Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Interview mit Antonella Cilento
Du wirst nicht lesen

Antonella Cilento Interview
© Giliola Chisté

Vor genau einem Jahr erschien Antonella Cilentos Jugendroman Non leggerai, die Dystopie einer Welt ohne soziale Kontakte und ohne Bücher. In diesen Wochen wirkt der Roman wie eine Prophezeiung. Die Autorin mahnt zur Wachsamkeit und Solidarität.

Von Maria Carmen Morese & Johanna Wand


Welchen Raum nimmt Ihre Arbeit in der Isolation ein?

Meine Arbeitssituation verwandelte sich sofort in ein Schlachtfeld. Neben meiner literarischen Tätigkeit unterrichte ich seit 27 Jahren kreatives Schreiben. Lalineascritta ist eine der ältesten Schreibwerkstätten Italiens. Ich bin für ein Team von sieben Mitarbeiter*innen und einige hundert Student*innen verantwortlich. Unser Angebot umfasst Kurse in Belletristik, Verlagswesen, Dramaturgie im Rahmen von SEMA, dem ersten Master in kreativem Schreiben und Verlagswesen Süditaliens, in Zusammenarbeit mit der Universität Suor Orsola Benincasa, Neapel.
Seit dem 6. März, dem Tag nach dem Shut-down-Erlass der italienischen Regierung, finden nun alle Kurse online statt. Glücklicherweise gehört zu unserem Angebot seit sieben Jahren auch ein Kurs, an dem Student*innen aus Japan, Frankreich, Spanien, der Schweiz und ganz Italien über eine Web-Plattform teilnehmen. Kurz gesagt, wir waren vorbereitet. Hinzu kommt die Literaturveranstaltung Strane Coppie (wtl.: Merkwürdige Paare), die seit zwölf Jahren in Neapel, Rom, Mailand und Verona für die Literatur des 20. Jahrhunderts begeistert.
Meine Arbeit, die Unterstützung von Schüler*innen aller Altersstufen, hat sich vervielfacht, weil jeder, der nun zu Hause eingeschlossen war, Reaktionen von Panik, Misstrauen, Depressionen oder Nervosität zeigte. Die größte Herausforderung bestand darin, all jenen Unterstützung zu geben, die sich plötzlich, aus der gastfreundlichen Atmosphäre unseres Hauses gerissen, im einsamen virtuellen Klassenzimmer wiederfanden. Und wir haben die Herausforderung gemeistert, jetzt sind alle sehr zufrieden. 
Schreiben und Schreiben lehren sind für mich eine Art Meditation, wie Lesen. Deshalb schreibe, lese und unterrichte ich wie bisher, vielleicht sogar noch intensiver.
Seit einem Jahr arbeite ich außerdem an einem Buchprojekt, das die didaktischen Erfahrungen, Methoden und die Lektüre im Zusammenhang mit meinem Unterricht sammelt und das ich im Sommer abschließen werde. In der Zwischenzeit schreibe ich wie immer jeden Tag und warte auf die Inspiration für einen neuen Roman.

Wie alle schwierigen Momente eröffnet auch die gegenwärtige Krise neue Möglichkeiten. Was können wir aus dieser Situation lernen?

Da zu sein, zuzuhören.
Der virtuelle Raum eröffnet einerseits neue Wege für Unterricht und Arbeit, birgt andererseits aber auch die Gefahr des Verkümmerns von Beziehungen. Die Veröffentlichung von Non leggerai (wtl.: Du wirst nicht lesen, Giunti) vor genau einem Jahr war geradezu prophetisch. Der dystopische Jugendroman erzählt von virtuellem Schulunterricht, ohne Zugang zu Büchern und Literatur, von einer Welt, in der es verboten ist, die sterblichen Überreste geliebter Menschen zu sehen.
Innerhalb weniger Wochen sind wir genau da gelandet…
 
Die neuen Umstände erschüttern und beunruhigen uns, aber sie ermutigen uns auch zu visionärem Denken. Von welchem Danach träumen Sie?

Viele Dinge müssen verstanden und angenommen werden, und ich hoffe, dass sie Verbreitung finden: eine nachhaltigere Ernährungs-, Lebens- und Denkweise. Mehr innere Ruhe. Zu lange schon sind wir an einem kritischen Punkt, in Bezug auf die individuelle und umweltbedingte, die pharmakologische und industrielle Kontamination: Es ist an der Zeit, den Kurs zu ändern und von der Gesellschaft und unseren Regierungen mehr zu verlangen. Die verheerende Wirtschaftskrise, die bereits begonnen hat, ist die mögliche Schwelle zu einem neuen Weltkrieg. Die Vergangenheit lehrt uns wachsam zu sein.
Es stehen schwierige Zeiten bevor: und wir werden dabei sein.
 

Biographie

Die Schriftstellerin gründete vor 27 Jahren die Schreibwerkstatt Lalineascritta, wo sie bis heute kreatives Schreiben unterrichtet (www.lalineascritta.it). Sie koordiniert SEMA, den ersten Master-Abschluss in kreativem Schreiben und Verlagswesen in Süditalien in Zusammenarbeit mit der Universität Suor Orsola Benincasa. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter „Morfisa o l'acqua che dorme, „La madonna dei mandarini”, „Lisario o il piacere infinito delle donne” (Finalistin Premio Strega, Premio Boccaccio), „La paura della lince”, „Isole senza mare”, „Neronapoletano”, „Una lunga notte” (Premio Viadana, Premio Fiesole, Premio Greppi). Zu ihren Veröffentlichungen zählen daneben auch Kinderbücher wie „Nessun sogno finisce”, zwei Sammlungen von Kurzgeschichten, „Il cielo capovolto” und „L'amore, quello vero”, sowie Reportagen über Neapel: „Non è il Paradiso”, „Napoli sul mare luccica”, „Bestiario napoletano”. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie arbeitet für Theater, Rundfunk, Kino und verfasst Beiträge für die Tageszeitung „La Repubblica“ und das Magazin „Grazia“.

<<  Die Welt, die wir uns wünschen. Gespräche in Zeiten der Quarantäne

Top