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Friedrich Hölderlin
Die Gefahr und das Rettende

Hölderlinturm, Tübingen
Hölderlinturm, Tübingen | © pixabay

Am 20. März 1770 wurde Friedrich Hölderlin geboren, einer der größten deutschen Dichter. Zu seinem 250. Geburtstag treffen wir Luigi Reitani, Ordinarius für Deutsche Literatur an der Universität Udine und ehemaliger Leiter des Italienischen Kulturinstituts Berlin. Reitani hat unter anderem „Prose, teatro, lettere” (Prosa, Dramen, Briefe) herausgegeben, eine Ausgabe von Werken Hölderlins, die kürzlich in der Reihe „I Meridiani” bei Mondadori erschienen ist.

Von Giovanni Giusti

„Prose, teatro, lettere” (Prosa, Dramen, Briefe) von Luigi Reitani „Prose, teatro, lettere” (Prosa, Dramen, Briefe) von Luigi Reitani | © Mondadori - I Meridiani Herr Professor Reitani, warum ist es 250 Jahre nach Hölderlins Geburt wichtig, ihn wiederzuentdecken, oder ihn zum ersten Mal zu lesen?

„Ich würde sagen, es ist wichtig, ihn zu entdecken, weil er im Sinne Nietzsches ‚unzeitgemäß’ ist. Ein Autor also, der scheinbar weit von uns entfernt ist, und uns gerade deshalb vieles sagen kann. Im Allgemeinen sollten wir von einem Dichter, einem Schriftsteller, einem Philosophen nicht erwarten, dass er von Dingen spricht, die Teil unserer Welt sind, wir sollten vielmehr Dinge erwarten, die nicht zu ihr gehören und uns eben darum helfen, sie zu verstehen. Denn die Distanz, die Entfernung, die Fremdheit helfen uns beim Verstehen.”

Ein Epochenumbruch

„Im Falle Hölderlins haben wir es mit einem Schriftsteller zu tun, der einen Epochenumbruch miterlebt, den der Französischen Revolution, der Moderne, der Entdeckung einer Welt, die anders ist als die Vergangenheit, als die Bräuche des sogenannten Heiligen Römischen Reiches. Dieser Kontrast zwischen dem Horizont der Vergangenheit und der Verheißung der Zukunft, die Dynamik zwischen der Enge einer kleinen Welt und der Weite des Kosmos ist gleichzeitig faszinierend und dramatisch. Er macht uns Leser einer anderen Epoche schwindeln, weil er uns eben einerseits die Kleinheit, die Enge eines Jahrhunderts spüren lässt, das nicht das unsere ist, und uns andererseits begreifen lässt, dass dieser Enge eine große Hoffnung, große Ideale innewohnen.”

War Hölderlin auch Revolutionär?

„Was bedeutet Revolutionär? Die Dynamik verläuft hier zwischen einem Horizont, der sich als Verheißung, als Vision, als Zukunft zeigt, und einer Gegenwart, die all das verwehrt. Hölderlin hat daher mit Sicherheit eine politische Komponente, aber heute interessiert es uns weniger, seinen exakten ‚politischen Steckbrief’ zu erstellen. Was wirklich zählt, ist diese Dynamik zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Sein Schreiben bewegt sich in jedem Fall innerhalb einer politischen Dimension, denn Voraussetzung dafür ist die Polis, die Vorstellung, es existiere eine Gemeinschaft. Ohne diese Idee der Gemeinschaft, ohne die Idee einer Rolle des Schriftstellers in der Gemeinschaft existiert auch seine Literatur nicht.”

Der Wahnsinn als Fluchtweg

Liest man Hölderlins Biografie, so denkt man unwillkürlich an die Verbindung von Genie und Wahnsinn, vielleicht ein Allgemeinplatz der Kunst.

„Hölderlins Wahnsinn ist mit dieser historischen Dynamik verbunden, er ist nicht der einzige Dichter in Deutschland, der in diesem Moment leidet, und somatisiert, könnten wir sagen, der psychische Spannungen und Probleme auf den eigenen Körper überträgt. Eine solche Dynamik gibt es auch bei vielen seiner Freunde, eine 1770 geborene Generation, die diesem großen Epochenumbruch mit seinen Enttäuschungen entgegengeht, und häufig Selbstmord oder Wahnsinn gegenübersteht. Ich weiß nicht, ob hier so sehr das Genie hineinspielt, oder vielmehr die Vergänglichkeit der Epoche und der Wahnsinn als Fluchtweg aus dieser grausamen Desillusionierung durch die Geschichte. Das heißt jedoch nicht, dass alles durch diesen historischen Determinismus erklärbar wäre, hier gibt es auch vielerlei individuelle und biologische Komponenten, angefangen mit Hölderlins familiären Beziehungen.”

Luigi Reitani Luigi Reitani | © Foto: privat Wir durchleben gerade schwierige Zeiten, schenken Sie uns einen Vers Hölderlins, um sie zu überstehen.

„Es gibt einen Vers aus Patmos, den wir wie ein Mantra wiederholen sollten: ‚Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.’ Ich glaube, diese Verse sind sehr bedeutsam und sehr aktuell.”

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