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Ausgesprochen … Integriert
Einwanderung oder Auswanderung

Immigration oder emigration
Foto (Detail): Michael Debets / picture alliance / Pacific Press Agency

Der Umzug in ein fremdes Land mag ein aufregendes Erlebnis sein, das Türen zu neuen Kulturen und Möglichkeiten öffnet. Dennoch ist er nicht ohne Höhen und Tiefen und unerwartete Wendungen. Dominic Otiang'a beschreibt seine Begegnung mit dem Etikett „Ausländer“.

Von Dominic Otiang’a

 

Migration ist in Deutschland ein schier endloses Thema. Darüber zu schreiben, was in Deutschland passiert, ohne diese Thematik anzusprechen, ist somit wenig aussagekräftig. Lassen Sie mich daher als Person, über die auf jedem Fernsehsender und in jeder Zeitung ständig diskutiert wird, meinen Standpunkt darlegen.

Vor vier Jahren stellte mir mein lieber Nachbar eine Frage: „Warum haben Leute wie Sie sich eigentlich dafür entschieden, Ausländer zu sein?“ Die Frage überraschte mich vor allem deshalb, weil er italienischer Staatsbürger war, der in Deutschland lebte. Er bestand darauf, dass er als Europäer kein Ausländer sei und sich auch nie als solcher gefühlt habe. „Selbst meine Tochter in London fühlt sich dort zuhause. Wir sind nun mal Europäer“, fügte er hinzu.

Heimat: Rechtliche Tatsache oder soziale Wahrheit?

In einer Kultur, die ‚woke‘ ist, werden solche Leute als rassistische Eiferer kritisiert und im kleinsten Winkel ihrer Welt zum Schweigen verurteilt. Aber ‚Woke‘-Kultur ist einer Förderung der Verständigung wenig zuträglich. Ich versuchte eine Weile mit ihm zu diskutieren, indem ich zunächst seine Auffassung akzeptierte, dass er sich aufgrund seiner europäischen Staatsangehörigkeit – selbst ohne jegliche Deutschkenntnisse – in Deutschland heimisch fühlte.

Aber ich hatte Mühe, ihm meinen zweiten Punkt nahezubringen, nämlich dass die Vorstellung, dass jemand ein Mitglied der Gesellschaft ist, in der er oder sie lebt, eine unleugbare Tatsache ist; keine rechtliche Wahrheit, sondern eine soziale Tatsache. Das Gesetz berücksichtigt alternative Umstände auf der Basis des Mehrheitswillens. Und was könnte mächtiger sein als das Gesetz? Haben Gesetze nicht in so manchem Rechtssystem biologischen Nachwuchs im Namen der Aufrechterhaltung von Ordnung und Moral in der Gesellschaft in illegitime Kinder verwandelt?

Einstellungen ändern sich

Mein Punkt im Gespräch mit diesem Mann mittleren Alters war, dass soziale Fakten unverrückbar sind. Rechtliche Umstände dagegen ändern sich, sobald sich die Haltung einer Mehrheit ändert. Ich erzählte ihm auch, dass es in meiner Heimat eine ganze Stadt voller italienischer Einwanderer gibt, Einwanderung dort aber kein Gegenstand landesweiter Besorgnis ist. Zu meiner Überraschung kannte er die kenianisch-italienische Stadt sogar. Er hatte dort schon einmal seine italienischen Verwandten besucht. Seither begrüßt er mich auf Swahili mit „Jambo Rafiki!“ (Hallo, mein Freund!), wann immer wir uns begegnen.

Vier Jahre später, nach dem Abschluss des Brexits, fragte ich ihn: „Macht das Ihre Tochter jetzt, da sich die mehrheitliche britische Haltung zu Europa geändert hat, in Großbritannien nicht zu einer Ausländerin? Fühlt sie sich dort denn immer noch zuhause?“ Seine Antwort bestand aus nicht druckfähigen Äußerungen über Großbritannien.

Wer wird in der gesellschaftlichen Diskussion gehört?

Vor einigen Jahren machte in den sozialen Medien ein Foto die Runde: Ein Bild von Dutzenden von Männern bei einer Konferenz irgendwo im Nahen Osten, mit dem Titel „Frauenkonferenz“. Es mag sich um Fake News gehandelt haben, aber für mich war es ein Kunstwerk. Ein eindringliches, zum Nachdenken anregendes Kunstwerk, das eine mächtige und rechtlich begünstigte gesellschaftliche Gruppe zeigte, die zusammenkam, um die missliche Lage der rechtlich benachteiligten „Anderen“ in ihrer Gesellschaft zu diskutieren, unter vollständiger Abwesenheit derjenigen, um die es ging; weder ihre Gesichter noch ihre Stimmen würden gesehen oder gehört werden. Witzig, oder? Aber ist das wirklich so anders als die Diskussionen über Einwanderer, Flüchtlinge, Ausländer oder wie immer wir jene anderen, rechtlich benachteiligten Menschen in unseren Gesellschaften nennen? 

Nach einer Meldung zum Thema Einwanderung hört man in den Fernsehnachrichten mit größter Wahrscheinlichkeit im nächsten Segment das Wort „Personalmangel“. In fast jedem Sektor gibt es zu wenig Personal, angefangen bei Fabrikarbeiter*innen und dem Gesundheitswesen über den Verkehr und das Militär sogar bis hin zu Unternehmen und Institutionen, die Lehrstellen anbieten. Darüber hinaus berichtete das Nachrichtenmagazin Focus Online im Januar dieses Jahres, dass jährlich etwa 180.000 Deutsche auswandern und nur 130.000 zurückkehren. Die Situation in den südeuropäischen Ländern ist sogar noch schlimmer.

„Wir schaffen das!“

Diese Statistiken und die anhaltende Debatte erinnern mich an eine Busfahrt durch das Industriegebiet von Nairobi. Ein Passagier ruft einem anderen Passagier, der nahe am Fenster sitzt, unter irgendeinem Namen zu:  „Hey, Frontex! Mach das Fenster auf. Hier drin stinkt’s!“

„Der Gestank kommt von den Fabriken hier. Der wird nur noch schlimmer, wenn ich das Fenster aufmache“, gibt der Typ am Fenster zurück.

„Nein! Mach es auf, um den Gestank rauszulassen!“ Unter Druck, etwas zu tun, wirft die Fahrerin mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung beiden einen Blick zu und sagt: „Wir schaffen das!“


 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm und Gerasimos Bekas. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

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