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Berlinale 2020
Berlinale: Wo man Kindern böse Märchen erzählt

„Favolacce“ von Fabio und Damiano D’Innocenzo
„Favolacce“ von Fabio und Damiano D’Innocenzo | Foto (Zuschnitt): © Pepito Produzioni, Amka Film Production

Ein Film über das soziale Unbehagen aus Sicht der Kinder: Der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag des Brüderpaars D’Innocenzo erschüttert die Zuschauer.

Von Andrea D’Addio

Schon seit Äsops Zeiten braucht es nur einige wenige, aber entscheidende Elemente, um ein Märchen als solches definieren zu können: eine scheinbar ruhige Ausgangssituation, eine Handlung und einen Schluss, aus dem eine Moral hervorgeht. Was kann ich aus der Geschichte lernen, die mir soeben erzählt wurde? Wenn diese Frage in Bezug auf jede Form der Narration legitim ist, dann noch viel mehr, wenn es um einen Film geht, der den Titel Bad Tales trägt. Der Beitrag von Damiano und Fabio D’Innocenzo läuft auf der Berlinale im Wettbewerb, zwei Jahre zuvor waren die Brüder mit ihrem Debütfilm Boys Cry in der Sektion Panorama vertreten.

Eltern, die sich selbst für perfekt halten, aber in Wahrheit schlechte Lehrer sind

Es ist Sommer und im Garten hinter dem Haus sitzen zwei Familien gemeinsam beim Abendessen. Bruno ist arbeitslos und hat keine Lust, darüber zu reden. Um das Thema zu wechseln, bittet er seine Kinder, Dennis und Alessia, aus ihren jüngsten Zeugnissen vorzulesen. Ausnahmslos super Noten. Sie wären entsprechende Begeisterung wert, doch es herrscht eine Atmosphäre allgemeinen Unbehagens. Wir befinden uns in Spinaceto, einem Vorort von Rom, aber im Grunde könnten wir auch sonstwo sein. Die Worte, Gesten und Ambitionen der Erwachsenen, die hier leben, sind ebenso banal wie heuchlerisch. Verbale Aggression paart sich mit angestautem Frust. Böse Märchen liegen in der Luft, treiben konstant im Äther. Es ist gar nicht notwendig, sie zu erzählen, auch so begleiten sie die Heranwachsenden auf ihrem Weg ins Erwachsenwerden. Diese aber würden gänzlich andere Vorbilder benötigen, damit sich bestimmte Situationen, und Fehler, nicht kreislaufartig wiederholen.

Wie gegen all das rebellieren? Vielleicht ist die einzige Möglichkeit ein endgültiger Bruch. Immerhin hat man von Beginn an latent das Gefühl einer dräuenden Tragödie. Man weiß nicht, was passieren wird, aber es wird kaum etwas Positives sein. Und schließlich passiert es. Erschüttert verlässt man den Kinosaal, fragt sich, ob man selbst vielleicht genauso ist, wie die Eltern im Film. Dass man glaubt, perfekt zu sein, ohne es zu sein. Und jemandem in unserer Nähe ist das aufgefallen.

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