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Berlin Postkolonial
Neuer Umgang mit einem schweren Erbe

Mnyaka Sururu Mboro
Mnyaka Sururu Mboro | Foto (Zuschnitt): © Tahir Della

Als der gebürtige Tansanier Mnyaka Sururu Mboro 1978 nach Deutschland aufbrach, um Bauingenieurwesen zu studieren, gab ihm seine Großmutter eine Aufgabe mit auf den Weg, die er mehr als vierzig Jahre später immer noch nicht vollendet hat: Er soll den Kopf von Mangi Meli zurück in sein Dorf am Fuße des Kilimandscharo bringen.

Von Christine Pawlata

Mangi Meli war ein Fürst des Chaaga Volkes, der im Jahr 1900, als Tansania Teil der Kolonie Deutsch Ostafrika war, von den deutschen Kolonialisten hingerichtet wurde. Sein Schädel wurde abgetrennt und vermutlich zu rassistischen Forschungszwecken nach Deutschland verschleppt.
 

Leichen im Keller

Die Geschichte von Mangi Meli ist kein Einzelfall. In den Depots deutscher Museen, Universitäten, und Krankenhäusern lagern die Gebeine von tausenden Menschen aus den ehemaligen Kolonien. Wissenschaftler brachten sie in einer regelrechten Sammelwut nach Deutschland, vermaßen sie und stellten sie aus, um eine angebliche Überlegenheit der Weißen zu belegen.
 
Während Mnyaka Sururu Mboros Leben, so wie das der meisten Einwohner der ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika von den Gräueltaten der deutschen Kolonisatoren über Generationen hinweg geprägt wurde, musste Mboro bei seiner Ankunft in Deutschland feststellen, dass die meisten Deutschen nichts von der grauenvollen Kolonialvergangenheit ihres Landes wissen. “Das Thema des deutschen Kolonialismus wird im Geschichtsunterricht so gut wie gar nicht angesprochen”, so Mboro. „Es wird über den französischen, den englischen, den portugiesischen, auch den italienischen Kolonialismus gesprochen, aber nicht über den deutschen.“

Trauermarsch für die Opfer des Maji Maji Kriegs

Mboro machte es sich zum Ziel, das zu ändern. Gemeinsam mit anderen Aktivisten organisierte er 2007 einen Trauermarsch in Berlin zum Gedächtnis des Maji Maji Krieges bei dem hundert Jahre zuvor hunderttausende Menschen in Tansania ihr Leben verloren hatten. „Die deutschen Soldaten schossen nicht nur, sie zündeten alles an. Meistens nachts, wenn alle schliefen“, erzählt Mboro. „Sie verstopften die Wasserquellen mit Beton, damit die Leute verdursteten.“ Der Trauermarsch markierte den Beginn des Vereins Berlin Postkolonial, der sich für eine kritische Auseinandersetzung mit Berlins Kolonialgeschichte und die Offenlegung kolonialrassistischer Denk- und Gesellschaftsstrukturen einsetzt.

Neue Straßennamen

Ein Anliegen des Vereins ist die Umbenennung von Straßennamen, die Kolonialverbrecher ehren oder rassistisch sind. Nach jahrelanger Aufklärungsarbeit von Berlin Postkolonial und anderen Aktivisten sollen 2021 vier Berliner Straßen umbenannt werden. Eine davon ist die Lüderitz-Straße. „Adolf Lüderitz war der Gründer der Kolonie Deutsch Südwestafrika, des heutigen Namibia“, erklärt Mboro. Lüderitz gab den Auftakt zur Enteignung des Weidelandes der Nama und der Herero, was im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts kulminierte. Deutsche Kolonialisten trieben zehntausende Menschen zum Verhungern in die Wüste, oder schunden sie in Konzentrationslagern zu Tode. „1908 waren über 80 Prozent der Hereros und die Hälfte der Namas vernichtet,“ erklärt Mboro. Fortan soll die Straße im Berliner Ortsteil Wedding Cornelius Fredericksstraße heißen, benannt nach einem namibischen Widerstandskämpfer, der im Konzentrationslager Haifischinsel ermordet wurde.

Auch die Mohrenstraße, die Mboro „M-Straße“ nennt, soll umbenannt werden. „Das Wort 'Mohr' ist rassistisch. Es geht um Schwarze, Sklaven, Ungläubige, es ist ausschließlich negativ beladen“, so Mboro. Die Straße soll in Zukunft den Namen von Anton Wilhelm Amo tragen, der erste bekannte Philosoph afrikanischer Herkunft in Deutschland.

Nicht jeder ist mit der Umbenennung der Straßen einverstanden. „Einige Leute sagen: 'Ihr versucht die Geschichte auszulöschen.',“ erzählt Mboro. „Wobei wir gerade diese Geschichte, unsere gemeinsame Geschichte, ans Licht bringen, indem wir über sie reden. Damit so etwas nie wieder passiert.“
 
Es gibt aber noch viel zu tun. Auch das Versprechen, das Mboro seiner Großmutter gab, ist noch nicht eingelöst. Ein DNA-Vergleich zwischen dem Enkelsohn von Mangi Meli und den Schädeln aus den Depots der Stiftung Preußischer Kulturbesitz brachte nicht das erhoffte Resultat. „Leider konnten wir ihn dort nicht finden,“ bedauert Mboro. „Ich gebe die Suche aber nicht auf.“

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