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von Anas Abdulsamad aus Bagdad
Befreite Städte, befreite Körper

Anas W
Salam Yousry © Goethe-Institut

Anas Abdulsamad wurde 1974 in Bagdad geboren. Er hat einen Bachelorabschluss von der Fakultät der Schönen Künste der Universität von Bagdad und ist derzeit Direktor der Impossible Theatre Group. Diese heute 16-köpfige Theatergruppe wurde 1996 gegründet und arbeitet in erster Linie mit Körpersprache. Die Gruppe ist in vielen Ländern aufgetreten und hat Preise gewonnen.

Befreite Städte, befreite Körper ist ein von Aktionsbühne Irak unterstütztes Theaterprojekt. Es wurde 2018 fertiggestellt und in zahlreichen irakischen Städten, wie Bagdad, Basra, Kirkuk, Diyala und Falludscha, aufgeführt. Für das Projekt werden Menschen ohne nennenswerte Schauspielerfahrung in der jeweiligen Projektstadt rekrutiert und in Workshops schauspielerisch ausgebildet, um schließlich bei einer Theateraufführung mitzuwirken. In den Workshops ergründen Teilnehmende ihre Ideen und Träume und wandeln sie schließlich in eine Performance um. Ziel des Projekts ist es, bestehende Geschlechtertrennungen im Irak aufzubrechen. Frauen, aber auch Männer, haben sich im Zuge des Krieges und der Stärkung religiös-konservativer Gesellschaftsnormen vielfach vom Theater zurückgezogen, sagt Anas.
 
In manchen Städten, wie Basra, wo das Theaterstück mit großem Erfolg an der Fakultät für Schöne Künste präsentiert wurde, habe es glücklicherweise trotzdem eine hohe Beteiligung von Frauen an den Workshops und der Aufführung gegeben. Auch in Falludscha zog das Projekt eine beträchtliche Anzahl von Frauen an – sogar sehr konservativ gekleidete in Niqab und Hidschab. Dennoch sei es für Anas eine Herausforderung gewesen, mit der Atmosphäre in einer so strenggläubigen Stadt umzugehen. In Diyala, Kirkuk und anderen Städten waren sowohl die Beteiligung als auch der Auftritt ein Erfolg. Insgesamt war die Rezeption des Projekts ausgezeichnet. Zu Anas Freude wurden viele Teilnehmende nach der Projektteilnahme selbst zu Trainerinnen und Trainern.
 
In jeder Projektstadt machten die Trainerinnen und Trainer Werbung für die Teilnahme am Workshop und Theaterstück. Anas wandte sich dabei auch an sehr abgelegene Dörfer und Grenzgebiete. Die aus dem Workshop resultierende Theateraufführung dauerte etwa vierzig Minuten und beinhaltete Musik. Sie wurde in Städten, Dörfern und an öffentlichen Plätzen aufgeführt. Die Teilnahme stand allen offen, die ihre Ideen und Träume gerne in dieser Form realisiert sehen wollten.
 
Die Motivation für das Projekt lag in der merklichen Abwesenheit von Frauen im öffentlichen Raum, nachdem Fundamentalismus und konfessionsbedingte Konflikte die Stadt in den letzten Jahren geprägt hatten. So strebten Anas und sein Team danach die Jugend zusammenzubringen und ihre frischen, befreienden Energien zu entfesseln. Das Projekt hinterfragt das Konzept physischer Freiheit: Einerseits ist es wahr, dass die Städte des Iraks vom sogenannten Islamischen Staat (ISIS) befreit worden sind – kann aber dasselbe von den Körpern gesagt werden? Das Theaterstück basiert allein auf Körpersprache, Verbalisierung ist nicht nötig. Deshalb ist das Stück für alle Menschen über sprachliche Grenzen hinaus zugänglich.
 
Anas glaubt, dass das Theater, trotz einer langen, reichen Geschichte, seine Freiheit und somit Fähigkeit, ein wirklicher Ausdruck menschlichen Denkens zu sein, schon länger verloren hat. Dafür sei die Überwachung und Zensur unter dem Ba’ath-Regime verantwortlich. Nach 2003 sei aber, trotz aller Nachwirkungen des Krieges, eine neue Tür geöffnet worden und auch wenn die Sicherheitslage im Irak noch immer fragil sei, deute die nun vorhandene Freiheit aus einem vielfältigen Repertoire an Schauspielstilen zu wählen, auf einen Wandel hin.

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