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Berlinale-Blogger 2020
Rissenbeek will die Berlinale öffnen für jüngere Generation

Mariette Rissenbeek
Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin der Internationalen Filmfestspiele Berlin | Foto (Detail): Alexander Janetzko / Berlinale 2019

Im Sommer 2018 wurde bekannt gegeben, dass die Führung der Internationalen Filmfestspiele Berlin ab 2020 von einer Doppelspitze übernommen wird: Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian, der vorher künstlerischer Leiter des Filmfestivals von Locarno war. Rissenbeek war lange Zeit in der deutschen Filmindustrie tätig: Erst bei einer Filmvertriebsgesellschaft, später wechselte sie in die Filmproduktion und 2003 nahm sie ihre Tätigkeit bei German Films auf, wo sie später zur Geschäftsführerin ernannt wurde. Seit diesem Jahr ist sie für den gesamten organisatorischen Part der Berlinale zuständig. Ein Gespräch mit der neuen Geschäftsführerin über ihre neue Funktion, Veränderungen des Festivals und neue Herausforderungen.
 

Von Ieva Šukytė

Seit diesem Jahr hat die Berlinale eine Doppelspitze: Sie als Geschäftsführerin und Carlo Chatrian als künstlerischen Leiter. Wie hat diese Aufgabenverteilung die Arbeit beim Festival verändert?
 
Carlo Chatrian kann sich ganz auf die Auswahl für den Wettbewerb und 'Berlinale Special' konzentrieren. Auch betreut er die Sektionen: 'Panorama', 'Generation', 'Perspektive Deutsches Kino' sowie 'Forum' und führt Gespräche mit der Leitung dieser Programme. Ich bin für den ganzen organisatorischen Part zuständig: Finanzierung, Budget, Vorbereitung des Festivals und Key Visual. Obwohl wir beide für verschiedene Bereiche zuständig sind, reden wir gleichzeitig auch sehr viel miteinander und diskutieren die Dinge. Denn nicht alles kann völlig getrennt werden. Wenn wir das Key Visual entwickeln, muss Carlo Chatrian sich natürlich auch damit wohlfühlen. Ich bin nicht alleine in diesem Prozess. Wir überlegen zum Beispiel zusammen, was der Eröffnungsfilm sein könnte, denn der ist das Gesicht des Festivals.
 
Doppelspitzen sind in den letzten Jahren im deutschen Kultursektor recht üblich geworden. Wie profitieren diese Organisationen davon?
 
In der heutigen Welt ist alles schwieriger geworden. Es gibt immer mehr Regeln, Sensibilitäten, immer mehr Probleme durch fragmentierte Finanzierung. Ich glaube, das ist bei vielen Organisationen der Fall, deshalb glauben sie, dass sie mit einer Doppelspitze effizienter arbeiten können.
 
Sie sind auch die erste Frau in dieser Funktion. Es bringt Hoffnung auch für andere Bereiche der Filmindustrie, insbesondere für Festivals, wo die höchsten Ämter in der Regel männlich besetzt waren.
 
Ich muss zugeben, dass innerhalb der Berlinale Frauen auch vorher hochrangige Ämter bekleidet hatten. So ist die Führung der Sektionen 'Perspektive Deutsches Kino', 'Berlinale Series', 'Berlinale Shorts', 'Generation' weiblich. Nur die Führung von 'Panorama' ist männlich und es ist natürlich Carlo, der für das gesamte Festival zuständig ist. Also war die Lage in Bezug auf die Gleichstellung innerhalb der Berlinale gar nicht so schlecht. Gleichzeitig hast du Recht, das höchste Amt war stets männlich besetzt. Vielleicht kann die Berlinale andere Festivals dazu inspirieren, einen Blick auf ihre Leitung zu werfen. Jedoch haben Festivals wie Rotterdam, die Viennale, Sundance bereits weibliche Führungen. Auch in kleineren Filmfestivals zeichnet sich dieser Trend ab.
 
In diesem Jahr wurden Sie mit einer besonderen Herausforderung konfrontiert, da eines der Hauptkinos im Sony Center geschlossen wurde.
 
Das brachte einiges an Schwierigkeiten mit sich, da wir im Sony Center viele Marktvorführungen und auch Premieren gezeigt haben. Also mussten wir viele Vorführungen in andere Kinos verlegen, was nicht ganz einfach war. Die Menschen kommen zum Festival, um Filme zu kaufen, später haben sie ihre Termine rund um den Potsdamer Platz, sie wollen also, dass die Kinos nur einige Minuten entfernt sind. Ich glaube, für das Publikum war es etwas einfacher. In diesem Jahr wurde das Cubix-Kino am Alexanderplatz zum Kino des Festivals. Wie du weißt, hat Berlin kein alleiniges Zentrum, es ist die Stadt mit vielen kleinen Zentren, sei es in Kreuzberg, Mitte oder in Charlottenberg: Alle Ortsteile haben eigene kleine Zentren, in denen wir schon lange eigene Spielstätten haben.
 
Nachdem Sie das Amt von Dieter Kosslick übernommen haben, gab es im Festival einige Veränderungen. 'Kulinarisches Kino' und NATIVe wurden abgeschafft. Encounters als kompetitive Sektion wurde eingeführt. Warum haben Sie sich entschieden, ein weiteres Wettbewerbsprogramm zu entwerfen?
 
Wir wollen keine Sektion, die sich ausschließlich auf ein Thema konzentriert, sondern das Filmkonzept in den Mittelpunkt stellt. Wir zeigen einige essensbezogene Filme in anderen Sektionen. Ein neues Wettbewerbsprogramm ist deswegen ins Leben gerufen worden, weil die digitale Entwicklung es ermöglicht hat, Filme auf verschiedene Arten zu produzieren.  Encounters präsentiert Filme, die nicht traditionell produziert wurden, deshalb können viele Filmemacher Experimentalfilme produzieren.
 
Unmittelbar vor der Berlinale brachten die Medien eine schockierende Nachricht über den ersten Direktor der Berlinale, Alfred Bauer, und über seine Tätigkeit in Nazi-Deutschland. Das Festival ersetzte den Alfred-Bauer-Preis durch einen Sonderpreis.  Welche weiteren Schritte werden unternommen?
 
Wir haben das Institut für Zeitgeschichte in München mit einer unabhängigen Untersuchung beauftragt. Wir wollen, dass sie tiefgreifende Recherchen in historischen Archiven durchführen. Wir erwarten im Sommer die ersten Ergebnisse. Abhängig von den Antworten, wie tief Alfred Bauer in die Nazizeit verwickelt war, werden wir weitere Schritte unternehmen. Es hängt alles von den Ergebnissen ab.
 
Sie haben lange bei German Films gearbeitet. Sie waren Geschäftsführerin. Die Berlinale zeigt viele deutsche Filme und hat 'Perspektive Deutsches Kino' als Sektion, die debütierende Regisseure fördert. Sie bietet den Filmschaffenden eine Plattform, um bei einem der größten Kinofestivals aufzutreten.
 
Diese Sektion wurde um 2002 eingeführt. Damals wollte man jungen, aufstrebenden Filmemacherinnen und Filmemachern eine Plattform geben. Bei den internationalen Filmfestivals sind die Wettbewerbsprogramme sehr stark. Es ist nicht allzu einfach, die zukunftsweisenden Stimmen eines Landes im Bereich Film in eine der anderen Sektionen aufzunehmen. Diese Sektion ist ein guter Weg für die deutsche Filmindustrie, neue Filmemacher zu entdecken, mit denen Produzenten die Möglichkeit hätten, an ihrem nächsten Projekt mitzuwirken. 'Perspektive Deutsches Kino' ist eher wie ein Schaufenster für die Zukunft.
 
Seit einiger Zeit ist die Rede davon, dass das Festival zu viele Filme zeigt und zu viele Programme hat. Sie haben in diesem Jahr die Anzahl der Filme einschließlich Kurzfilme auf 350 reduziert. Denken Sie daran, dies auch nächstes Jahr zu tun?
 
Ich glaube, wir brauchen einige Wochen nach der diesjährigen Berlinale, um auszuwerten, wie es mit der Anzahl der Filme funktioniert hat, die wir in diesem Jahr hatten.  Gleichzeitig hängt es immer von den Filmen ab, die für die Berlinale verfügbar sind. Wir wollen nicht eine bestimmte Anzahl an Filmen auswählen, um die Quoten zu füllen. Wenn wir z.B. 250 Filme brauchen, dann zeigen wir diese Anzahl von Filmen.  Das hat dazu geführt, dass wir in diesem Jahr weniger Filme haben als zuvor.

Eine höhere Anzahl an Filmen gibt dem Publikum eine größere Vielfalt zur Auswahl. Dagegen sind solche Filme in Cannes oder Venedig nur für akkreditierte Personen zugänglich.
 
Genau. Berlin hat fast 4 Millionen Einwohner und viele von ihnen lieben das Kino wirklich. Sie haben unterschiedliche Geschmäcker. Sie interessieren sich für unterschiedliche Themen, Perspektiven, und es wäre nicht schön von unserer Seite, ihnen das nicht anbieten zu können.
 
Da das Festival zu Ende geht: Was denken Sie über Ihr erstes Jahr als Geschäftsführerin des Festivals?  Versuchen Sie, nächstes Jahr etwas zu verändern?
 
Ich möchte einen neuen Weg finden, um das junge Publikum anzusprechen. Wir haben die wunderbare Sektion 'Generation', die sich ganz speziell an das junge Publikum wendet. Es wäre toll, wenn wir junge Leute motivieren könnten, ins Kino zu kommen und sich all diese Filme anzuschauen. Wir wollen eine neue Generation von Zuschauern gewinnen. Nach dem Festival ist es bekanntlich sehr schwer, das junge Publikum im Laufe des ganzen kommenden Jahres in die Kinosäle zu locken. Ich würde gerne sehen, was wir mehr tun können, um mit ihnen einen Dialog zu knüpfen. Alles andere werden wir in einigen Wochen beurteilen können, nachdem wir uns mit allen Mitarbeitern des Festivals getroffen haben, um das Festival zu besprechen.
 

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