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von Hemin Hamed und Sherko Abbas aus Erbil und Sulaymaniyah
The Memory of the Place Returns in a Historical Context

The Memory of the Place Returns in a Historical Context von Hemin Hamed und Sherko Abbas
Salam Yousry © Goethe-Institut

Sherko Abbas ist ein kurdisch-irakischer Künstler. Er wurde 1978 im Iran geboren, wohin seine Familie geflüchtet war, kehrte jedoch mit zwei Jahren in den Irak zurück. Er studierte Kunst in Sulaymaniyya und machte seinen Master of Fine Arts am Goldsmiths College der University of London (2015). Er arbeitet mit verschiedensten Medien und Kunstformen, wie Video, Performance, Bildhauerei und Ton, um das akustisch-visuelle Gedächtnis und die geopolitische Situation des gegenwärtigen Iraks darzustellen.
 
Hemin Hamid ist 1973 in Erbil geboren und dort aufgewachsen. 1997 studierte er am Institut für Schöne Künste an der Universität in Erbil und absolvierte später einen Bachelor in Kunst an der Universität von Sulaymaniyya. Hemin hat seine Kunst und Forschung bereits in verschiedenen Ländern der Welt ausgestellt, unter anderem in Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Das Projekt von Sherko Abbas

Sherkos Projekt beschäftigt sich mit dem Gefängnis Amna Suraka in Sulaymaniyya, einem Symbol für die Hinrichtung, Inhaftierung und Folter kurdischer Dissidentinnen und Dissidenten durch das Saddam-Regime.
 
Alles beginnt mit der vagen Erinnerung an einen Caravan, den Sherko vor dem aufgebrochenen Gefängnis nach der Befreiung der Stadt 1991 gesehen haben will. Er war damals elf Jahre alt, aber das Bild dieses Wagens, vollbepackt mit bunter Damenbekleidung, Unterwäsche, Verhütungspillen und anderen derartigen Produkten, hat sich bis heute in sein Gedächtnis eingebrannt. So beschloss er Jahre später, im Jahr 2008, der Sache nachzugehen und die Geschichte erneut zum Leben zu erwecken. Seitdem sammelt er Dokumente und Hinweise, um dem Caravan auf die Spur zu kommen, der während der Aufstände damals einige Tage lang im Hof des Gefängnisses gesichtet worden ist. Danach verschwand er jedoch spurlos und mit ihm fast jede Erinnerung.
 
Das Amna Suraka Gefängnis, seine beengende und beängstigende Architektur und seine brutale Geschichte haben Sherko in ihren Bann gezogen, weshalb er seine Beweissuche auf alle Geschichten, die im Zusammenhang mit diesem Gebäude stehen, ausgedehnt hat.
 
Für Sherko ist Kunst eine Plattform zur Darstellung der Realität und Wiederbelebung früherer Geschehnisse. Er will den Geschichten des Amna Suraka Gefängnisses Raum und Stimme geben, ihnen ein Denkmal setzen und sie als Teil der Historie des Gebäudes dokumentieren.
 
Ein Teil von Sherkos Projekt, heißt „Papierfigurenaussage“ und ist die experimentelle Dokumentation zu den Geschichten der Frauen, die in diesem Gefängnis lebten. Ein weiterer Teil ist Karte auf Karte, bei dem er sich mit den Fußballspielern beschäftigt, die das Gelände nutzten, bevor hier Amna Suraka stand – ein Gefängnis, das in der Geschichte von Verfolgung und Folter politischer Aktivistinnen und Aktivisten der Stadt berüchtigt war. Eine noch erhaltene Landkarte dokumentiert diesen übergangenen Teil der Geschichte.
 
Sherko interessiert sich für Geschichten, die schnell in Vergessenheit geraten. Er will sie zurück ans Licht bringen, ihnen eine Plattform geben und als Realität zurückholen.
 
Sein Projekt ist eine Sammlung von Fotos, Entwürfen und Karten sowie zwei Dokumentationen. Er nutzt den Augenzeugenbericht seines Vaters, der die Befreiung des Gefängnisses filmte, um Entwürfe des Caravans anzufertigen.
 

Das Projekt von Hemin Hamid

Hemins Gemeinschaftsprojekt mit Künstler Sherko Abbas handelt von der Misere jener Menschen, die einst in der Zitadelle von Erbil und im Amna Suraka Gefängnis in Sulaymaniyya gelebt haben. Es zeigt, wie im Rahmen der Restauration und Transformation dieser Orte die Erinnerungen an diese Menschen ignoriert und ausgelöscht wurden.
 
Die Zitadelle von Erbil, erbaut an einem der ältesten durchgängig besiedelten Orte der Welt, ist seit Jahrtausenden bewohnt. In verschiedenen Bereichen der Zitadelle sind Restaurationen durchgeführt worden, die letzte vor wenigen Jahren. Mehr als 800 Familien wurden dafür umgesiedelt und entschädigt. Als Hemin jedoch begann mit ihnen für dieses Projekt zusammenzuarbeiten, erfuhr er, dass sie die Zitadelle vermissen und ihren Umzug bedauern. Dies verlieh dem Projekt wichtige Impulse.
 
Hemin kritisiert die Restauration der Zitadelle und den Mangel an Forschung, der sie begleitete; die lange Geschichte der Menschen, die hier wohnten, sei unberücksichtigt geblieben. Nun, da die Zitadelle zu einem Museum werden soll, hält es Hemin für ungerecht, die Erinnerungen der Menschen an diesen Ort außen vor zu lassen und ihre Erfahrungen damit auszulöschen.  
 
Hemin schuf ein kleines Modell der Zitadelle aus Lehm, das ausschließlich auf den Erinnerungen ihrer ehemaligen Anwohnerinnen und Anwohner basiert – also ganz ohne Fotos. Dieses Modell verwendet er neben Malerei und Performance für sein Projekt.
 
Das Projekt wurde im April 2019 in Erbil ausgestellt und im Anschluss plant Hemin die Präsentation in Sulaymaniyya.
 
Hemin und Sherkos Arbeit betrachtet die Restauration und Transformation der Zitadelle von Erbil und des Amna Suraka Gefängnisses in Sulaymaniyya, besonders die Art, wie mit ihren ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern und deren Erinnerungen umgegangen wird, mit kritischem Blick. Die Künstler glauben, dass die Behörden diese Leben, Erfahrungen, Erinnerungen und materiellen Überreste nicht zerstören, sondern erforschen und in die Museen integrieren sollten. Die Transformation eines Ortes und Narration seiner Geschichte seien keine neutralen Handlungen, denn politische Vorurteile und Macht entschieden, wessen Geschichte bewahrt und wessen ausgelöscht werde.

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