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Berlinale 2020
Thailand und Texas – in Ermangelung einer Zukunft

Joe Cole, Donna Duplantier in „One of these Days“ von Bastian Günter
Joe Cole, Donna Duplantier in „One of these Days“ von Bastian Günter | © Michael Kotschi / Flare Film

Es ist nicht einfach, zwei Filme wie „Days“ (Tsai Ming-Liang) und „One of These Days“ (Bastian Günther) in einem gemeinsamen Artikel zu behandeln. Ich habe mich dennoch dafür entschieden, weil die beiden Arbeiten für mich in einem Dialog stehen.

Von Gabriele Magro

Days ist weniger ein Film als vielmehr eine Installation. In extralangen, statischen Szenen erzählt er aus dem Alltag von Kang, einem Thailänder der Mittelschicht, und Non, der in einem Massagezentrum am Stadtrand von Bangkok arbeitet. Niemand spricht, niemand lacht und niemand weint. Die Begegnung zwischen den beiden Männern holt für einen Moment Emotionen an die Oberfläche, dann kehren beide in ihren Alltag zurück, der sich durch Wiederholungen des Gewohnten auszeichnet, in Ermangelung einer Zukunft, ohne Perspektive, frei von Sinn. Non schläft allein, auf dem Boden, mit seinem Kopf auf einem Kissen mit Sternenbanner-Motiv.

A material world

One of These Days ist hingegen ein Film, der vor Worten und Lärm geradezu überquillt, eine kraftvolle Erzählung über den amerikanischen Albtraum. In einer kleinen Stadt in Texas treten zwanzig per Los bestimmte Teilnehmer in einem Hands-on-a-Hardbody-Bewerb gegeneinander an: Jeder legt eine Hand auf einen Pick-up, der letzte, der sie wegnimmt, darf ihn mit nach Hause nehmen. Der Großteil von ihnen sind Weiße aus der Gruppe der Working Poor. Die Resignation, die wir in Days gesehen haben, fehlt. Die Teilnehmer glauben, dass ihr Erfolg im Wettbewerb der Erfolg sein wird, den sie im Leben nicht hatten. Zu Beginn, wenn gezeigt wird, wie sie in der Bibel lesen und die Hymne singen, während sie rund um einen Lastwagen herum dehydrieren, muss man fast lachen. Aber nach und nach, während sich der Film dem Ende nähert, wird die Stimmung düsterer. Mit einem Schluss, der weh tut.

Festhalten

Days und One of These Days erzählen Geschichten von Männern und Frauen, die ihre Würde verloren haben. Die Wirtschaftskrise von 2008 ist zu einer kulturellen Krise geworden, deren Ende nicht absehbar ist, die sozialen Säulen der Marktwirtschaft sind brüchig geworden: Religion, Rechte, Familie, Arbeit, Freiheit. Der Kinowelt ist es gelungen, diese Verlorenheit auf ausdrucksstarke Weise aufzugreifen und sichtbar zu machen. Beide Filme erzählen in gewisser Hinsicht von zwei Seiten derselben Medaille. Auf der einen Seite wird die Entfremdung akzeptiert, auf der anderen sehen wir eine sinnlose und verzweifelte Jagd nach dem Glück. Auf einer amerikanischen Flagge zu schlafen oder in einem neuen Pick-up bis zur Küste zu fahren sind in Wirklichkeit zwei Bilder aus demselben eskapistischen Traum derer, die keine anderen Träume haben, an denen sie sich festhalten können.

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