Halabja: „Musik ist die Medizin der Seele“

Schülerin spielt im Oktoberkonzert Gitarre in Halabja
Albaqer Jafeer © Goethe-Institut Irak

Von Schluwa Sama

„Musik ist die Medizin der Seele“, so erklärt ein Vater aus Halabja warum er seine zwei Töchter in die neu entstandene, vom Goethe-Institut Irak geförderte Musikschule in Halabja schickt. Die Musikschule ist ein Projekt von Kak Azad (Kaka ist eine respektvolle Anrede auf Kurdisch). Kak Azad hat die Schule im Jahre 2018 gegründet. Er stammt selber aus Halabja und hat in den 1970ern im Bagdader Orchester mitgespielt. Als Teil der Bevölkerung Halabjas traf auch ihn der Giftgasangriff von 1988 bei dem 5000 Menschen auf einen Schlag getötet wurden. Kak Azad konnte damals fliehen und erzählt davon, wie Musik ihn auch in schweren Zeiten begleitet hat. Im Flüchtlingslager im Iran spielte er für seine Umgebung weiter. Heute ist es sein Traum Musik wieder zurück unter die Jugend von Halabja zu bringen und ein Konzert in Halabja zu organisieren.

Halabja wird in Kurdistan und auch international fast nur mit dem tragischen Giftgasangriff von 1988 in Verbindung gebracht. Daran erinnert auch das von der KRG (Kurdische Regionalregierung) erbaute Monument, das schon von weitem zu erkennen ist und über Halabja ragt. Viele Menschen in Halabja, darunter auch Eltern der Musikschulkinder, beklagen sich, dass Halabja seit langem strukturell benachteiligt ist. Es gibt wenige Räume für Kinder und Jugendliche, in denen sie zusammen kommen können, geschweige denn, kreativ werden können.
  Konzert Halabja Albaqer Jafeer © Goethe-Institut Irak
Mit der sozialen und ökonomischen Vernachlässigung der Region haben auch islamisch-konservative Parteien hier einen großen Einfluss gewonnen. 2001 kontrollierte etwa die radikal-islamistische Partei Ansar Al-Islam die Region um Halabja. Kak Azad erklärt, wie die USA mit der Invasion des Irak 2003 Ansar Al-Islam aus der Luft angriff und sie mit Hilfe der PUK verdrängen konnte. Viele Menschen aus Halabja sind aus diesen Verhältnissen geflohen. Kak Azad erklärt: „Ich habe keine Freunde meines Alters mehr hier. Alle sind ins Ausland geflohen, die meisten davon sind in Europa“. Das gute ist aber, dass sie uns unterstützen. Er zeigt dabei auf eine Kamera, die ein Freund aus Österreich für sie gekauft hat. „Die Kamera können viele der Jugendlichen auch dazu nutzen um hier kleinere Videos zu drehen. Wir haben dafür extra im Keller der Musikschule ein Studio errichtet.“

Dass es im verstaubten Keller des alten Haus ein eigens eingerichtetes Studio für Aufnahme aller Art gibt, ahnt man nicht wenn man das Haus von außen sieht. Stolz berichtet Azad, wie er das Studio mit Freunden errichtet hat. Läuft man die Treppen runter, dann sieht man in einer Ecke eine Stelle für die Reparatur von Musikinstrumenten, daneben ein Gerät, das Azad selbst gebaut hat um Geigen zu bauen und in einer dritten Ecke sind alte Musikständer, die er repariert hat. Kak Azad hat es geschafft mit der Unterstützung von Freunden einen Raum zu schaffen, an dem Menschen nicht nur Musik lernen sondern auch die Möglichkeit haben zusammen kreativ zu werden.
  Konzert Halabja Albaqer Jafeer © Goethe-Institut Irak

Mit der Musikschule hoffe man an eine Zeit anzuknüpfen, „in der Halabja eine reiche, progressive Kultur hatte und als Zentrum von Kultur in Kurdistan galt“,  so erzählen die Eltern der Musikschulkinder, die nun die unterschiedlichsten Instrumente, von Klavier, Gitarre zur Oud, Tembur, Kanun bis zur Geige spielen. Der Vater von zwei 10 Jahre alten Mädchen erzählt von der Zeit als eine mächtige Frau, Hapsa Khan (1892-1953) die Geschicke Halabjas leitete. Hapsa Khan wird häufig als Feministin und Nationalistin gesehen, da sie die erste Schule für Mädchen im Irak gründete und Aufstände gegen den britischen Kolonialismus unterstütze. Außerdem hatte sie große Bewunderung und ein gutes Verhältnis zu den Dichtern ihrer Zeit.

Heute gibt es ein Denkmal und eine Statue von ihr im zentralen Park von Halabja. Hier konnte im Oktober 2021 endlich das langersehnte Konzert von Kak Azad stattfinden. Dass seine Schüler*innen und somit eine neue Generation Halabjas ihren ersten Auftritt beim Konzert hatten, ist ein gutes Zeichen dafür, dass Halabjas Musiktraditionen weitergeführt und gleichzeitg erneuert werden.

 

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