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Kulturproduktion im Irak: Zwischen Zerstörung und Wiedererwachen

Spotlight Irak ist eine Förderung für die im Irak lebenden Kulturschaffenden
Foto: Hella Mewis

Jeder Versuch, über Kunst und Kultur im Irak zu sprechen, ist eine nicht unbeachtliche Herausforderung. Akteurinnen und Akteure und ihre Werke können von den schmerzlichen Geschehnissen, die die moderne Geschichte des Landes zeichnen, nicht isoliert betrachtet werden: 40 Jahre Diktatur, gefolgt von Kriegen, Sanktionen und Konflikten zwischen den Konfessionen haben den Irak gezeichnet.

Von Houzan Mahmoud

Die Spuren der Militarisierung der irakischen Gesellschaft durch den ehemaligen Diktator Saddam Hussein sind bis heute in allen Bereichen des Lebens sichtbar, nicht minder in der Kulturproduktion. Meine Generation, die in dieser Ära aufgewachsen ist, wird auch jetzt noch von den Erinnerungen an diese schreckliche Zeit gequält. Der Erste Golfkrieg und die Invasion des Ba’ath-Regimes in Kuwait im Jahr 1990 hatten die Zwangseinberufung unzähliger Männer in die irakische Armee zur Folge. Auch das kulturelle Leben wurde militarisiert. Überall in der Öffentlichkeit erschienen riesige Bilder, Poster und Statuen Saddam Husseins. Sein Antlitz bedeckte auch die Wände in den Büros der Militärlager und Trainingsgelände, daneben seine Zitate: „Des Trainings Schweiß verringert des Krieges Blut“. Auch die Dienste Kunstschaffender wurden für die Propaganda in Anspruch genommen. In schönster Kalligrafie schrieben sie Parolen, die da lauteten: „Ein loyaler Iraker ist ein loyaler Ba‘athist“ oder „Mit unseren Seelen und unserem Blut opfern wir uns für dich, Führer Saddam Hussein“. Überall auf den Straßen und Plätzen und in den Medien begleiteten diese Parolen die Bilder des Diktators.
 
Abbilder und Statuen Saddam Husseins zeigten ihn stets als unsterblichen Gott. Der Irak hatte nicht nur einen Saddam, sondern Millionen von Saddams; eine Allgegenwart, die von unendlich oft kopierten und multiplizierten Kunst- und Kulturproduktionen in allen medialen Formen – visuell, akustisch, schriftlich – ermöglicht wurde. Die Armee schien legendär, mit der Stärke von Millionen von Männern – während sie in Wirklichkeit im Ersten Golfkrieg keine Woche standhielt.
 
In einem kürzlich geführten Interview im Rahmen von Aktionsbühne Irak sagte der renommierte irakische Romanautor und Drehbuchschreiber Hasan Falih: „Unter dem Regime Saddam Husseins wurde das Land militarisiert und alles in den Dienst des Diktators gestellt, so auch Dichtung, Musik, Fotografie, Literatur, Filme und Medien. Obwohl der Irak noch immer viele Probleme hat, ist die Situation kaum mit damals zu vergleichen“.
 
Das Regime nutzte jeden Aspekt menschlicher Kreativität, auch Sprache, um die Position des Diktators und die Idee seiner ewigen Existenz zu stärken, oft indem es Kunstschaffende und Kulturinstitutionen mittels Zensur zur Unterwerfung zwang.
 
Und doch gab es Künstlerinnen, Schriftsteller, Filmemacherinnen und Intellektuelle, die nicht gewillt waren, sich dieser Militarisierung zu fügen; sie hielten sich stattdessen bedeckt und arbeiteten mit Abstraktion und Symbolik. Da das Risiko verhaftet und hingerichtet zu werden enorm war, sollte ihre Arbeit in irgendeiner Weise als regimekritisch verstanden werden, mussten sie mit großer Vorsicht agieren.
 
Viele Kunstschaffende gaben ihre Arbeit auch auf und begannen, anderweitig ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Einer dieser Künstlerinnen und Künstler war Kamaran Hussni, ein wahrer Filmpionier der 1950er-Jahre. In seinen Filmen ging es um das Leben der irakischen Straße, um die Menschen der Arbeiterschicht und um die Armen. Als die Ba’athisten in den 1970ern an die Macht kamen, hing Kamaran seine Karriere an den Nagel und eröffnete das Restaurant Ali-shish in Bagdad. Später verließ er den Irak ganz und ging nach Amerika.
 
Mit der Entstehung der Einparteienherrschaft der Ba’athisten erreichte die Zensur von Kreativität und Kritik ihren Höhepunkt. Der Bagdader Psychiater Anwar Jabbar Mowat, dessen philosophische Gedichte von Aktionsbühne Irak gefördert werden, sagte in einem Interview: „Nur durch Philosophie können Menschen zu Visionären werden und ihre Abwesenheit in den verschiedenen Sphären des täglichen Lebens – Gesundheit, Bildung, Wirtschaft, Politik – hat zu Chaos geführt“.
 
Ein weiteres dunkles Kapitel war für viele Irakerinnen und Iraker das Leben unter dem sogenannten Islamischen Staat (ISIS) in Teilen des Iraks. Das größte Leid erlitten hier diejenigen, die die Terrormiliz nicht als „richtige  Musliminnen und Muslime“ anerkannte. Neben den menschlichen Tragödien und Katastrophen, die sie zurückließ, war sie verantwortlich für die Zerstörung von Kunst, Musik und jahrhundertealten archäologischen Schätzen. Die Videos und Bilder von langbärtigen ISIS-Terroristen, die altertümliche Statuen und Stätten verwüsten, schockierten die Welt und zeigten, dass alle Formen von Kunst und Kultur in der Region unter anhaltender Bedrohung standen.
 
In meinen Interviews für Aktionsbühne Irak hatte ich die Gelegenheit, mit zahlreichen irakischen und kurdischen Kunstschaffenden über ihre Bestrebungen, die Denkweisen der traumatisierten Gesellschaft zu verändern, zu diskutieren. Unter anderem sprachen wir darüber, wie Menschen mit Trauma, Zerstörungen und neuen Problemen während und in der Folgezeit von Konflikten umgehen und wie sich dies in verschiedenen Phänomenen wie Geschlechterungerechtigkeit, Frauenrechtsverletzungen, ethnischen Spannungen und religiösem Fundamentalismus niederschlägt.
 
Einen interessanten Ansatz verfolgt zum Beispiel der kurdische Anthropologe Hemin Khasraw in seinem von Aktionsbühne Irak geförderten Projekt. Durch das Zeichnen von Comics sollen Menschen aus Mossul und Singal, die die Herrschaft des sogenannten Islamischen Staates (ISIS) überlebt haben, ihr Trauma verarbeiten, Widerstandsfähigkeit aufbauen und kritisches Denken entwickeln. Viele Kunst- und Kulturschaffende reagierten auf die konfessionsbasierten Spaltungen im Irak auf ebenso kreative wie überraschende Arten. Jameel Al-Jameel aus Karakosch in Ninive hat einen Gedichtband veröffentlicht, der die ethnische und konfessionelle Vielfalt der in der Region beheimateten Populationen und die Schönheit ihrer Koexistenz widerspiegelt. Er enthält Gedichte in den Sprachen der Jesiden, Christen, Kurden, Araber, Akkader, Kaka’i und Schabak und arabische Übersetzungen. Diese Idee fand sich auch in der Arbeit einer anderen von Aktionsbühne Irak unterstützten Künstlerin wieder, Noor Al Huda Faraj, aus dem südirakischen Basra, einer Stadt, in der Frauen noch immer unter den fundamentalistischen und repressiven Haltungen der Gesellschaft leiden. In ihrem Theaterstück Used Doll Store beschäftigt sie sich mit menschlicher Vielfalt, der Angst vor dem Unbekannten und wie Menschen Abneigungen gegenüber Dingen entwickeln, die sie scheinbar gar nicht verstehen wollen.
 
All diese Künstlerinnen und Künstler, aus Kurdistan im Norden bis Basra im Süden, haben etwas gemeinsam: Sie reagieren auf kreative und inspirierende Art und Weise auf die vielen Konflikte und Umwälzungen in ihrer Region. Sie sind der Beweis für das Wiedererwachen von Kunst und Kultur im Irak und gehören zu jener neuen Generation, die sich danach sehnt, die dunklen Kapitel der Geschichte des Landes hinter sich zu lassen.

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