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„Meistens alles sehr schnell“ von Christoph Kloeble
Wenn Normalität nur ein Konstrukt ist

Christopher Kloeble beim Autorengespräch am 06.02.2020 im Goethe-Institut Rom
Christopher Kloeble beim Autorengespräch am 06.02.2020 im Goethe-Institut Rom | © Goethe-Institut Italien | Foto: Francesco Cicconi

Eine 100 Jahre umspannende Familiengeschichte auf zwei Zeitebenen. Rührende Figuren, die immer wieder fürchterliche Dinge tun. Ein einfacher, bildhafter Stil, den man auch nach der Lektüre nicht vergisst. Ein junger Protagonist, der Waise Albert, der seine Mutter sucht und statt ihrer eine Welt entdeckt, von deren Existenz er überhaupt nichts geahnt hatte. All das im winzigen Segendorf, einem fiktiven Ort mitten in Oberbayern.

Von Giovanni Giusti

Christoph Kloebles neuer Roman Meistens alles sehr schnell (dtv) ist in Italien unter dem Titel Quasi tutto velocissimo bei Keller erschienen, in Übersetzung von Scilla Forti. Zum Abschluss einer Italien-Tournee stellte der Autor sein Buch am Goethe-Institut Rom vor. Es moderierte die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Francesca Melandri.
Autorengespräch am 06.02.2020 im Goethe-Institut Rom Autorengespräch am 06.02.2020 im Goethe-Institut Rom | © Goethe-Institut Italien | Foto: Francesco Cicconi

Am Rande des Wahnsinns

Christopher Kloeble beim Autorengespräch am 06.02.2020 im Goethe-Institut Rom Christopher Kloeble beim Autorengespräch am 06.02.2020 im Goethe-Institut Rom | © Goethe-Institut Italien | Foto: Francesco Cicconi Wir haben Christopher Kloeble zusammen mit Francesca Melandri getroffen. Haben Sie Teile des Buches vor dem Schreiben entworfen, oder sind die Figuren direkt aus dem Bauch heraus entstanden?

„Die wichtigste Figur, mein Ausgangspunkt, war Fred. Ihn hatte ich schon sehr viel früher ins Herz geschlossen, lange Zeit, bevor ich mit dem Roman anfing. Inspiriert haben mich reale Erlebnisse in einem kleinen oberbayrischen Dorf, wo es tatsächlich Menschen gibt, die Fred sehr ähneln. Und er ist eine Figur, die mich sehr lange begleitet hat. Zuerst tauchte er in einer Erzählung auf, dann nahm er über verschiedene Phasen weiter Gestalt an, wurde immer raumgreifender in meiner Fantasie. Einige Leute sagen, ich habe bei seiner Darstellung etwas dick aufgetragen, Fred sei eine Figur am Rande des Wahnsinns. Es gibt aber keine so klare Trennlinie zwischen dem, was uns als Wahnsinn, und dem, was uns als Normalität gilt. Ich bin überzeugt davon, dass „Normalität“ ein recht abstrakter Begriff ist. Das, was wir für Normalität halten, ist ziemlich exotisch. Ich habe eine Vorliebe für diese Art von Normalität entwickelt, die im Grunde keine ist.“

Eine andere Sichtweise

„Quasi tutto velocissimo“ von Christopher Kloeble, Keller Verlag „Quasi tutto velocissimo“ von Christopher Kloeble, Keller Verlag | © Goethe-Institut Italien | Foto: Francesco Cicconi „Meistens alles sehr schnell“ ist jedenfalls eine sehr persönliche Geschichte.

„Albert zweifelt daran, wer er ist, und so ging es auch mir in den bayerischen Alpen. Meine Familie stammte nicht aus dem Dorf, in dem wir lebten, und ich wurde ein bisschen zur Zielscheibe der anderen Kinder. Was sie konnten, gelang mir nicht, ich konnte nicht klettern wie sie, war kein Fan von Bayern München, habe mein erstes Bier mit 18 getrunken. Meinen Figuren fehlt nicht so sehr eine Familie, es geht eher um echte Wurzeln, denn die fehlten auch mir. Im Leben gibt es außerdem einen Konflikt zwischen unserer Perspektive und der Existenz der anderen. Wir verstehen die Sichtweise der anderen nicht, wir sind nicht empathisch, nicht in der Lage zu verstehen, was andere umtreibt. Die Literatur aber ermöglicht, was im Alltag nicht gelingt, durch sie entwickeln wir eine andere, weniger impulsive Sichtweise auf unsere Mitmenschen. Ich habe das Buch geschrieben, weil mich diese Geschichte interessiert hat, aber ich denke, dass ein solches Buch auch dem Leser dabei hilft, anders aufs Leben zu blicken.“

Magischer Realismus in Bayern

Warum sollte man dieses Buch lesen? Das fragen wir zum Abschluss Francesca Melandri.

Meistens alles sehr schnell ist sehr lustig, liest sich sehr angenehm. Von einem Buch verlange ich vor allem, dass mir seine Lektüre Vergnügen bereitet. Das war hier definitiv der Fall, ich habe die Figuren sehr ins Herz geschlossen. Sie sind chaotisch, widersprüchlich, aber wirklich anrührend. Stellen Sie sich, wenn möglich, einen bayerischen Magischen Realismus vor, mit Segendorf als Macondo.“

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