt 17 irakische Künstler teil.