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Berlinale 2020
Berlinale: Die Farbenwelt des großen Malers Ligabue

Elio Germano in „Volevo nascondermi“ (Hidden Away) von Giorgio Diritti
Elio Germano in „Volevo nascondermi“ (Hidden Away) von Giorgio Diritti | © Foto (Zuschnitt): Chico De Luigi

“Hidden Away” erzählt die Geschichte eines Malers, der zu den bedeutendsten und rätselhaftesten italienischen Künstlern des 20. Jahrhunderts zählt.
 

Von Andrea D’Addio

Ein Adler schlägt seine Fänge in den Rücken eines Fuchses, der vor Schmerz aufjault: Ruhe strahlten die Bilder von Antonio Ligabue (1899–1965) nie, absolut niemals aus. Malen war für ihn vielmehr eine Möglichkeit, vielleicht die einzige Möglichkeit, um wirklich mit der Außenwelt zu kommunizieren. Seine Bilder bestechen mit naiven Zügen und intensiven Farben. Der Künstler hielt den Pinsel stets fest in der rechten Hand umklammert, sein Körper gezeichnet von Familiendramen, Armut, psychischen Krankheiten und Selbstverletzungen. Jeder seiner Pinselstriche ist Ausdruck der gewaltigen Anstrengung, die erforderlich war, damit diese Worte, die sich nicht in sprachlichen Silben ausdrücken lassen, dennoch den Rest der Welt erreichten. Diese Spannung in den Bildern und den Klängen, die das Leben des Malers prägten, steht auch im Mittelpunkt der außergewöhnlichen Interpretation von Elio Germano im Film Hidden Away von Giorgio Diritti, der im Wettbewerb der 70. Berlinale läuft.

Ligabue: die Leistung des Schauspielers

Elio Germano gilt als einer der talentiertesten und vielseitigsten Darsteller des italienischen Films. Der ursprünglich aus Rom stammende Schauspieler musste für Hidden Away nicht nur den Dialekt der Bassa Reggiana lernen, sondern diesen auch noch mit einigen deutschen Wörtern (Ligabue wuchs in der Schweiz auf) und diversen Aussprachefehler anreichern. „Vor jedem Tag am Set war ich vier Stunden in der Maske für Nase, Wangen, Ohren, Hals und Falten.“ Germanos Interpretation ist eine bewusst ruckartige, sowohl in seiner Art zu sprechen als auch in seinen Bewegungen. Dabei gelingt es dem Schauspieler, die Ticks und plötzlichen Wutausbrüche Ligabues mit der Zeit durchaus nachvollziehbar zu machen. Es ist das Verhalten eines Mannes, der in seiner eigenen Welt lebt, der im Wald herumstreift, um mit den Tieren zu sprechen, und der erst im Alter versteht, dass das, was ihm immer gefehlt hat, jemand ist, den er lieben kann und der ihn liebt.

Elio Germano greift alle diese Aspekte auf und zeichnet das Bild eines nur auf den ersten Blick kantigen Charakters. Ligabues Leiden wird so zu unserem eigenen und seine Werke werden für uns dadurch noch bewundernswerter. Ganz im Widerspruch zu der Behauptung des Musikwissenschaftlers Alfred Einstein – die sich allerdings auf die Briefe von Beethoven bezog –, dass es ein Unglück sei, so viele Details aus dem Leben eines Künstlers zu kennen, weil sie die Wahrnehmung seiner Kunstwerke verzerrten.

Ein Film mit mehreren zeitlichen Ebenen

Ligabue galt seit seiner Kindheit als problematisch. In der Schule wurde er von seinen Mitschülern und dem Lehrer verspottet. Nie erfuhr er, wer sein wahrer Vater war. Im Alter von 13 Jahren wurde er nach dem Tod seiner Mutter und seiner drei Geschwister in Folge einer Lebensmittelvergiftung bei einer Pflegefamilie in der Deutschschweiz untergebracht. Giorgio Diritti präsentiert uns diese Lebensabschnitte wie die Randteile eines Puzzles, in dessen Zentrum der immer stärker werdende Wunsch des Malers steht, aus dem Irrenhaus auszubrechen und sein künstlerisches Talent auszuleben, dessen er sich nun endlich bewusst ist.

Obwohl die Farbgebung wechselt – von kühlen Farben für die Kindheitsszenen zu wärmeren Farbtönen, ähnlich denen in seinen Gemälden, für die Zeit als anerkannter Maler mit entsprechendem Bekanntheitsgrad und Einkommen – zeigt der Film anschaulich, wie Ligabue bis zum Schluss tief in seinem Inneren nie einen Ort findet, an dem er sich wirklich zu Hause fühlt. Es ist ein Geisteszustand, eine andere Art zu leben, die er mit vielen Menschen gemein hat, die heute vielleicht noch häufiger als damals am Rand der Gesellschaft leben. Einer Gesellschaft, die keine Zeit und vielleicht auch keine Lust hat, jenen zuzuhören, die die Welt in anderen Farben sehen und nicht immer über eine Leinwand verfügen, um diese zu zeigen.

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