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Ausgesprochen ... Berlin
Queer am Kotti – endlich wieder!

Diskokugel
Foto (Detail): Käthe deKoe © picture-alliance / dieKLEINERT.de

Sogar in der Großstadt mangelt es an Safe Spaces und queeren Hotspots, an denen Queers endlich wieder auf Gleichgesinnte treffen können. Unsere Kolumnistin Margarita Tsomou nimmt uns mit zu einem Wiedersehen am Kottbusser Tor – zentral und marginalisiert zugleich.

Von Margarita Tsomou

„Chaos“ ist auf das Hinterbein der Person vor mir tätowiert. Sie trägt eine dicke Silberkette um den Hals, Basketball-Shorts und einen Undercut unter dem Pferdeschwanz. Ich trage auch eine schwere Silberkette, aber etwas femininer, eine kurze Anzugshose und zu einem Zopf gebundene lange Haare. Genauso wie ich, schlängelt sie sich mit heiterem Schritt um den türkischen Obststand herum, gerade aus Richtung Unterführung, hin zum hinteren Häuserblock des Kottbusser Tors – ich weiß sofort, wir haben dasselbe Ziel: das Möbel Olfe.

Es ist Dienstag und damit der „Frauentag“ in der „Olfe“ – so nennen wir die Bar, die mir, als ich vor 13 Jahren nach Berlin gezogen bin, als queere Institution vorgestellt wurde. Hier, zwischen den Kotti‑Katakomben, den Dönerbuden und Spätis um die Ecke des Methadon‑Ausgabe‑Mobils am Ende der Dresdner Straße versteckt, befindet sich unser Safe Space: der Ort, an dem sich queere Frauen* zu Hause fühlen. Berlin zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht nur eine, sondern viele unterschiedliche Arten von queeren Szenen hat. Die reine Gay‑Kultur, wie man sie fast schon als archäologischen Fund in Schöneberg trifft, war gestern. Angesichts der Vervielfältigung non‑binärer Genderformen kommt das Konzept der Homosexualität an seine Grenzen. Doch ins Möbel Olfe gehen wir, weil es beides schafft: zeitgenössische queere Kultur abbilden und gleichzeitig eine gute, alte Lesbenkneipe sein – eine Berliner Rarität, die ihresgleichen sucht!

Ein Hauch von Gemeinschaftlichkeit

Auf dem Weg dahin lohnt es sich, kurz den Atem anzuhalten, um den Pisse‑Geruch zu vermeiden, und auch, um die eine oder andere herumlaufende Maus (oder sind es doch Ratten??) zu ignorieren. Wenn frau ankommt, erstreckt sich dafür vor ihren Augen eine Crowd wie aus dem lesbischen Bilderbuch.
 
Ein Panorama verschiedenster Frauen*, blutjunge Baby‑Butches und ältere legendäre Lesben‑VIPs. Hier sieht frau schicke Tom‑Boys mit Sakko, Femmes mit langen Haaren oder nasenringtragende Berghain‑Non‑Binaries mit lila Strähnen. Hier die Crew der flirty Italiener*innen, dort die der Syrier*innen, da die multilingualen stolzen Bad‑Ass‑Kanax oder die gerade erst Zugezogenen.

In der Olfe habe ich mich schon immer wohlgefühlt, weil hier kein Dresscode, keine Alters- oder Szenebegrenzung herrscht und weil trotz aller Unterschiede ein Hauch von Gemeinschaftlichkeit über uns allen schwebt – eine Art befriedete Sehnsucht, ihresgleichen um sich zu haben. An diesen Ort können wir immer kommen, denn es wird immer jemand da sein, den*die wir im weitläufigen Berlin lange nicht mehr gesprochen haben.

Keine Primetime für Frauen

Hier treffe ich zum Beispiel die Autor*in‑Ikone Else Buschheuer, die sich vor einigen Jahren geoutet hat, mit gebleichten kurzen Haaren und verdunkelter Brille. Buschheuer erzählt von der Berlinale Premiere Genderation von ihrer Freundin, der queeren Filmemacherin Monika Treut. Für Buschheuer ist die Olfe eine „Queersteckdose“, wo frau ihren Vergewisserungshorizont auflädt, wo das Lesbisch‑Sein transzendiert wird. Queer‑Enfant‑Terrible und ehemalige Missy‑Magazine‑Kolleg*in Hengameh Yaghoobifarah stellt sich zu uns und wir plaudern über seinen*ihren neuen Roman Ministerium der Träume. Meine Freundin Chiara, Creative Director in Sachen Virtual Reality, kommt vorbei und fragt genervt, warum denn eigentlich Dienstag der Frauentag ist. Warum ist der für einen Barbesuch viel bessere Donnerstag der „male‑gay‑day“? Selbst im queeren Mekka Berlins wird Frauen* scheinbar nicht die Primetime gegönnt.

Zwischendurch widmen wir uns dem wichtigsten To‑do: den Blick im Raum schweifen lassen, Blicke erheischen, zurücksenden oder vorbeischauen. Daran sind nicht unbedingt Erwartungen gekoppelt – das Schauen an sich ist der Selbstzweck. Viele kommen einer bekannt vor, vielleicht von hier, vielleicht erkennt man auch Gesichter aus entsprechenden Dating‑Apps – diejenigen, denen man nie geschrieben hat, oder auch die, die nie zurückgeschrieben haben.

Spätestens gegen 22 Uhr ist die Bar so verraucht, dass die Gesichter verschwimmen und das Luftschnappen schwer fällt. Den Preis zahle ich gern. Bei einem Berlin, das sich besorgniserregend schnell verändert, gentrifiziert und aufposht, ist die Olfe einer der wenigen Orte, die ihren Charakter behält. Ob lesbisch oder queer – jenseits der Trends bringt uns hier die Haltung von Trouble Makers zusammen. So ist die Olfe ein bleibender Wert und so wird frau fast konservativ. Wir halten hier die Stellung, um hartnäckig dieses Stück Berlin über alle Transformationen der Stadt hinweg zu bewahren.
 

„AUSGESPROCHEN …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Margarita Tsomou, Maximilian Buddenbohm und Dominic Otiang’a. Unsere Berliner Kolumnist*innen werfen sich in „Ausgesprochen … Berlin“ für uns ins Getümmel, berichten über das Leben in der Großstadt und sammeln Alltagsbeobachtungen: in der U-Bahn, im Supermarkt, im Klub.

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