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Schaufenster Berlin
​Betrachtungen einer jungen Buchhändlerin in Quarantäne

Giulia in der Berliner U-Bahn-Station Boddinstraße
Giulia in der Berliner U-Bahn-Station Boddinstraße | © Foto (Zuschnitt) Anna Giannessi

Giulia ist eine hervorragende Buchhändlerin. 2012 ist sie nach Berlin gezogen, um dort zu studieren und ihren Abschluss in Editionswissenschaft und Philologie abzulegen. Eines Nachmittags erhält sie während der Arbeit eine Nachricht: Ein Kollege ihrer Mitbewohnerin wurde auf Covid-19 getestet, mit positivem Ergebnis. Nun beginnt für Giulia die Quarantäne, eine Zeit, in der sie begreift, dass unsere Arbeitswelt völlig neu gedacht werden muss. Vor allem aber denkt sie über emotionale Bindungen nach und vergleicht ihre Generation mit der ihrer Großeltern.

Von Giulia Mirandola

Warum bist du in Quarantäne?

Es war ein Donnerstagnachmittag, ich arbeitete gerade in der Buchhandlung. Da schrieb mir meine Mitbewohnerin: „Einer meiner Kollegen wurde positiv getestet, ich bin jetzt in Quarantäne.” Ich habe sofort meine Chefin angerufen, die aus beruflichen Gründen in Leipzig war. Wir haben beschlossen, dass ich mich am nächsten Tag krankschreiben lassen würde.
 
Wie waren die Tage in der Buchhandlung vor der Einschränkung des öffentlichen Lebens?

Ich habe bemerkt, dass mehr los war als sonst. Das haben auch meine Kolleginnen bestätigt. Viele Leute haben mehr Bücher gekauft, als das normalerweise der Fall ist. Es wurden immer zwei oder drei Bücher auf einmal gekauft, alle umfangreich und eher anspruchsvoll. Als hätten die Leserinnen und Leser sich darauf vorbereitet, viel Zeit zu Hause zu verbringen und intensiver zu lesen als gewöhnlich.
 
Wie wirkt sich die Situation auf deine Arbeit aus?

Hauptberuflich bin ich Buchhändlerin. Außerdem arbeite ich freiberuflich für einen Kulturverein, der sich zeitgenössischer Literatur widmet und Publikumsveranstaltungen organisiert. In die Buchhandlung kehre ich nach der Quarantäne zurück, ab April ist bereits Kurzarbeit vorgesehen. Der Kulturverein hat offiziell alle Termine bis zum 19. April abgesagt. Wir sind gerade im Gespräch und versuchen zu verstehen, wie ich meine Rolle auch zu Hause ausfüllen kann. Und wir prüfen neue Formate, die nicht zwingend eine Öffnung fürs Publikum beinhalten.
 
Wie ist deine Gemütsverfassung in dieser Phase?

Dazu kann ich einiges sagen. Ich schlafe sehr gut, in den Wochen vor der Quarantäne bin ich oft mitten in der Nacht aufgewacht. Mir scheint, dass die Menschen um mich herum liebevoller geworden sind, und das finde ich wunderbar. Auch ich fühle mich „weicher”. Ich habe wieder Kontakt zu Menschen, von denen ich lange nichts gehört hatte. Mein Eindruck ist, dass wir einen besseren Zugang zu uns selbst und zu den anderen haben, auf eine berührende Weise. Alles konzentriert sich jetzt aufs Wesentliche.
 
Was ist dir an der Reaktion deiner Familie in Italien aufgefallen?

In diesen Tagen denke ich viel an meine Großeltern. Zwei von ihnen wurden in den Zwanzigerjahren geboren und leben nicht mehr. Die anderen beiden sind in den Dreißigerjahren geboren, sie leben noch, und ich empfinde sie als sehr ruhig, objektiv und gefasst, in Bezug auf die von außen drohenden Gefahren. Sie kommen mir bescheidener und wahrhaftiger vor als meine eigene Generation. Ich frage mich, mit welchen Problemen wir vor dieser Krise eigentlich zu kämpfen hatten, und komme zum Schluss, dass wir privilegiert waren. Wenn die Dinge sich wieder normalisieren, dann wünsche ich mir, dass diese Denkanstöße einen konstruktiven Einfluss auf unsere Art zu leben haben, vor allem auf unsere Art, Beziehungen aufzubauen.
 
Welches Buch möchtest du allen empfehlen, die in Quarantäne sind?

Das Dekameron von Boccaccio oder Un weekend postmoderno. Cronache degli anni ottanta von Pier Vittorio Tondelli. Bei beiden Büchern sehe ich Ähnlichkeiten zwischen der Zeit, in der sie spielen, und der aktuellen Situation.

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