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Survival-Kit Studium
„Wenn ich studiere, dann 100 Prozent“

Der Musikstudent Kaspar mit seiner Posaune
Kaspar studiert Posaune in Hannover. | Foto (Detail): © Privat

Kaspar, 20, studiert an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover im dritten Semester klassische Posaune. Für das Studium zog er von Estland nach Deutschland – und nahm ein besonderes Hobby gleich mit.

Das größte Klischee über Deinen Studiengang – und was davon gestimmt hat:

Unter Musiker*innen in Estland gilt das Studium der Posaune oder irgendeines anderen Blechblasinstruments als die bequeme Variante, weil man angeblich nicht so viel üben muss. Posaunist*innen gelten zudem als trinkfest. In Hannover ist das jedoch komplett anders. Natürlich gehen wir ab und zu einen trinken, aber alle üben viel und es macht sich definitiv keine*r leicht.
 
Wie sieht Dein normaler Tag aus?

Ich wache normalerweise um halb acht oder acht auf, frühstücke und gehe an die Uni. Ich wärme mich auf und fange an, zu üben. Das dauert ungefähr drei Stunden. Danach gehe ich nach Hause und esse zu Mittag. Ich koche gerne, weil das günstiger ist und es – wenn man kochen kann – gut schmeckt. Nach dem Mittagessen gehe ich zurück zur Uni und übe bis sechs oder sieben Uhr weiter. Manchmal habe ich Unterricht, aber das kommt nur zwei- oder dreimal die Woche vor. Wenn ich fertig bin, gehe ich nachhause, esse zu Abend, mache meine Hausaufgaben für den nächsten Tag, beantworte E-Mails oder schaue einfach nur fern. Das ist ganz anders als in Estland, wo wir viel Unterricht hatten, sodass weniger Zeit und Energie zum Üben bleibt.
 
Auf was hättest Du verzichten können?

Was wir in Hannover an Musiktheorie lernen, ist vom Niveau her niedriger als das, was ich im Gymnasium gelernt habe. Ich verstehe, dass jede*r Musiktheorie lernen muss, aber ich brauche den Unterricht hier eigentlich nicht. Abgesehen davon gibt es nicht viel, was mir an meinem Studium nicht gefällt.
 
Welchen Tag an der Uni wirst Du nie vergessen?


Den Tag, an dem ich die Eignungsprüfung für meinen Kurs hatte. Ich war gerade mit dem Musikgymnasium in Estland fertig. In Estland wird man automatisch auf der Akademie angenommen, wenn man seine Abschlussprüfungen besteht. Das Jahr davor hatte ich bei einem deutschen Lehrer Unterricht genommen, der jetzt mein Professor ist. Er schlug vor, dass ich doch versuchen sollte, mich in Hannover zu bewerben. Das war die einzige ausländische Uni, an der ich mich beworben habe. Ich erinnere mich, dass bei dem Vorspiel ungefähr 50 Leute waren, die einen Platz wollten. Letztlich haben sie nur drei Bewerber*innen ausgewählt. Es war ziemlich nervenaufreibend. Ich kam zusammen mit 15 anderen in die zweite Runde. Das ist echt gut, dachte ich – und dann, als ich fertig war, überreichten sie mir als kleinen Scherz diese Greencard, als Zeichen dafür, dass ich in die Hochschule aufgenommen war. Ich war mir damals schon sicher, dass ich diesen Tag nie vergessen würde.

Wenn Du Dein Studium noch einmal anfangen könntest: Was würdest Du anders machen?

Wahrscheinlich von Anfang an mehr Deutsch lernen. Als ich anfing zu studieren, konnte ich überhaupt kein Deutsch. Als ich meine B2-Prüfung machte, was verpflichtend ist, war ich schon im dritten Semester. Zu Beginn des dritten Semesters fing ich an, einen Deutschkurs zu nehmen. Ich hatte erst wenig bis keine Probleme, denn in meiner Klasse waren Leute, die weniger Deutsch konnten als ich. Kurz vor der Prüfung wurde es aber doch ein bisschen stressig. Im Rückblick würde ich also, obwohl alles gut gelaufen ist, sagen, dass es wahrscheinlich einfacher gewesen wäre, wenn ich früher angefangen hätte.
 
Was hat Dich regelmäßig zur Verzweiflung gebracht?


Wie bei den meisten Studierenden ist es mit dem Geld immer ein bisschen schwierig. Es ist kein großes Problem, weil meine Eltern mich unterstützen und ich ein Stipendium habe, aber ich habe es trotzdem immer im Hinterkopf. Ich möchte mir keinen Job suchen, weil das weniger Zeit zum Üben bedeuten würde, und dann wäre das Auslandsstudium für mich nicht sehr effizient. Da könnte ich genauso gut in Estland leben und dort arbeiten. Wenn ich studiere, dann 100 Prozent. Ansonsten ist Deutschland ein bisschen umständlich, was die Digitalisierung angeht. In Estland kann ich alles online erledigen, aber hier muss alles auf Papier unterschrieben werden.
 
Was war oft Deine Rettung?

Meine Kommiliton*innen sind total nett. Sie waren von Anfang an super freundlich, als ich sie noch kaum kannte. Ich kam schon zwei Wochen, bevor ich in mein Zimmer einziehen konnte, nach Hannover. Also fragte ich im Gruppenchat meiner Klasse herum: „Hallo Leute, ich bin neu und habe kein Dach überm Kopf.“ Einer antwortete mir. Er war selbst gerade nicht in Hannover war und sagte, ich könnte in seiner leeren Wohnung übernachten und sein Freund würde mir die Schlüssel geben. Der kannte mich nicht mal. Sie sind alle total nett und kümmern sich. Niemand in der Klasse bleibt auf der Strecke.
 
Welche Frage hörst Du auf Familienfeiern jedes Mal?

Ich rufe meine Familie offensichtlich öfter an, als dass ich sie sehe. Die häufigsten Fragen sind: „Bist du hungrig?“ und „Hast du genug Geld?“ ­ vor allem von meiner Großmutter. Großeltern stellen die komischsten Fragen. Sie fragen mich, wie viele verschiedene Autos es in Deutschland gibt oder wie die Leute mich behandeln. Meine Großmutter hat sogar einmal gefragt, ob ich angeschossen wurde. Sie haben ihr ganzes Leben auf dem Land gelebt. Meine Großmutter hat noch nie wirklich verschiedene Automarken gesehen.
 

Ich habe seit Kurzem ein etwas seltsames Hobby.


Wenn Du nicht gerade an der Uni bist: Wo kann man Dich finden?

Ich habe seit Kurzem ein etwas seltsames Hobby. In Estland bin ich immer gerne angeln gegangen. Ich habe mich über die Fischereigesetze in Deutschland informiert und darüber, wie viel es kostet. Es erfordert eine Menge Papierkram und Geld, also habe ich das schnell abgeschrieben. Dafür habe ich angefangen, meine eigenen Köder zu machen. Es gibt eine Ecke in meinem Keller, wo ich das immer mache. Ich nehme mir einen Holzblock und fange an, ihn in die Form eines Fischs zu schnitzen, dann befestige ich Haken daran und male ihn an, sodass er als Köder funktioniert, um die Fische anzulocken. Das ist sehr entspannend und bringt mich auf andere Gedanken. Natürlich gehe ich auch mit Freund*innen weg, gehe einen trinken, gucke Filme, gehe Laufen oder spiele Fußball. Nichts allzu Außergewöhnliches, abgesehen vom Ködermachen.
 
Was war der teuerste Preis für eine gute Note?

Ich habe momentan noch nicht viele Noten. Ich mache diesen Sommer meine Zwischenprüfung. Bis jetzt war Klavier am schwersten. Im Gymnasium hatte ich nur zwei Jahre Klavier. Meine Lehrerin war aber sehr optimistisch und suchte sehr schwierige Stücke aus. Es war viel Arbeit, sie zu lernen, und ich habe mich da wirklich reingehängt. Es hat nicht besonders viel Spaß gemacht. Tut es immer noch nicht. Vom Ergebnis  waren sie aber beeindruckt.
 
Uni heißt auch: Lernen fürs Leben. Was hat dir dein Studienfach für deinen weiteren Weg mitgegeben?

Ich denke, das Wichtigste sind Zeitmanagement und -planung. Es ist wirklich wichtig, seine Tage zu planen. Als ich im Gymnasium war, hatte ich den ganzen Tag Unterricht. Dein Tag wurde für dich geplant, und was immer ich an Freizeit hatte, verbrachte ich mit Üben. Jetzt habe ich nicht viel Unterricht, also muss ich meinen gesamten Tag selber planen. Das erfordert viel Selbstdisziplin. Das kann sehr schwierig sein, aber es ist entscheidend, wenn man ein besserer Musiker werden möchte.
 
Momentan ist Beethovenjahr. Was bedeutet Beethoven für Dich?

Ich kann mit seinen späteren Werken eher etwas anfangen. Einen Draht zu seiner frühen Musik, wie seinen ersten Symphonien, zu finden, fällt mir sehr schwer. Vielleicht bin ich nicht alt genug, um sie wirklich zu verstehen. Ich finde es einfacher, beispielsweise Musik der Romantik zu hören. Damit kann ich etwas anfangen und es genießen. Die Musik aus Beethovens Zeit ist ein bisschen schwierig. Ich respektiere sie und hoffe, dass ich sie eines Tages besser verstehen werde.
 

„Survival-Kit Studium“

Wo in Deutschland kann man gut studieren? Wie lässt es sich als Student gut leben? Und wie übersteht man die erste Fachschaftsparty und die Fragen auf Familienfeiern?

Studierende unterschiedlicher Fachrichtungen erzählen von ihren Erlebnissen an den Unis in Deutschland, ihrem Alltag – und was sie manchmal zur Verzweiflung bringt.

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