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Made in Germany

Francis-Matthieu Nasimba (rechts, Polizeikommissar-Anwärter) spricht neben der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (beide SPD). Der Anteil der Polizeistudenten mit Migrationshintergrund ist inzwischen auf mehr als 13 Prozent gestiegen (Stand 2020).
Francis-Matthieu Nasimba (rechts, Polizeikommissar-Anwärter) spricht neben der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (beide SPD). Der Anteil der Polizeistudenten mit Migrationshintergrund ist inzwischen auf mehr als 13 Prozent gestiegen (Stand 2020). | Foto (Detail): Harald Tittel © picture alliance/dpa

Wie wird Deutschland von der Außenwelt wahrgenommen? Sagt ein Werbeslogan wirklich schon alles über Produkt und Hersteller? Dominic Otiang’a wirft ein Schlaglicht auf die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität.

Von Dominic Otiang’a

„Made in Germany“ war und ist ein Slogan, der ein hohes Maß an Präzision und Qualität implizieren soll. Hinter der Qualität stehen Menschen, eine Kultur, eine Mentalität und eine Lebensart. Was bedeutet das Etikett wirklich und ist es rein auf die Fertigung beschränkt? 

In seiner Stand-up-Comedy „Made in Germany“ präsentiert Kaya Yanar das Etikett auf Netflix als Mentalität, als Kultur, als etwas typisch Deutsches, das über eine Marke hinausgeht. Wie in Deutschland geboren oder aufgewachsen zu sein. Ein Konzept, das sich außerhalb Deutschlands schwieriger verkaufen lässt als innerhalb der deutschen Grenzen. 

Als die Nachricht von der möglichen Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffs die Runde machte, schrieb der in Hamburg ansässige Spiegel: „Kleine deutsche Biotech-Firma hofft auf den Sprung an die Weltspitze.“ Eine entsprechende Meldung der BBC lautete: „Türkisch-Deutsche wecken neue Hoffnung auf Covid-Impfstoff.“  

Ist die Außenwelt mitschuldig?

Die Voice of America ging in einer Reportage der Frage nach, wie die Rivalität zwischen der Türkei und Griechenland nach der Ankündigung eines möglichen Durchbruchs bei der Suche nach einem Covid-19-Impfstoff zum Tragen kam. Dem Bericht zufolge präsentierten die türkischen Medien die beiden BioNTech-Wissenschaftler*innen Özlem Türeci und Uğur Şahin als „türkisches Dreamteam“, während die griechischen Medien lieber von deutschen Wissenschaftler*innen sprachen. 

Die Wortwahl der drei inländischen wie internationalen Medien spiegelt das Gesamtbild perfekt wider. Vielleicht sollte ich dieses Gesamtbild näher erläutern, indem ich seine Auswirkungen in Deutschland aufzeige. In einem Gespräch mit dem Geschäftsführer einer kleinen Stuttgarter Firma mit globaler Klientel erzählte dieser mir von den Herausforderungen, die sich ihm außerhalb Deutschlands mit seinen Verkaufsleiter*innen stellten, die allesamt einen Migrationshintergrund aufweisen. „Sie werden von neuen Kund*innen nicht ohne weiteres als Vertreter*innen einer deutschen Firma akzeptiert. Das macht es für sie schwierig, neue Kund*innen zu gewinnen.“ Welche Art von Mitarbeiter*innen würden solche Firmen demzufolge lieber aussenden, um ihre „made in Germany“-Marken zu vermarkten? Und ist die Außenwelt an dieser Diskriminierung nicht mitschuldig?

Das Produkt eines Systems

Andererseits ist es in einer Zeit, in der online wie offline weltweit Anti-Einwanderer-Stimmungen zu spüren sind, vielleicht verständlich, dass manche Medienhäuser nicht müde werden zu erwähnen, dass die beiden Wissenschaftler*innen hinter dem BioNtech-Impfstoff aus Einwandererfamilien stammen. Kommt hier womöglich das Konzept ins Spiel, das nach dem wenig beeindruckenden Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 von den Fans von Mesut Özil aufgebracht wurde, nämlich „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und Ausländer, wenn wir verlieren“? Aber das ändert noch nichts an der Tatsache, dass „made in Germany“ das Produkt eines Systems ist. Und innerhalb dieses Systems gibt es verschiedene Gesichter und Menschen mit unterschiedlichen Migrationshintergründen. 

Als das System beim Bau des Berliner Flughafens BER versagte, beschrieben deutsche Ingenieur*innen die Situation als „Blamage“ für die deutsche Effizienz. Manche bezeichneten sogar die „deutsche Effizienz“ selbst als Mythos. Als die Deutsche Bahn für häufige Zugverspätungen kritisiert wurde (sich also nicht an die deutsche Kultur der Pünktlichkeit hielt), klagte sie über einen Mangel an entsprechendem Personal in ihrem System. Einem System, das – genau wie das Gesundheitswesen – Verstärkung aus dem Ausland womöglich dringend nötig hat.  

Immer mehr Einheimische in Deutschland gewöhnen sich zunehmend daran, Deutsche mit Migrationshintergrund in den unterschiedlichsten Positionen zu sehen. Aber meinen Erfahrungen und den Aussagen des Stuttgarter Geschäftsführers nach ist die Außenwelt immer noch weit davon entfernt, „made in Germany“ korrekt zu definieren, und dennoch zeitigt ihre Definition dessen, was deutsch ist, Auswirkungen innerhalb des deutschen Systems. Vielleicht sollte die Außenwelt akzeptieren, dass sich die Zeiten ändern. 
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Aya Jaff, Maximilian Buddenbohm und Margarita Tsomou. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

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